„Der Euro – funktioniert doch“, finde ich nicht

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Da blieb nicht nur mir die Spucke weg bei diesem Kommentar von Thomas Fricke bei SPIEGEL ONLINE. Schon vor den Kommentaren bei bto hatte ich mir vorgenommen, genauer darauf einzugehen. Hier seine Sicht auf den Zustand des Euro und die Ursachen der Krise: 

  • „(…) die Frage liegt 2017 nahe, ob diejenigen nicht recht hatten, die schon immer meinten, dass die Sache früher oder später scheitert?“ – bto: Bis jetzt würde ich sagen, die Kritiker hatten wohl recht! Die Tatsache, dass die Krise aus einer anderen Richtung kam, als befürchtet, genügt noch nicht, um den Umkehrschluss zu ziehen, alles wäre gut.
  • „(…) das meiste, was einige eifrige deutsche Professoren dereinst an Fehlern prophezeit haben, (ist) gar nicht eingetreten. Und das, was in den vergangenen Jahren in der Eurozone wie weltweit eskaliert ist, von den Damen und Herren gar nicht prophezeit wurde – zumal vieles davon auch Länder trifft, die keinen Euro haben (wie das Land mit dem irren Milliardär). Da kann der Euro nicht schuld sein.“ – bto: Das ist er aber, nur anders als von den Ökonomen vorhergesagt, weil diese die Wirkung von Kredit nicht verstehen, bzw. – noch besser – nicht auf die Schulden achten!
  • „Was einen großen Unterschied macht – bei der Frage, ob der Euro noch zu retten ist. Und vor allem: wie.“ – bto: Das stimmt. Nur sehen wir gleich, dass die Analyse von Fricke nicht geeignet ist zur richtigen Lösung zu finden. Er bleibt – wohl absichtlich? – an der damaligen (unzureichenden) Kritik und blendet bewusst die Probleme aus, die nach wie vor ungelöst sind.
  • „Zum Beispiel, dass die Eurozone zum Hochzinsgebiet werde – was ja jetzt nicht wirklich eins zu eins so gekommen ist. Heute schimpfen (teils) dieselben Weisheiten, dass die Zinsen viel zu niedrig.“ – bto: stimmt, falsch. Das konnte man nur sagen, wenn man davon ausging, dass die Finanzmärkte richtig funktionieren, also Risiken richtig bepreisen und die Inflation weiter hoch bleibt, was sie aber angesichts des deflationären Angebotsschocks von Millionen neuen Arbeitnehmern (vor allem aus China) nicht bleiben konnte.
  • „Der Euro werde zur Inflationsgemeinschaft. Weil es am Konsens darüber fehle, wie wichtig stabile Preise sind. De facto war die Inflation in der Zeit seit dem Eurostart so niedrig wie selten in der (moderneren) Geschichte der Menschheit, niedriger als zu heiligen Bundesbank-Zeiten.“ – bto: siehe Punkt oben. Das lag nicht an Europa, sondern an China. Es ist aber zu einer Gemeinschaft der Schuldenmaximierungs geworden! Wir sehen es (noch) nicht in den Konsumentenpreisen. Bei den Bilanzsummen der Banken, bei der Verschuldung von Staaten und Privaten und bei den Assetpreisen sehen wir es sehr wohl!
  • „(…) durch das Maastricht-Werk bestehe die Gefahr, dass Europas Politiker anfangen würden, den Wechselkurs zu steuern – was so irre ist, dass es seither nur Donald Trump wieder behauptet hat.“ – bto: Das macht die EZB mit QE –, denn nur so kann es funktionieren. Das sagt die EZB selber. QE kann überhaupt nur über den Wechselkurs wirken. Das weiß auch Herr Fricke.
  • „(…) Unabhängigkeit der Euro-Notenbanker nicht gewährleistet (…). Von wegen (…) seit Kurzem aus deutschen Stabi-Stuben schon mal zu hören ist, man müsse doch die Notenbank stärker kontrollieren. Unabhängigkeit nach Gutsherrenart: bitte nur, wenn sie die (aus Sicht unserer Ultras) richtige Politik macht.“ – bto: Geschenkt, der Punkt stimmt natürlich. Wobei umgekehrt niemand gedacht hat, dass es die Aufgabe der Notenbank sei, bankrotte Staaten und Banken zu erhalten, um die eigene Existenz – nämlich den Euro – zu erhalten.
  • „(…) Deutschland sei für den Wettbewerb in der Währungsunion nicht gerüstet. Witzig. Heute heißt es, dass das ganze Ding nicht funktioniert, weil die Südländer für uns einfach nicht gut genug sind.“ – bto: Das erklärt die Anpassungskrise der Schröder-Politik, die nicht nur hier zu Verwerfungen geführt hat, sondern auch die Wettbewerbsunterschiede in der Eurozone (zusätzlich) verstärkte. Deutschland trat überbewertet ein und hat deshalb erst die Kostenbremse gezogen, während die anderen eine Party feierten, deren Rechnung uns allen jetzt präsentiert wird.
  • „Vergangenes Jahr lag die Inflation in Spanien, Italien, Frankreich, Griechenland und Irland niedriger als in Deutschland.“ – bto: Das muss sie auch noch ein paar Jahrzehnte, sollen die Wettbewerbsunterschiede auf dem Weg der „internen Abwertung“ aufgehoben werden. Dass dies nicht gehen kann, weiß auch Fricke. Zunächst ist es aber ein Zeichen der Anpassung.
  • „Und beim Haushalten stehen die Euroländer trotz Krise immer noch besser da als andere. Selbst die Griechen haben heute deutlich weniger Staatsdefizit als Amerikaner und Briten. Die Italiener fahren vor Zinsen seit Jahren Überschüsse im Etat ein. Vor dem Crash hatten Spanier und Iren jahrelang sogar Überschüsse. Und auch in Frankreich gibt es seit Ewigkeiten keine Anzeichen mehr für höheren Inflations- und Lohndruck, geschweige denn exzessive Staatsausgabenzuwächse.“ – bto: ach herrjeh! Und was ist mit den privaten Schulden? Die sind es doch, die hinter der Krise stecken.
  • Die Wahrheit ist: Es gibt kaum ein (Krisen-)Land in der Eurozone, in dem relativ gesehen so wenig Sparpolitik praktiziert wurde wie in Deutschland, selbst zu Schröder-Zeiten nicht – und erst recht nicht unter Merkel.“
  • „Wenn die Eurozone ins Kriseln kam, dann lag das (…) an Dingen, mit denen die Auguren weder 1992 noch 1998 rechneten – und die zu einem gewichtigen Teil relativ wenig mit dem Euro an sich zu tun haben: von Immobiliencrashs, die es auch bei Amerikanern, Briten und Isländern gab, über deutsche Exportexzesse, die es mittlerweile vor allem gegenüber Nichteurogebieten wie den USA gibt (…), bis hin zu einer Jahrhundertbankenkrise, auf die deutsch-europäische Notenbanker verglichen zu den Kollegen international viel zu zögerlich reagiert haben.“ – bto: Dahinter stand ein einmaliger Verschuldungsboom, der durch den Euro erst ermöglicht wurde. Die tiefen (deutschen) Zinsen galten für alle und waren damit für fast alle zu niedrig. Bei etwas höherer Inflation waren die Realzinsen viel zu tief und haben den Verschuldungs- und Immobilienboom erst ermöglicht, in dessen Zuge nicht nur die Immobilienblasen entstanden, sondern auch ein Anstieg der Löhne (= Verlust an Wettbewerbsfähigkeit) und ein Importboom (finanziert von Deutschen) mit entsprechendem Exportboom. Bekanntlich sehe ich unsere Überschüsse ebenfalls sehr kritisch.
  • „(…) kein inhärenter Eurofehler, eher Fehleinschätzung hiesiger Stabilitätswächter. Das ließe sich beheben. Ohne den Euro aufzuheben.“ – bto: Das will Fricke am kommenden Freitag erklären. Angesichts der unzureichenden Ursachenanalyse bin ich gespannt, was da kommt.

