„Die Lebenslüge der EU“

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Unaufgeregt kommt die NZZ mit Blick auf Europa auf den Punkt. Natürlich sind die Gründe für die derzeitigen Probleme für jeden offensichtlich, der bereit ist, offen zu schauen und nicht im System gefangen ist. Der Brexit war bis jetzt nicht die Katastrophe für Großbritannien, die viele vorhergesagt haben. Im Gegenteil, die Finanzmärkte sind heute höher als vor der Abstimmung und wie bei bto früh thematisiert, dass Pfund musste sowieso abwerten und eine Abwertung ist gut und nicht schlecht aus britischer Sicht.

Ganz anders die Sicht in Brüssel:

  • In Brüssel hält indes die Schockstarre an. Es dominieren Konsternation und Ratlosigkeit. Man fühlt sich erinnert an das Diktum des österreichischen Kaisers Ferdinand I. im Revolutionsjahr 1848. Dieser soll – ob wahr oder gut erfunden – beim Blick auf den Protest aufgebrachter Bürger nur ein irritiertes Ja, dürfen’s denn des?gestammelt haben.“ bto: Das ist ein gutes Bild!
  • Mancher Berufseuropäer scheint die Abspaltung als neuzeitliche Majestätsbeleidigung zu werten. Erneut bestätigt sich in diesen Kreisen der Verdacht, dass dem Stimmvolk nicht zu trauen sei. Das ist kein Novum: Die Beziehung zwischen der EU und der direkten Demokratie ist voll von Irritationen und Rückweisungen.“  bto: Man lässt dann einfach solange abstimmen, bis es passt.
  • Auch in anderen Mitgliedstaaten befinden sich europakritische Parteien im Aufwind. Die Angst vor Nachahmern und weiteren Abspaltungen geht um, etwa mit Blick auf Frankreich, die Niederlande oder Österreich. Die Entfremdung zwischen der Brüsseler Elite und der Bevölkerung wächst.“  bto: „Elite“ nicht wegen der Qualifikation, sondern wegen der Rolle.
  • Diesen Unmut als Ausgeburt von Populismus und Hinterwäldlertum herunterzuspielen, ist wenig hilfreich und nährt nur den Verdacht einer abgehobenen und sich verselbstständigenden EU-Kaste.“
  • Nötig ist eine Neuorientierung. Dabei gilt es sich zu fragen, was die EU im Kern zusammenhält und somit erhaltenswert ist – und was die EU entzweit und daher angepasst werden muss.“
  • Als einigende Klammer der EU kann die Grundidee des Binnenmarktes betrachtet werden. Der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Kapital hat Europa nicht nur Wohlstand gebracht.“
  • Wenn der freie Güter- und Dienstleistungsverkehr breiten Rückhalt geniesst, wo verlaufen dann die Bruchlinien? Zu nennen sind zwei Elemente: der Euro und der freie Personenverkehr.“  bto: wie hier immer wieder geschrieben. 
  • Beim Euro sind die Konstruktionsfehler sattsam bekannt: Wirtschaftlich und stabilitätspolitisch höchst heterogene Länder werden durch eine Währung aneinander gekettet, obwohl sie weiterhin eine autonome Wirtschaftspolitik betreiben. (…) Die zur Rettung des brüchigen Elitenprojektes praktizierten Hauruckübungen und Regelbrüche haben dem Ansehen der EU als Rechtsgemeinschaft schwer geschadet.“  bto: In der Tat sind es Rechtsbrüche der wildesten Art, nur noch getoppt von der einseitigen Aufhebung von Dublin durch die Bundesregierung.
  • „Der Euro hat sich als das herausgestellt, was Ralf Dahrendorf schon 1995 weitsichtig ahnte: als abenteuerliches, waghalsiges und verfehltes Ziel, das Europa nicht eint, sondern spaltet.“
  • In der auf 28 Staaten angewachsenen EU steigt das Bedürfnis weiter Bevölkerungsteile, eine als unkontrolliert empfundene Migration zumindest teilweise wieder steuern zu können. Dass dies nicht möglich ist, wird als Ohnmacht empfunden, als Selbstaufgabe nationaler Selbstbestimmung.“
  • Man kann einen Sozialstaat haben, und man kann freie Zuwanderung haben. Aber man kann nicht beides gleichzeitig haben, meinte dazu der liberale Ökonom Milton Friedman. Diese ökonomischen Anreizprobleme dürften auch Brüssel bewusst sein. Dennoch verknüpft man den Binnenmarkt mit unbeschränkter Wanderungsfreiheit – wohl im Bestreben, Fakten zu schaffen und das Ziel einer Sozialunion vorwegzunehmen.“
  • Eine affektive Bindung an Europa lässt sich nicht per Währung oder Dekret oktroyieren, und auch nicht über freien Personenverkehr. Wird Letzterer von einer Mehrheit der Landesbevölkerung als nachteilig empfunden, resultiert eher das Gegenteil (…).“ bto: so richtig!

