China ist wie Griechenland ‒ nur viel größer

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Am Montag habe ich die Entwicklung der globalen Verschuldung in den Kontext gesetzt: Immer mehr neue Schulden dienen nur noch dazu, die Illusion der Bedienbarkeit der bestehenden Schulden aufrecht zu erhalten. Der Teil der Schulden, der wirklich neue Nachfrage schafft, wird immer geringer. Die Wachstumsrate fällt auf den natürlichen, durch fundamentale Faktoren (Erwerbsbevölkerung, Produktivität) getriebenen Trend und wird nach unten „überschießen“, weil die aufgebauten Kapazitäten sich als Überkapazitäten herausstellen. Folge sind Rezession/Depression und Deflation.

In diesem Zusammenhang spielt China eine erhebliche Rolle, weil die Investitionen und vor allem die Neuverschuldung Chinas in den letzten sechs Jahren alle historischen Dimensionen sprengen. Dies wurde hier vielfach diskutiert, zuletzt in der vergangenen Woche.

David Stockman, hier mit seiner Zusammenfassung zu Griechenland erwähnt, bringt es in seinem Blog auf einen interessanten Punkt: China ist wie Griechenland, nur viel größer. Für ihn das Zeichen, dass unser globales Ponzi-Schema ‒ und genau dafür halte ich schon lange den ungebremsten Aufschuldungsprozess ‒ auf das Endspiel zuläuft.

Dabei stellt er Folgendes richtigerweise fest:

  • Die Wachstumsraten, die wir vor der Krise in Griechenland (und weltweit) gesehen haben, waren durch die Möglichkeit, sich zu verschulden, überhöht. Da die Wirtschaft nicht im gleichen Maße wächst, sind steigende Verschuldungsquoten die zwangsläufige Folge. Deshalb ist die wahre Verschuldung relativ zum BIP in Wirklichkeit noch höher, weil das BIP eigentlich tiefer liegen würde. McKinsey rechnet global mit rund 200 Billionen Schulden, was dem 2,9-Fachen des Welt-BIP entspricht. Laut Stockman liegt das tatsächliche Leverage deutlich höher. ‒ bto: Ich teile diese Sicht. Deshalb verstärkt es auch die deflationären Tendenzen so massiv.
  • Der nachfolgende Einbruch ist demzufolge vor allem darauf zurückzuführen, dass die weitere Verschuldung nicht mehr möglich war (bto: weltweit immer weniger wirkt, wie dargelegt und weil sich die Verschuldungskapazität erschöpft) und die Fehlinvestitionen der Boomzeiten offensichtlich werden. (Stockman verweist auf Ausgaben von 15 Milliarden für die olympischen Spiele im Jahr 2000 ‒ und die nun verfallenen Bauten.)
  • Alle Hoffnungen, dies durch keynesianische Wirtschaftspolitik zu verhindern, sind illusorisch. Es ist nicht möglich auf das unnatürliche Niveau zurückzukehren. (bto: Was übrigens meiner Sicht auf die These der Bilanzrezession von Richard Koo voll entspricht. Dessen Analyse ist zutreffend, der Lösungsvorschlag, durch viele Staatsschulden den Wegfall der Nachfrage zu kompensieren, nicht. Es geht nur mit einer Bereinigung der Schuldenlast, auf welchem Weg auch immer.)
  • Während dies für Griechenland offensichtlich ist, ist das wahre Problem in China zu sehen.
  • In den letzten 14 Jahren haben sich die chinesischen Schulden von zwei auf 28 Billionen US-Dollar vervierzehnfacht.
  • Wie in allen Fällen von raschem Kreditwachstum sind Fehlinvestitionen die zwangsläufige Folge: Geisterstädte, Überkapazitäten, Prunkbauten, „Zoos ohne Tiere und ohne Besucher“.
  • Das Bankensystem versteckt faule Kredite, die Lokalregierungen profitieren vom Boom mit Steuereinnahmen und heizen ihn durch Investitionsprogramme zusätzlich an.
  • Seit 2007 hat sich das chinesische BIP verdoppelt (fünf Billionen US-Dollar) ‒ damit war China die Wachstumslokomotive der Welt. Allerdings wuchsen die Schulden im selben Zeitraum um 21 Billionen US-Dollar.
  • Damit ist das 20-Billionen-BIP von China genauso aufgebläht wie das BIP von Griechenland im Jahre 2010. Unnatürlich hoch, weil durch eine massive Schuldenaufnahme finanziert. Vier US-Dollar an neuen Schulden für einen US-Dollar an zusätzlichem BIP. ‒ bto: eine „Schuldenproduktivität“ auf dem Niveau der USA im Zeitraum 2000 – 2010, nachdem der Schuldenboom in den USA schon 20 Jahre lief. Es gibt natürlich einen wichtigen Unterschied: Griechenland hat sich massiv im Ausland verschuldet und riesige Handelsdefizite gefahren. China hat im genannten Zeitraum fast immer Handelsüberschüsse erzielt und letztlich im Inland die Verschuldung hochgetrieben. Gläubiger und Schuldner sitzen im Unterschied zu Griechenland im selben Land, was die Lösung erleichtert.
  • Stütze der chinesischen Wirtschaft ist die Bauwirtschaft. Insgesamt basiert 50 Prozent des chinesischen BIP auf Investitionen in Immobilien, Infrastruktur, Maschinen und Anlagen. Noch nie in der Wirtschaftsgeschichte hatte ein anderes Land einen so hohen Anteil. Südkorea schaffte in der Spitze 30 Prozent.
  • Nun beginnt die Blase zu platzen: Hauspreise fallen, Überkapazitäten werden offensichtlich (bto: und führen zu Deflation wie berichtet, was die Schuldenbedienung erschwert und den Druck auf den Wechselkurs erhöht).
  • China ist nur leider deutlich größer als Griechenland: Die Wirtschaft ist 40-mal größer, die Schulden sind 70-mal höher (!!).
  • Wenn das chinesische Ponzi-Schema platzt, so Stockman, werden die 28 Billionen Schulden eine deflationäre Welle (bto: und Deflation ist ja bekanntlich nichts anderes als Schuldenliquidierung) auslösen, die auch die 200 Billionen Schulden der Welt mitreißt.

