Der Systemdruck ist hoch

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Die OECD warnt laut vor einer neuen Rezession in der Weltwirtschaft und fordert die Regierungen auf „dringend“ zu handeln. Nötig sei eine Kombination aus noch mehr billigem Geld, Strukturreformen und höheren Staatsausgaben. Zu Letzteren wird vorgerechnet, wie diese für sich selbst bezahlen. Nicht nur wäre das BIP höher, nein, wir hätten dann auch tiefere Schuldenquoten.

Das liegt auch an den tiefen Finanzierungskosten, die in einigen Ländern bekanntlich negativ sind. Es ist nicht das erste Mal, dass Rechnungen vorgelegt werden, die quasi eine wundersame Wohlstandsvermehrung durch höhere Schulden versprechen. Zusätzlich beklagt die OECD die negative Wirkung der politischen Unsicherheit auf das Investitionsverhalten von Unternehmen:

 

Diese politischen Unsicherheiten sind bekanntlich erheblich: ungelöste Flüchtlingskrise, terroristische Bedrohung, zunehmende politische Spannungen. Ein Risiko, welches aus Sicht der OECD die Notwendigkeit von Konjunkturprogrammen stärkt.

Die negativen Zinsen erleichtern zwar deren Finanzierung, doch werden die schlechten Nebenwirkungen immer offensichtlicher. Ambrose Evans-Pritchard (AEP) schreibt im Telegraph, dass sie letztlich das Bankensystem ruinieren. Die aktuelle WirtschaftsWoche hat es als Titelgeschichte.

Seit Anfang Dezember sind japanische Bankaktien um 32 Prozent eingebrochen, in der Eurozone um 26 Prozent. Zum einen signalisieren niedrige Langfristzinsen eher geringes Wachstum und anhaltende Deflation, was die Krise verlängert, zum anderen werden die Margen der Banken noch weiter gedrückt, weil sie die gesunkenen Zinsen (noch) nicht auf den Einlagen weitergeben können. Morgan Stanley hat die Wirkung einige Banken simuliert:

Laut Morgan Stanley wirken Negativzinsen von mehr als 0,2 Prozent „exponentiell“ schlecht auf die Margen der Banken und gefährden damit das ganze Bankensystem in Europa. Darüberhinaus sieht AEP den klaren Zusammenhang mit der Einschränkung der Bargeldnutzung. Natürlich dient das einzig und alleine dem Zweck, eine Flucht aus dem System zu verhindern. Es erinnert an das Verbot privaten Goldbesitzes unter Roosevelt.

Die Negativzinsen werden dabei von den Finanzmärkten „fälschlich “ als ein Zeichen dafür gesehen, dass den Notenbanken die Munition ausgeht. (bto: „fälschlich“, weil AEP als nächsten Schritt das Helikopter-Geld erwartet). In Wirklichkeit ist es ein Versagen der Staaten, die das Geld nicht direkt in die Wirtschaft pumpen, indem sie sich von den Notenbanken Konjunkturprogramme finanzieren lassen. Westliche Staaten könnten sich bis in 2030er-Jahre Geld umsonst leihen, trotzdem tun sie es nicht um ihre verfallene Infrastruktur zu sanieren und die Grundlagen für künftiges Wachstum zu legen, aus Angst vor hohen Defiziten. Dabei wäre echtes Helikopter-Geld als Geschenk der Notenbanken, wie Adair Turner es fordert, auch dafür eine Lösung, so AEP.

Konkret sollten die Staatsanleihen, die die Notenbanken aufgekauft haben, umgewandelt werden in „perpetual non-interest bearing debt, and preferably burned on a pyre in public squares to the sound of trumpets to drive home the message that the debt has been eliminated forever “.

Damit nicht genug. Auch die Finanzierung eines „New Deals “ sollte genauso erfolgen. Mit Geld, welches die Notenbanken dazu zur Verfügung stellen und nie zurückfordern. Genau, der Vorschlag von Adair Turner. Den Notenbanken kann demzufolge niemals die Munition ausgehen.

Ausnahme ist allerdings die EZB. Dieser ist laut Maastricht-Vertrag die direkte Staatsfinanzierung verboten. – bto: naja. Zum einen haben wir den Vertrag schon lange gebrochen, zum anderen dürfte der Druck so groß werden, dass auch die Deutschen mitmachen – denn sonst treten die anderen aus.

Wie dringend nötig das Helikopter-Geld ist, zeigte sich dann auch an einer erneuten lauten Intervention von Ray Dalio.