Die uneingeschränkte Personenfreizügigkeit gilt als sakrosankt, selbst Debatten darüber sind tabu. Mit dieser Haltung gefährdet man das übergeordnete Ganze, den Binnenmarkt. Der Brexit, der bei mehr Entgegenkommen Brüssels in der Migrationsfrage kaum eine Mehrheit gefunden hätte, sollte ein Weckruf sein. Gefordert ist ein kontrollierter Rückbau, der die EU wieder in Einklang bringt mit der Realität souveräner Mitgliedstaaten.“

bto: Was der Autor dann nicht mehr schreibt  natürlich muss auch der Euro neu geordnet oder abgeschafft werden.

→ NZZ: „Die Lebenslüge der EU“, 6. August 2016

10 Antworten
  1. Stefan Bohle says:

    In einem Interview hat sich nunmehr auch J. Stieglitz (Zusammenfassung gestern auf ntv.de) dahingehend geäußert dass er den Euro für nicht zu retten hält und auffordert, nach Wegen für eine „einvernehmliche Scheidung“ zu suchen, um den bewahrenswerten Kern des europäischen Einigungsprozesses zu retten. Schon dies dürfte die Politik bis ans Limit fordern (oder überfordern)…

    Antworten
  2. Dieter Krause says:

    Die Debatte um den Rückbau der EU (oder besser partiellen Auflösung der Euro-Zone) wird nach dem Erscheinen des neuen Buches von Nobelpreisträger Joseph Stiglitz Ende September noch stärker werden. Hier schon mal ein Vorgeschmack aus der heutigen WELT. Ich glaube aber nicht wirklich daran, weil die Sicherheitsbedenken in Europa wegen Rußland (und vielleicht auch der Türkei) am Ende überwiegen werden. Die schwierigen Details dazu versteht der Normalbürger außerdem sowieso nicht – und auch nicht die AfD (jetzt ohne die meisten ihrer ehemaligen Euro-Kritiker und Ökonomie-Professoren, die mit Lucke 2015 gegangen sind):

    Nobelpreisträger Joseph Stiglitz fordert das Ende des Euro

    Wie können wir das verschuldete Europa retten? Indem wir den Euro abschaffen – das zumindest rät der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Und er hat einen prominenten deutschen Mitstreiter. Von Holger Zschäpitz
    Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz war Berater von Bill Clinton. Er gilt als Keynesianer http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/Stiglitz_JEuropa_spart_sich_kaputt_165032.jpg
    Foto: Getty Images/Getty Images North America Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz war Berater von Bill Clinton. Er gilt als Keynesianer

    Der Kanzlerin dürfte Joseph Stiglitz keinen Gefallen getan haben. Sie hat das Projekt Europa nach der politischen Sommerpause ganz oben auf die Agenda gesetzt – und kann zusätzlichen Gegenwind überhaupt nicht gebrauchen. Wenn Angela Merkel in den nächsten Tagen ihre Vision für den Kontinent dem französischen Präsidenten François Hollande und dem italienischen Premier Matteo Renzi präsentiert, ist der Gegenentwurf bereits da.

    Denn in die Diskussion über Europas Zukunft hat sich lautstark der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz eingeschaltet. Er hält den Euro hinderlich für den Aufschwung und sieht im Bruch der Gemeinschaftswährung sogar die einzige Chance, das wirtschaftlich lahmende Europa wieder in Schwung zu bringen.