Als großer Fan der Financial Times Deutschland (leider nicht mehr existent) weiß ich, dass Fricke das viel besser kann.

→ SPIEGEL ONLINE: „Der Euro – funktioniert doch“, 10. Februar 2017

4 Antworten
  1. Johannes says:

    Fricke könnte wommöglich besser – nur: vielleicht will er nicht.

    ALLLE (!) wussten (oder konnten es zumindest wissen) von Anfang an um die inhärenten Schwächen des Euro (hier schon oft diskutiert) und die potentiellen Folgen.

    Nun kann aber nicht sein, was nicht sein darf. Und auf dieser speziellen Form des mind settings werden nun die pro-Euro Diskussion weitestgehend geführt. Kritische Stimme werden in „launiger“ Form, wie z.B. in dem dem Beitrag von Herrn Fricke scheinbar entkräftet und widerlegt.

    Für die Uninformierten.

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  2. Wolfgang Selig says:

    @ Johannes:
    Ich bin mir nicht sicher, ob Hr. Fricke nicht will. Ich vermute eher, dass er nicht darf. Was natürlich in letzter Konsequenz kein großer Unterschied ist, da er ja freiwillig beim Spiegel arbeitet. Aber so groß ist der Arbeitsmarkt für Journalisten, auch für Wirtschaftsjournalisten eben nicht. Und die FTD-Pleite ist vielen noch im Gedächtnis. Aber der Spiegel kann im Gegensatz zu kleinen Verlagen oder websites einem Journalisten ordentliche Gehälter zahlen. Ich fürchte, er beugt sich der Verlagstendenz bzw. dem Grundtenor aus der Chefredaktion, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, da die Politik zurecht gegenüber der Wirtschaft dort priorisiert wird. Problem ist m.E. nur, dass für den Spiegel ein immer stärker zum Nationalstaatsersatz mutierendes Europa offensichtlich „Firmenräson“ ist und sie den Grundsatz von Hans-Joachim Friedrichs, sich auch mit einer vermeintlich „guten“ Sache als objektiver Journalist nicht gemein zu machen, längst verlassen haben. Leider.

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  3. Dietmar Tischer says:

    Ich will nicht wiederholen, was ich anderswo hier am Blog über Fricke gesagt habe.

    Was nervt, ist die scheinbar unbedarften Unverfrorenheit, mit der er Schönrednerei zelebriert.

    Denn JEDER, der sehen will, kann erkennen, dass die Währungsunion NICHT funktioniert:

    Sie funktioniert so wenig wie ein Schwerkranker „funktioniert“, der in der Intensivstation an den Schläuchen hängt.

    SPON, das diesem Gerede die Plattform bietet, ist hier zur Verantwortung zu ziehen:

    Wenn es Fricke mit diesem Gerede auf Leser loslässt, von denen zu hoffen wäre, dass sie irgendetwas begreifen, ist das schlichtweg eine mediale Katastrophe.

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  4. Ondoron says:

    Fricke ist ein Mietmaul. Wer dessen widerliche Propagande im Goebbelschen Stil liest und glaubt, der kann auch getrost an den Weihnachtsmann glauben.
    Danke, Herr Stelter, dass Sie dessen Verzerrungen hier geradegerückt haben!

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