„Aufstieg der Rechtspopulisten: Schaut auf die Banken“

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Glückwunsch an SPIEGEL ONLINE, der mit Thomas Fricke den wohl smartesten deutschen Wirtschaftskommentator an Bord genommen hat. Zu den guten alten Zeiten der FTD war er – neben dem Kapital – meine Hauptmotivation zum Kauf. Nicht immer bin ich einer Meinung. Aber es ist immer interessant. Gleich im ersten Beitrag erinnert Fricke an die eigentlichen Gründe für den Aufstieg radikaler Parteien:

  • „Nach Deutschland kommen kaum mehr Flüchtende, das Asylrecht ist verschärft, und für Integration wird jetzt auch gesorgt. Kein Grund mehr, gegen Fremde zu poltern, den fehlenden Kurswechsel von Merkel zu beklagen oder die Lügenpresse zu schimpfen.“ – bto: Ich teile Frickes Optimismus hier nicht. Die Politik hat keine Antwort auf die demografische Bombe, vor der wir stehen. Hunderte von Millionen wollen nach Europa. Wir sollten auch aufhören, von Flüchtlingen zu reden. Es sind überwiegend Migranten. Integration wird noch lange nicht sicher klappen.
  • „Was den Ländern mit Rechtsruck gemein ist, ist etwas anderes, und das geht tiefer: Überall wirkt auf die eine oder andere Art jene Jahrhundertfinanzkrise nach, die 2007 ausbrach, und für deren Schäden heute die mitzahlen, die oft gar nicht wissen, was Hedgefonds und Derivate sind.“ – bto: Da bin zu 100 Prozent bei Fricke.
  • Wie der Bonner Ökonom Moritz Schularick mit zwei Kollegen in einer beeindruckenden historischen Studie (PDF) kürzlich herausfand, erleben stramm rechte Parteien nach solchen Crashs systematisch Zulauf. Das gilt für Deutschland nach 1929, aber auch für Skandinavien bei in Bankenkrisen etwa in den Neunzigerjahren.“ – bto: Die Ökonomen haben sich scheinbar auf das Thema eingeschossen. Schon vor zwei Jahren haben sie sehr schön die Bedeutung der privaten Verschuldung als Krisenursache herausgearbeitet.
  • „Nach Umfragen von Forsa glauben nur 25 Prozent der Deutschen, dass die ‚normalen Bürger‘ vom Euro am meisten profitieren aber 81 Prozent, dass die Eurokrise dieselben normalen Bürger am meisten trifft. Willkommen Verdrossenheit. Zumal zumindest der zweite Teil der Vermutung nicht so falsch ist.“ – bto: Auch der erste Teil der Vermutung ist nicht falsch! Was ist der Nutzen einer Wirtschaft, die rein auf Außenhandelsüberschüsse abzielt zulasten der Binnennachfrage?
  • Zum typischen Lauf von Finanzkrisen gehört, dass Banken wohl oder übel gerettet werden, obgleich sie das Problem mitverursacht haben weil ohne Banken nichts geht und bei Nichtrettung aller Erfahrung nach ein wirtschaftlicher Kollaps droht. Nur ist das Retten für den Staat teuer und führt oft zu steigenden Steuern oder sinkenden Renten. Das Volk dankt.“ – bto: auch richtig.
  • „Was die Sache nur schlimmer macht, ist, dass Crashs typischerweise auf euphorische Zeiten folgen, in denen ein paar wenige viel Geld gemacht haben. Und in denen mehr in Spekulation als in neue Fabriken und sichere Arbeitsplätze investiert wurde. Selten war das Reichtumsgefälle so groß, wie zur Zeit der Crashs 1929 und 2008 – ohne dass sich daran seither viel geändert hat.“ – bto: Eigentlich meint er Zeiten des ‚Leverage‘, die zu starken Vermögenszuwächsen geführt haben. Schulden sind der Treiber!
  • Und dann müssen die, die etwas zurückgelegt haben, auch noch damit klarkommen, dass es keine Zinsen mehr gibt. Was ebenfalls eine typische Folgeerscheinung großer Crashs ist, weil in Schuldenkrisen kaum noch jemand neue Kredite nachfragt und die Wirtschaft wenig investiert.“ – bto: Liegt eher daran, dass die Schuldner mit tiefen Zinsen am Leben erhalten werden!
  • Mit dem Finanzdebakel und seinen Nachwehen lässt sich nicht alles erklären, aber doch eine Menge jenes Unmuts, den die Trumps, Le Pens und Petrys heute für sich nutzen: ob über Nullzinsen, überforderte Politiker, irre Ungleichheit oder unglaubwürdig gewordene Wirtschaftsexperten …“ – bto: Das stimmt. Zugleich beschäftigt sich die Elite mit Themen wie zu viel Sex in der Werbung … Die Weigerung der Politik, die Probleme zu lösen und stattdessen auf Vertuschen zu setzen, ist der eigentliche Grund für den Aufschwung alternativer Parteien.
  • Nötig sind dann Reformen, die dafür sorgen, dass die Einkommen für alle im Land steigen, Banken wieder zu Dienstleistern werden oder die Wirtschaft so stark expandiert, dass sie von allein mehr Geld unters Volk bringt.“