    „Der Euro wurde geschaffen, um für Wachstum und mehr Solidarität in Europa zu sorgen. Genau das Gegenteil ist eingetreten. Einige Länder stecken in einer wirtschaftlichen Depression, die größer ist als die Große Depression der 1930er-Jahre“, schreibt Stiglitz. Die Politik könne wenig machen.
    Der Euro bedroht die Europas Zukunft

    „Die Konstruktionsfehler des Euro scheinen unüberwindbar. Es ist Zeit, über eine Auflösung nachzudenken“, so Stiglitz. Der US-Ökonom, der an der Columbia Universität lehrt und 2001 den Nobelpreis bekam, hat in dieser Woche ein Buch über den Euro herausgebracht. Darin versucht er zu belegen, warum die Gemeinschaftswährung die Zukunft Europas bedroht.

    Stiglitz ist nicht der erste renommierte Ökonom, der dem Euro eine Mitschuld an der wirtschaftlichen Malaise der Euro-Zone gibt. Bereits im vergangenen Jahr hat der ehemalige Ifo-Chef Hans-Werner Sinn (Link: http://www.welt.de/themen/hans-werner-sinn/) seine Streitschrift „Der Euro: Von der Friedens- idee zum Zankapfel“ veröffentlicht. Damit stehen nunmehr Ökonomen vom linken bis zum konservativen politischen Spektrum der Gemeinschaftswährung kritisch gegenüber und fordern die Abschaffung.

    Bei der Beschreibung der Euro-Folgen sind sich Stiglitz und Sinn überraschend einig. Die Gemeinschaftswährung habe Europa wirtschaftlich ausein-andergetrieben. Sichtbar wird das nicht nur an den unterschiedlichen Arbeitslosenraten. In Spanien liegt sie rund vier Mal höher als in Deutschland. Auch zwischen Deutschland und Italien klaffen Welten. Lag die italienische Rate vor zehn Jahren noch unter der deutschen, hat sich das inzwischen vollkommen verkehrt.

    Beim Wirtschaftswachstum zeigt sich inzwischen nicht nur eine gefährliche Divergenz innerhalb der Euro-Zone. Auch im Vergleich mit Nicht-Euro-Staaten wie Schweden fällt der Euro negativ auf. Insbesondere seit der Finanzkrise akzentuieren sich die Unterschiede. Beispielsweise hat Schweden die Finanz- krise inzwischen weit hinter sich gelassen, während Finnland noch immer an den Folgen laboriert.

    Finnen debattieren über Abschied vom Euro

    Das finnische Parlament wird im kommenden Jahr über den Euro diskutieren. Grund ist ein Volksbegehren. Und die schwache Wirtschaftsentwicklung des Landes.
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/parlament-in-finnland-debattiert-ueber-euro-austritt-13915626.html

    Eine Aufschwungbremse ist der Euro offensichtlich auch für Italien. Erst jüngst meldete der Internationale Währungsfonds, dass die Stiefelökonomie erst Mitte des kommenden Jahrzehnts das Vorkrisenniveau von 2007 wieder erreichen wird. Ein Grund ist die italienische Industrieproduktion, die auf dem Niveau der 1980er-Jahre angekommen ist. „Das Land hat massiv an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt“, schreibt die Ratingagentur DBRS und droht Italien mit einer Abstufung.

    Die italienische Depression

    Italien ist das größte Risiko in der Euro-Krise. Die Sparpolitik zeigt erste Erfolge, hat die Wirtschaft aber abgewürgt. Sogar der IWF sieht kaum Wachstumsperspektiven.
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-10/italien-euro-rezession-krise-depression

    Sind sich Sinn und Stiglitz in der Beschreibung der aktuellen Situation einig, machen beide Spitzenökonomen unterschiedliche Schuldige aus. Der US-Nobel-preisträger macht Deutschland für das Scheitern des Euro verantwortlich. Es sei eine „fatale Entscheidung“ gewesen, die Europäische Zentralbank (EZB) nach dem deutschen Vorbild der Bundesbank zu schaffen, die sich allein um die Bekämpfung der Inflation und weniger um wirtschaftliches Wachstum kümmert. Und auch die Schuldenregeln hätten den Regierungen jede Möglichkeit genommen, durch eine proaktive Politik Wachstumsunterschiede auszugleichen. Der Umgang mit Griechenland und die oktroyierten Sparauflagen sind für Stiglitz sinnbildlich für die verfehlte Politik.