  • Geldpolitik über Vermögenseffekt wirkt nicht mehr, weil Assets schon so teuer sind, dass künftige Renditen nicht mehr attraktiv sein können. Bargeldhaltung attraktiver.
  • Die Risiken sind asymmetrisch nach unten ausgerichtet. An einem Tag kann man eine Jahresrendite verlieren. Das Upside dagegen ist begrenzt.
  • Zwangsläufig ist Volatilität der Wechselkurse höher, weil bei tiefen Zinsen und Zinsdifferenzen die Anpassungen zwischen den Währungen abrupter und stärker ausfallen bzw. bei fehlender Anpassungsmöglichkeit der Wechselkurse die realwirtschaftlichen Anpassungen schmerzvoller. Die Folge sind „Währungskriege“.

Nach dieser bekannten Beschreibung der Situation kommt er zu dem Fazit, dass nun die dritte Phase der Geldpolitik beginnt, „(…) which will more directly and forcefully encourage spending“. Gemeint sind Staatsfinanzierung und Geld für Haushalte direkt von der Notenbank (da sind sie wieder die 10.000 Euro für jeden …). Natürlich betont er, dass er das nicht empfiehlt bzw. nicht erwartet, dass es rasch geschieht. Er sieht es nur als Notwendigkeit, weil die „economic machine“ so funktioniert. (bzw. ohne diese Maßnahmen nicht wieder funktionieren kann).

Die FT zitiert dann auch Willem Buiter – einen langjährigen Verfechter von Helikopter-Geld, Negativzins und Bargeldverbot – der bezweifelt, dass die Regierungen die Kraft haben, stärker zu intervenieren: „(…) it is increasingly doubtful that many policymakers have the political capital or the will to pull the fiscal levers“. Auf jeden Fall dürfte es zu lange dauern und die Zeit läuft uns davon.

bto: Das kann sein. Ich finde es interessant, wie schnell die Rufe immer lauter werden. Das spricht für erheblichen Stress im System. Und ja, hier ist er:

 

Quelle: Zero Hedge

Dabei weist die BofA darauf hin, dass zu früheren Zeiten die Notenbanken immer interveniert haben, sobald der Stress im System so groß war, gemessen an der Performance von Banken relativ zu Staatsanleihen. Brechen sie ein, spricht das für eine Flucht in Sicherheit:

 

Quelle: Zero Hedge

Dabei setzt die BofA alle Hoffnungen auf eine große Einigung in Schanghai am kommenden Wochenende. Kernpunkt: eine deutliche Abwertung des Renminbi. Schauen wir mal. Klingt alles sehr nach Eiszeit in der Weltwirtschaft.

→ The Telegraph: „Global leaders must act now as fresh downturn looms, warns OECD, 18. Februar 2016

→ The Telegraph: „Negative interest rates are a calamitous misadventure, 17. Februar 2016

→ FT (Anmeldung erforderlich): „‚Helicopter money’ on the horizon, says Ray Dalio‘“, 18. Februar 2016

→ Value Walk: What Monetary Policy 3 will look like, 18. Februar 2016

10 Antworten
  1. Johannes says:

    „Kernpunkt: eine deutliche Abwertung des Renminbi.“

    Damit würden chinesische Produkte preisgünstiger – der „Rest der Welt“ müsste nachziehen und die deflationäre Preis-Spirale verschärft sich. Das ruft widerum die „Infaltionierer“ – allen voran die EZB – verstärkt auf den Plan und ihre „Helikopter-Geld-Phantasien“; zuerst werden die Staatanleihekäufe ausgeweitet, die zu hinterlegenden Sicherheiten verdienen ihre Bezeichnung „sicher“ nicht mehr und am Ende steht womöglich der „finale Schuß“: Geld direkt an die Haushalte.

    Es ist ziemlich vorhersehr wohin die Reise geht – allein das Tempo kann noch für Überraschungen sorgen.

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  2. Michael Stöcker says:

    Lieber Herr Stelter,

    auch die EZB ist keine Ausnahme. Ihr ist zwar die monetäre Staatsfinanzierung verboten, nicht aber die monetäre Bürgerfinanzierung. Art. 123 AEUV benennt explizit „Organe, Einrichtungen oder sonstige Stellen der Union, Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder andere öffentlich-rechtliche Körperschaften, sonstige Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten“. Der Bürger ist hier nicht erwähnt. Zudem wird keine Überziehungs- oder andere Kreditfazilität ausgereicht, sondern ähnlich dem Münzgeld eine schuldfreie Bürgerseigniorage, die dem Aktivgeld eines Thomas Mayer sehr ähnlich ist. Die systemische Notwendigkeit hierfür hatte ich schon vor über 2 Jahren hergeleitet: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/13/zehn-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/

    LG Michael Stöcker

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