Die Welt steht vor einer Bilanzrezession ‒ also dem Ende des Ponzi-Schemas. Die Folgen werden umso verheerender, je geringer die globale Kooperation. Doch genau danach sieht es aus. Unsere Probleme sind nicht nur größer als in den 1930er-Jahren. Die Krise läuft auch länger und mit mehr Verzögerung. Doch statt dies zur Lösung zu nutzen, erhöhen wir nur die Spannungen. Wie nah China am Ende des Ponzi-Schemas steht, zeige ich heute Nachmittag.

David Stockman: China’s Monumental Debt Trap—-Why It Will Rock The Global Economy, 5. Februar 2015

5 Antworten
  1. Klaus Meyer says:

    Hallo allerseits,

    die Schuldenmacherei des Staates hat, wie wir gesehen haben, einen Primäreffekt: die Verschuldung selbst.

    Am Ende steht der Staatsbankrott. Auf diesem Weg sind wir gut vorangekommen. Klares Indiz für diesen Zustand ist die Tatsache, dass sich trotz größter Defizite in der Wirtschaft nichts mehr regt.

    Das ganze Gebilde ist wie eine Maschine, die auf immer höheren Touren läuft, aber keinen Transmissionsriemen hat, um diese Kraft irgendwohin zu übertragen.

    Ich nenne das den „TsatsikiEffekt“. Wirkt so: Ein junger Berliner leiht sich bei seiner Bank…
    „Der TsatsikiEffekt“ (entnommen aus dem Buch „Die Krisenschaukel“ von Dr. Paul C. Martin
    http://www.miprox.de/Wirtschaft_allgemein/Der_Tsatziki_Effekt.html

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  2. Henrik says:

    Mit „globale Kooperation“ schwingt der Wunsch der „gerechten“ Lastenverteilung auf alle wesentlichen Akteure mit. Einige deren Fädenzieher streben stattdessen offensichtlich geostrategische Lösungen und das Entschulden durch das Schaffen von neuen „Gewinnern“ (selbst) zu Lasten von Konflikt-„Verlierern“ (andere) an. Hoffen wir, daß wir die verdeckten „Spieltheoretiker“ im Sandkasten halten können.
    Vielleicht braucht es aber auch immer wieder das Zerstören und neu Aufbauen der Sandburg, weil wir doch nichts gelernt haben.

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  3. Dieter Krause says:

    Die Verlierer z.B. in der Ukraine-Krise sind – neben den Ukrainern – vor allem die Russen selber oder (fallender Ölpreis, kollabierender Rubel etc.)? Das letzte Imperium der Erde könnte unter den Fehlkalkulationen seines geostrategischen Azubi-Präsidenten am Ende noch selber zerfallen (21 eigenständige Republiken mit eigenen Verfassungen!). Ein Schuß im Kreml könnte genügen, um dieses Szenario einzuleiten! Großer Sieger dann China, dem Sibirien dann als eine Art Protektorat zufallen dürfte.

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