Best of 2016: Der Boom ist das Problem, nicht der Bust

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Dieser Beitrag erschien am 15. Juli bei bto: 

Die WirtschaftsWoche hat in ihrer letzten Ausgabe ein Interview mit William White gebracht. Für Leser von bto ist der ehemalige Chefvolkswirt der BIZ ein guter Bekannter. Er warnt seit Jahren vor den Folgen einer völlig fehlgeleiteten Politik. Immer noch und immer wieder lesenswert:

„Ultra Easy Monetary Policy and the Law of Unintended Consequences“

→ „Europa hat nichts gelernt“ – Warum uns eine noch schlimmere Finanzkrise droht

→ Monetarisierung: Rettung oder Desaster?

Helicopter Money „is a highly risky and perhaps even terminally risky policy“

Doch nun zu den Highlights des Interviews, welches die WirtschaftsWoche dankenswerterweise online gestellt hat:

  • Was halten Sie von der These, diese seien die Folge eines globalen Überangebots an Ersparnissen? William White: Schauen Sie sich einfach die Zahlen an. Da sieht man, dass sich die globalen Sparquoten nicht erhöht haben. Hingegen sind die Investitionsquoten in fast allen Ländern gesunken. Wir haben es also nicht mit einer Sparschwemme zu tun – sondern mit einer Investitionsschwäche!“  bto: Ich bleibe dabei, es ist eine Schuldenschwemme!
  • „Die jahrzehntelange Politik des billigen Geldes hat die Menschen in die Verschuldung getrieben. Die privaten Haushalte müssen ihre Bilanzen bereinigen und ihren Konsum künftig zurückfahren. Das schmälert die Absatzaussichten der Unternehmen und bremst ihre Investitionsbereitschaft.“
  • „Auf jede Krise in den vergangenen Jahrzehnten haben die Notenbanken mit niedrigen Zinsen und noch mehr Liquidität geantwortet. Die Verschuldung ist mittlerweile so hoch, dass die Politik des billigen Geldes ins Leere läuft.“
  • „Als Ende der Achtzigerjahre das hohe Produktivitätswachstum die Preise global unter Abwärtsdruck setzte, hielten die Zentralbanken mit lockerer Geldpolitik dagegen. Dabei handelte es sich damals um eine gute – durch den technischen Fortschritt ausgelöste – Deflation. (…)  Es wäre besser gewesen, eine strukturelle Bereinigung in der Wirtschaft zuzulassen.“
  • „Bereinigungsprozesse sind etwas Gutes, denn mit schöpferischer Zerstörung lenken sie die im Boom fehlgeleiteten Ressourcen in neue Verwendungen – wo sie mehr Wachstum erzeugen. Ist die Geldpolitik erst einmal auf dem falschen Pfad und stemmt sich gegen die Bereinigungskrisen, werden die Ungleichgewichte immer größer. Kommt es dann zum Crash, ist er nicht mehr kontrollierbar. Nicht die Zentralbanken, sondern die Regierungen müssen jetzt handeln.“ – bto: aber nicht mit mehr Schulden, sondern mit Bereinigen!
  • Die Staaten stehen weltweit vor Solvenzproblemen. Die Gläubiger müssen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Je eher ein Schuldenschnitt kommt, desto besser.“ – bto: !!!!!
  • „Die globalen Kreditexzesse sind so weit fortgeschritten, dass es keine einfachen Lösungen mehr gibt. Wenn die Zentralbanken weiter Staatsschulden mit der Notenpresse finanzieren, droht früher oder später eine Hyperinflation.“
  • „(…) kommt plötzlich der Punkt, an dem die Kreditvergabe anspringt und das Geld in die Realwirtschaft fließt. Nutzen die Regierungen die niedrigen Zinsen, um sich weiter zu verschulden, und stecken das Geld in den Konsum statt in Investitionen, stehen den Schulden keine Sicherheiten gegenüber. Die Menschen verlieren dann das Vertrauen in das Geld und fliehen in Sachwerte.“ – bto: Ich denke, die Kreditvergabe springt an, weil die Menschen erkennen, dass sie sich für etwas Wertloses (Geld) etwas Wertbeständiges kaufen können.
  • „Der Druck der Regierungen auf die Zentralbanken, die Staatsschulden komplett mit der Notenpresse zu finanzieren, nimmt zu. Der Versuch, die Geldpolitik zu straffen, droht zu scheitern.“ – bto: Japan macht es vor!