    Briten und Italiener gehen – wegen Deutschland

    Währenddessen feiern wir Handelsbilanzüberschüsse, die im laufenden Jahr neun Prozent des BIP erreichen dürften. Die starke deutsche Wirtschaft spielt auch in der aktuellen Brexit-Diskussion in Großbritannien eine entscheidende Rolle. Nur selten wird es so offen ausgesprochen wie in einem Kommentar im konservativen The Telegraph.
    http://www.manager-magazin.de/politik/europa/uscitalia-statt-brexit-der-grosse-knall-steht-noch-bevor-a-1097719-6.html

    In der Folge habe der Euro das Wachstum behindert, die Desintegration gefördert und sich als Investitionsbremse entpuppt. In der Euro-Zone sei der Output pro Arbeitskraft seit 2007 lediglich um 0,6 Prozent gestiegen, verglichen mit rund vier Prozent außerhalb des Euro-Raums.

    Stiglitz sieht die beste Lösung darin, die Euro-Zone endlich zu einer wirklichen Währungsunion zu machen. Doch die rigide deutsche Haltung und all die Regeln würden wohl zu lange dauern und zu kostspielig sein, um dieses Ziel zu erreichen.

    Ökonomen unterschätzen womöglich politischen Willen zum Euro

    Daher sei eine Scheidung wohl die politisch gangbarere Lösung. Um den Schaden möglichst klein zu halten, spricht sich der Nobelpreisträger dafür aus, den Euro zu splitten in einen Nord-Euro und einen Süd-Euro. Damit könne man den unterschiedlichen wirtschaftlichen Umständen besser gerecht werden.

    In den vergangenen Jahren hatten sich immer wieder Nobelpreisträger für eine Auflösung des Euro (Link: http://www.welt.de/131464451) ausgesprochen. „Ich kann mir mit dem Euro keinen wirklichen Aufschwung in der Euro-Zone vorstellen, der auch den Namen Aufschwung verdient“, hatte James Mirrlees, Professor für politische Ökonomie in Cambridge, auf dem Nobelpreisträger-Treffen in Lindau bereits 2014 der „Welt“ gesagt.

    Doch möglicherweise unterschätzen die Ökonomen den politischen Willen der EU-Politiker. Wenn es um das Überleben geht, haben die Regierungen schon einige Regeländerungen vorgenommen. Und so dürfte die Kanzlerin auch den italienischen Schuldenvorstoß möglicherweise hinnehmen.

    http://www.welt.de/wirtschaft/article157755669/Nobelpreistraeger-fordert-das-Ende-des-Euro.html

