„Deflationsgefahr wird überschätzt?“ – Nur, wenn man die Schulden ausblendet

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Jürgen Stark ist nicht irgendwer. Er ist derjenige, der den Euro aushandelte auf deutscher Seite und dann als EZB-Chefvolkswirt das Handtuch geschmissen hat, als es in die – aus seiner Sicht – falsche Richtung ging. Hier äußert er sich in der FINANZ und WIRTSCHAFT mit dem klaren Bekenntnis: Deflation ist kein Problem. Ich teile seine Argumentation, bis auf einen wesentlichen Punkt. Deflation schadet immer dann, wenn die Schulden zu hoch sind. Und darum alleine geht es doch. Hier die Highlights, mit der einen oder anderen bto-Anmerkung:

  • „Der italienische Staat hat eine zweijährige Anleihe mit einer negativen Rendite platzieren können. Man könnte die fallenden Finanzierungskosten für die Euroländer als Erfolg der Europäischen Zentralbank (EZB) werten. Jürgen Stark schüttelt darüber nur den Kopf: ‚Wenn ein hoch verschuldetes Land für die Schuldenaufnahme eine Prämie bekommt, zeigt das doch, dass das Finanzsystem aus den Fugen geraten ist.‘“ – bto: Das stimmt. Es zeigt, dass es nur darum geht, die Party am Laufen zu halten.
  • „Gemäss Stark verliert der Zins durch die Interventionen der Zentralbanken seine Signal- und Allokationsfunktion. Er stellt fest: ‚Die ganze Zinsstrukturkurve ist verzerrt.‘“ – bto: stimmt. Man könnte auch sagen, dass eindeutige Signal ist: Sparer, wir wollen euch rasieren, egal wie wir es schaffen.
  • „Es sei nicht die Sache der Zentralbank, dafür zu sorgen, dass die Staaten sich günstig finanzieren könnten, argumentiert er heute wie damals.“ – bto: Das würde ich auch so sehen, zumindest solange wir am derzeitigen System festhalten. Wir könnten natürlich wie bei der Vollgeldidee den Staat direkt das Geld geben. Dann braucht man aber eine Beschränkung und vor allem im Euroraum einen Verteilungsschlüssel.
  • „Doch Stark warnt davor, der Deflationsgefahr eine zu grosse Bedeutung beizumessen. Selbst in Japan gebe es bei den Preisen keine selbstverstärkende Abwärtsspirale, die für die Wirtschaft schädlich sei. ‚Wegen eines leicht rückläufigen Preisniveaus werden Anschaffungen und Investitionen nicht in die Zukunft verschoben.“ – bto: Das stimmt! Aber die Schuldenlast von Privaten und Staaten wird immer schlechter bedienbar! Das blendet Stark völlig aus.
  • ‚Alternde Bevölkerungen haben nun einmal einen disinflationären Effekt‘, sagt Stark. Zudem hingen die fallenden Preise und Inflationserwartungen eng mit der Rohstoffbaisse zusammen.“ – bto: Wir haben gesehen, dass dies nicht unbedingt stimmen muss, da gibt es neue Studien, die anderes belegen.
  • „‚Anstatt die Wirksamkeit des Medikaments zu hinterfragen, wird die Dosis erhöht.‘ Damit bewegten sich die Zentralbanken weiter in die falsche Richtung. Der Weg zurück in die Normalität werde immer schwieriger, denn zu gross sei die Angst vor Verwerfungen, wenn die Liquidität wieder zurückgeführt würde. Die Abhängigkeit der Regierungen und Marktteilnehmer von den Zentralbankaktivitäten werde noch grösser.“ – bto: naja, den Point of no Return haben wir schon lange hinter uns gelassen!
  • „Mit der Fortsetzung der QE-Politik steige auch das Risiko von Übertreibungen und Finanzkrisen. Sie verhindere zudem den Entschuldungsprozess und begünstige das Entstehen von Zombie-Banken und -Unternehmen. Die Massnahmen verführten die Regierungen zu Reformmüdigkeit. ‚Eine weitere Nebenwirkung ist die Verschärfung der Einkommens- und Vermögensungleichheit.‘“ – bto: richtig und schon längst passiert. Damit sinkt auch die zu erwartende Wachstumsrate der Wirtschaft!
  • „‚In Europa ist der Kreditkanal wegen der ungelösten Probleme im Bankensektor verstopft‘, sagt er mit Verweis auf die hohe Quote von faulen Krediten etwa in Italien. Da helfe ein QE wenig.“
  • „‚Für Irland und Portugal hätte ein IWF-Programm gereicht.‘ Noch besser wäre ein geregeltes Insolvenzverfahren gewesen, das der IWF vorgeschlagen hatte. ‚Griechenland aber hätte schon 2010 aus der Eurozone ausscheiden müssen, um den Kern der Währungsunion zu schützen‘, ist Stark überzeugt. Griechenland bereitet ihm auch heute noch am meisten Sorgen. ‚Alle anderen Krisenstaaten haben in puncto Reformen Fortschritte gemacht.“ – bto: Das halte ich für absoluten Quatsch. Siehe:

→ Warum Spanien nicht aus der Krise findet

→ Das Märchen von der Sanierung Portugals

→ FINANZ und WIRTSCHAFT: Jürgen Stark: „Deflationsgefahr wird überschätzt“, 30. Oktober 2015

2 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    „«Anstatt die Wirksamkeit des Medikaments zu hinterfragen, wird die Dosis erhöht.»

    Falsche Sicht der Dinge – diese Alternative wird der Realität nicht gerecht.

    Selbstverständlich wird die Wirksamkeit hinterfragt.

    Selbst Notenbanker, Draghi z. B. haben die Wirksamkeit der Geldpolitik hinterfragt und festgestellt, dass sie die REALWIRTSCHAFTLICHEN Probleme nicht lösen könne.

    Die Geldpolitik erhöhter Liquiditätsbereitstellung kann allenfalls Schlimmeres verhindern, kurzfristig jedenfalls.

    Das ist ihre Wirksamkeit.

    Die richtige Analogie lautet:

    Im Endstadion eines Lebens wird die Dosis erhöht, z. B. mehr Morphium verabreicht, weil es Schmerzen lindert.

    Das ist die gewollte Wirksamkeit.

    Kein vernünftiger Arzt käme auf die Idee, mehr Morphium zu verabreichen, um damit die Gesundung herbeizuführen.

    DIESE Wirksamkeit hat Morphium nicht und unter den Umständen auch keine andere bekannte Medizin.

    Antworten

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