bto: Dem ist nichts hinzuzufügen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

→ WirtschaftsWoche: „Kommt es zum Crash, ist er unkontrollierbar“, 4. Juli 2016

1 Antwort
  1. Dietmar Tischer says:

    Ich füge das Folgende hinzu:

    >„Als Ende der Achtzigerjahre das hohe Produktivitätswachstum die Preise global unter Abwärtsdruck setzte, hielten die Zentralbanken mit lockerer Geldpolitik dagegen. Dabei handelte es sich damals um eine gute – durch den technischen Fortschritt ausgelöste – Deflation. (…) Es wäre besser gewesen, eine strukturelle Bereinigung in der Wirtschaft zuzulassen.“>

    Aus heutiger Sicht kann man das mit Blick auf die Zukunft begründet behaupten. Denn wahrscheinlich wären die Kosten geringer gewesen als diejenigen, die möglicherweise in Zukunft zu tragen sein werden.

    ABER:

    Hätte man Ende der Achtzigerjahre eine Bereinigung zugelassen, wäre es mit unvermeidbar steigender Arbeitslosigkeit nach den Jahren der Vollbeschäftigung zu vermutlich politischer Destabilisierung gekommen. Über das Ausmaß und die Folgen kann man nur spekulieren. Jedenfalls ist es verständlich, dass die Regierungen im Einklang mit den Notenbanken bereit gewesen sind, zusammen mit starken gesellschaftlichen Interessen (Gewerkschaften, Unternehmen) die Option zu wählen bzw. zuzulassen, die ohne UNMITTELBAR erkennbar große Kosten offenstand: steigende Verschuldung, um die Nachfrage nach dem durch das Produktivitätswachstum steigende Angebot aufrechtzuerhalten.

    Soweit die Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik daran beteiligt sind: Es konnte mit Blick auf die durch die Globalisierung niedrig gehaltenen Inflationsraten („great moderation“) KEINE aus der ISTZEIT-Sicht begründbare Argumentation gegen eine tendenziell lockerere Geldpolitik geben. Allerdings war sie Anfang des neuen Jahrhunderts erkennbar zu lange zu locker.

    >„Bereinigungsprozesse sind etwas Gutes, denn mit schöpferischer Zerstörung lenken sie die im Boom fehlgeleiteten Ressourcen in neue Verwendungen – wo sie mehr Wachstum erzeugen.>

    Diese Aussage kann m. A. n. so nicht stehen bleiben.

    Bereinigungsprozesse mit Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, evtl. sogar konjunktureller Eintrübung etc. lenken die Ressourcen zwar in neue Verwendungen, was ANDERES Wachstum erzeugt, aber keineswegs (automatisch) MEHR Wachstum bedeuten muss verglichen mit dem in den Boom- oder Vorboomzeiten.

    Es geht bei Bereinigungsprozessen, wie sie hier angesprochen werden, vorrangig um eine Anpassung der Angebotsstrukturen, mit denen sich eine nachhaltig ändernde Nachfrage befriedigt wird. Diese Nachfrage kann durchaus eine geringere Wertschöpfung bzw. eine deutlich schwächer wachsende Wirtschaft bedeuten, wenn sie sich auf von der Güterherstellung zur Dienstleistung (vor allem direkt am Menschen) hin verändert. Dies auch bei Vollbeschäftigung. In dieser Phase sind wir erkennbar USA, meine ich.
    Insoweit die lockere Geldpolitik den Anpassungsprozess erleichtert hat, war sie nicht falsch.

    Fatal ist allerdings, dass die Geldpolitik nicht nur für Anpassung im obigen Sinne, sondern – aus heutiger Sicht – vor allem für die Verhinderung von Bereinigungsprozessen genutzt wurde und dies so sehr, dass sie HEUTE zu deren Fortführung MISSBRAUCHT wird.

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