    Für Stiglitz ist Spanienhilfe „Voodoo-Ökonomie“ 11. Juni 2012,

    Ohne gemeinsames Bankensystem und eine Fiskalunion bringe die Spanien-Rettung nichts, meint Nobelpreisträger Stiglitz New York – Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat das europäische Hilfsprogramm für Spaniens Banken als „Voodoo-Ökonomie“ kritisiert. „Das System ist: Die spanische Regierung rettet die spanischen Banken, und die spanischen Banken retten die spanische Regierung“, sagte Stiglitz in einem Reuters-Interview. Dies könne nicht funktionieren. Stattdessen müsse Europa die Schaffung eines gemeinsamen Bankensystems und einer Fiskalunion vorantreiben. „Man muss sich dem zugrundeliegenden Problem stellen, und das ist: das Wachstum zu fördern“, sagte der frühere Wirtschaftsberater des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, der als scharfer Kritiker von Sparprogrammen gilt. „Deutschland hält daran fest, dass die Stärkung durch Haushaltsdisziplin kommt, aber das ist ein komplett falsche Diagnose“, warnte Stiglitz. Der Preis, den Deutschland für einen Zerfall des Euro zahlen müsse, sei höher als der Preis für die Rettung der Gemeinschaftswährung. – derstandard.at/1338559150909/Nobelpreistraeger-Fuer-Stiglitz-ist-Spanienhilfe-Voodoo-OekonomieFür Stiglitz ist Spanienhilfe „Voodoo-Ökonomie“ 11. Juni 2012, 11:39 107 Postings Ohne gemeinsames Bankensystem und eine Fiskalunion bringe die Spanien-Rettung nichts, meint Nobelpreisträger Stiglitz New York – Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat das europäische Hilfsprogramm für Spaniens Banken als „Voodoo-Ökonomie“ kritisiert. „Das System ist: Die spanische Regierung rettet die spanischen Banken, und die spanischen Banken retten die spanische Regierung“, sagte Stiglitz in einem Reuters-Interview. Dies könne nicht funktionieren. Stattdessen müsse Europa die Schaffung eines gemeinsamen Bankensystems und einer Fiskalunion vorantreiben. „Man muss sich dem zugrundeliegenden Problem stellen, und das ist: das Wachstum zu fördern“, sagte der frühere Wirtschaftsberater des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, der als scharfer Kritiker von Sparprogrammen gilt. „Deutschland hält daran fest, dass die Stärkung durch Haushaltsdisziplin kommt, aber das ist ein komplett falsche Diagnose“, warnte Stiglitz. Der Preis, den Deutschland für einen Zerfall des Euro zahlen müsse, sei höher als der Preis für die Rettung der Gemeinschaftswährung. – derstandard.at/1338559150909/Nobelpreistraeger-Fuer-Stiglitz-ist-Spanienhilfe-Voodoo-OekonomieFür Stiglitz ist Spanienhilfe „Voodoo-Ökonomie“

    Ohne gemeinsames Bankensystem und eine Fiskalunion bringe
    die Spanien-Rettung nichts, meint Nobelpreisträger Stiglitz

    New York – Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat das europäische Hilfsprogramm für Spaniens Banken als „VoodooÖkonomie“ kritisiert. „Das System ist: Die spanische Regierung rettet die spanischen Banken, und die spanischen Banken retten die spanische Regierung“, sagte Stiglitz in einem Reuters-Interview. Dies könne nicht funktionieren. Stattdessen müsse Europa die Schaffung eines gemeinsamen Bankensystems und einer Fiskalunion vorantreiben. „Man muss sich dem zugrundeliegenden Problem stellen, und das ist: das Wachstum zu fördern“, sagte der frühere Wirtschaftsberater des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, der als scharfer Kritiker von Sparprogrammen gilt. „Deutschland hält daran fest, dass die Stärkung durch Haus- haltsdisziplin kommt, aber das ist ein komplett falsche Diagnose“, warnte Stiglitz. Der Preis, den Deutschland für einen Zerfall des Euro zahlen müsse, sei höher als der Preis für die Rettung der Gemeinschaftswährung.

    Mit Spanien schlüpft bereits das vierte Euro-Land nach Griechenland, Irland und Portugal unter den Euro-Rettungsschirm. Der spanische Wirtschafts-minister Luis de Guindos am Wochenende einen entsprechenden Antrag angekündigt, aber keine genaue Summe genannt. Die Euro-Finanzminister erklärten sich bereit, dem Mittelmeerland bis zu 100 Mrd. Euro zur Verfügung zu stellen. Die Regierung in Madrid will nach einer spätestens für den 21. Juni angekündigten unabhängigen Banken-Studie Licht ins Dunkel bringen. Damit würde der Antrag nach der Parlamentswahl in Griechenland gestellt werden, die auch mit Blick auf den Verbleib des Landes in der Eurozone wichtig ist. Die Vereinbarung wurde am Wochenende besiegelt. Das Interview mit Stiglitz wurde bereits am Freitag geführt.

    Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat die Euro-Rettungshilfen für Spanien gegen jedgliche Kritik verteidigt. Bei dem anvisierten Antrag auf Milliardenhilfen handle es sich nicht um eine direkte Finanzspritze für die maroden Banken des Landes, betonte Schäuble am Montag im Deutschlandfunk. „Der spanische Staat ist der Kreditnehmer für Europa, Spanien haftet dafür.“ Die Regierung in Madrid werde das Geld den Finanzinstituten dann zur Verfügung stellen und die Banken beaufsichtigen. Die mit den Finanzhilfen verbundenen Auflagen würden dabei nur den Finanzsektor betreffen. „Es wird genauso eine Troika geben, es wird genauso natürlich überprüft werden, dass das Programm eingehalten wird, aber es bezieht sich nur auf die Restrukturierung des Bankensektors“, betonte der CDU-Politiker. (APA/Reuters, 11.6.2012)

    28.08.2014
    Euro-Politik – Nobelpreisträger rechnen mit Merkel ab

    Bei ihrem Treffen in Lindau haben die Wirtschafts-Nobelpreisträger Kanzlerin Angela Merkel heftig kritisiert. Die von ihr verordnete Sparpolitik habe weitreichende Folgen für die Euro-Zone. Von Holger Zschäpitz
    Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) posiert in Lindau (Bayern) mit Nobelpreisträgern und Bettina Gräfin Bernadotte af Wisborg, Präsidentin des Kuratoriums, für ein Gruppenfoto
    Foto: dpa Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) posiert in Lindau (Bayern) mit Nobelpreisträgern und Bettina Gräfin Bernadotte af Wisborg, Präsidentin des Kuratoriums, für ein Gruppenfoto

    Eric Maskin und Angela Merkel gaben ein harmonisches Paar ab. Der Nobelpreisträger und die Physikerin plauderten in der Inselhalle in lockerem Ton über die Unterschiede ihrer wissenschaftlichen Disziplinen.

    Die Bundeskanzlerin war zum ersten Mal nach Lindau an den Bodensee gekommen, um das renommierte Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger zu eröffnen. Doch die Harmonie zwischen Merkel und Maskin trog.

    Denn die inhaltlichen Gräben sind tiefer als gedacht. „Merkel verfolgt in Europa eine völlig falsche Politik. Der von ihr verordnete Sparkurs wird die Euro-Zone in die Depression schicken“, sagte der in Harvard lehrende Maskin der „Welt am Sonntag“.

    Über wenige Dinge herrschte beim Nobelpreisträgertreffen so viel Einigkeit wie über Merkels Auftritt in Lindau. Mit kollektiver Ablehnung hat die Elite der internationalen Wirtschaftsforschung die Vorschläge der Bundeskanzlerin zur Lösung der Euro-Krise (Link: http://www.welt.de/themen/euro-krise/) quittiert.

    Merkel hatte betont, die „Konstruktionsfehler des Wirtschaft- und Währungssystems“ müssten durch härtere Sanktionen gegen Schuldensünder und Reformverweigerer behoben werden. Deutschland habe bewiesen, dass man auch mit einer konsequenten Haushaltskonsolidierung aus einer Krise wachsen könne.
    Die Merkel-Kritik reicht durch alle ökonomische Schulen

    Ohne konkrete Länder der Euro-Zone beim Namen zu nennen, schleuderte sie in Richtung Italien und Frankreich (Link: http://www.welt.de/131216431) die Frage, ob „man sich für Wachstum eigentlich immer verschulden“ müsse. Nach den jüngsten enttäuschenden Konjunkturzahlen in der Euro-Zone werteten die Nobelpreisträger die Äußerungen der Kanzlerin fast schon als Provokation.

    Bemerkenswert dabei ist, dass die Kritik quer durch sämtliche ökonomische Schulen reichte. Nicht nur die üblichen Verdächtigen, also keynesianisch geprägte Ökonomen, warnten vor den verheerenden Folgen der Sparpolitik. Auch Spieltheoretiker und Makroökonomen konservativer Universitäten stimmten ein ins Merkel-Bashing.

    Die frontale Attacke der klügsten Köpfe (Link: http://www.welt.de/131420413) zeigt nicht nur, wie weit sich Politik und Ökonomie voneinander entfernt haben, gerade wenn es um Themen wie die Euro-Krise geht. Sie macht auch deutlich, dass es für Deutschland noch schwerer werden dürfte, seine orthodoxen wirtschaftspolitischen Vorstellungen in Europa durchzusetzen. Die Ökonomen rechnen deshalb auch damit, dass Merkel weitere deutsche Positionen räumen muss, will sie nicht den Euro riskieren.

    „Ich habe nicht mehr viel auf den Euro gegeben und war überrascht, wie stark der politische Wille an der Gemeinschaftswährung ist. Aber wenn man sich für den Euro entschieden hat, muss man auch etwas dafür tun“, sagt Lars-Peter Hansen.

    Der Professor von der University of Chicago spricht sich angesichts der wirtschaftlichen Stagnation für Investitionen in Bildung oder die Infrastruktur aus. „Einem Land, das bereits am Boden liegt, mit weiteren Strafmaßnahmen zu drohen, halte ich für keine so gute Idee“, sagt Hansen.
    Merkel habe den „Ernst der Lage nicht kapiert“

    Seine Äußerungen sind bemerkenswert, gilt Chicago doch als erzliberale Kaderschmiede unter den US-Universitäten. Hier lehrten einflussreiche Größen wie Milton Friedman oder Friedrich Hayek.

    Noch weniger Zurückhaltung gegenüber dem Kurs von Merkel übt Edmund Phelps von der New Yorker Columbia University. „Europa ist intellektuell und in Sachen Einfallsreichtum bankrott“, poltert der Nobelpreisträger von 2006.

    Die Rede der Kanzlerin sei eine einzige Katastrophe gewesen und habe jegliche Vision für den Kontinent vermissen lassen: „Merkel scheint den Ernst der Lage nicht kapiert zu haben.“ Auch Cambridge-Professor James Mirrlees hält die Kanzlerin für wirtschaftlich falsch beraten.

    „Immerhin hat sie bereits erkannt, dass der Euro Konstruktionsmängel hat. Nur zieht sie daraus die falschen Schlüsse,“ so Mirrlees. Der Nobelpreisträger von 1996 räumt dem Euro keine großen Überlebenschancen ein.
    Ökonomen wehren Kritik an ihrer Zunft ab

    Die dramatisch hohen Arbeitslosenraten in einzelnen Mitgliedsstaaten drohten den Euro zu sprengen. „Die Kosten für das Festhalten an der Gemein-schaftswährung sind hoch. Die man muss man bereit sein zu tragen.“

    Zu Befremden hat auch Merkels harsche Kritik an der Ökonomen-Zunft (Link: http://www.welt.de/131431998) geführt. Die Kanzlerin hatte die Wissen-schaftler gefragt, warum viele sachverständigen Prognosen, „so schwer neben der Realität“ gelegen hätten. Die Ökonomen sollten in ihrer Politikberatung ehrlicher sein und Fehler zugeben.

    „Die Politik sucht sich in der Regel ökonomische Berater, die von ihren Thesen sehr überzeugt sind“, sagt dazu Hansen. Da müsse sich Merkel über fehlende Ehrlichkeit nicht wundern.

    „Die Politik muss damit leben, dass Prognosen immer mit Unsicherheit behaftet sind und niemand die Zukunft klar vorhersagen kann“, so Hansen. Der Mann weiß, wovon er spricht. Er ist 2013 für seine Forschungen zu Risiken und Unsicherheit bei der Entscheidungsfindung mit dem Nobelpreis geadelt worden.

    Auch Eric Maskin kann mit der Ökonomenkritik nichts anfangen. „Nur eines scheint klar: Merkel hat die falschen ökonomischen Berater.“

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  3. Johannes says:

    „Lebenslügen“ sind leider die beständigsten Lügen. Ihr Eingestehen erfolgt oftmals nicht und wenn, dann meist infolge eines heftigen Ereignisses. Was die Erfahrung im persönlichen lehrt, gilt m.E. auch im politischen Leben.

    Die „Einsicht“ von Stieglitz kommt schlicht zu spät. Der zurück gelegte „Euro-Weg“ ist schon zu lang und kein aktuell im Amt befindlicher Politiker will als Totengräber des Euro in die Geschichtsbücher eingehen – am allerwenigsten die amtierende Kanzlerin…; diese Frau ist nach meiner Einschätzung bereit zur reinen Wahrung ihres Gesichtes Deutschland zur Gänze „vor die Wand“ zu fahren.

    Und sich verwundert über die kommenden Wahlergebnisse die Augen reiben.

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