Tja. Angesichts der massiven Vermögensvernichtung, vor der wir stehen, dürfte der Aufschwung der radikaleren Parteien in Europa erst am Anfang stehen. Oder was passiert, sobald wir eine Billion Euro für die Euro-Rettung oder -Auflösung verlieren?

SPIEGEL Online: „Aufstieg der Rechtspopulisten: Schaut auf die Banken“, 15. April 2016

2 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    Im Ansatz richtig, aber das Problem zu sehr beim Finanzdebakel und den Banken verankernd.

    Die Ursachen liegen m. A. n. tiefer.

    Die Wachstumsstory nach WKII flaute ab, was nicht anders sein konnte, wenn der Bedarf nach der Zerstörung bzw. nach der Anschaffung langlebiger Güter mehr oder weniger gedeckt war.

    Das war etwa Anfang der 70er Jahre der Fall.

    Danach gab es mit der Bildungsinitiative noch Perspektiven für einen beruflichen Aufstieg mit guten Einkommenserwartungen.

    Das war Anfang der 90er Jahre vorbei.

    Die Globalisierung übte Druck auf Löhne und Gehälter aus und ohnehin geringere Produktivitätszuwächse ließen kaum Reallohnsteigerungen zu.

    Die trüberen Einkommensaussichten schienen durch leichteren Vermögenszuwachs zu kompensieren sein – über lange Zeit tiefe Zinsen waren dafür der gut begründbare Hebel („great moderation“).

    Das scheiterte desaströs – in USA durch die Subprime-Krise am offensichtlichsten – mit spill over-Effekten in alle Welt.

    Danach keine Perspektiven mehr und schlimmer noch:

    Die demografische Entwicklung nimmt Fahrt auf, wodurch sich viel Menschen hilflos der Altersarmut ausgesetzt sehen (aber diese vielfach nicht verstehen, sondern sie nur als Verteilungsproblem begreifen).

    Dazu kommen die Fremden, die – evolutionär tief in uns verwurzelt – Angst auslösen und in der Wahrnehmung abnehmender Sicherheit bestärken.

    Das Schlimmste:

    Gegen diese Megatrends kann die Politik nichts Entscheidendes tun.

    Daher unterm Strich:

    Man wehrt sich indem man dem Schicksal eine andere Richtung zu geben sucht – mit NATIONALISTISCHER, Fremde und Fremdes abweisender Politik, die selbstverständlich auch Schuldige findet. Es sind die anderen.

    Der Gleichklang in USA und Europa, ob Währungsunion oder nicht, hat die gleichen Wurzeln.

    Die Aussichten sind erschreckend, weil der Nationalismus keine Lösungen anzubieten hat, sondern alles nur noch schlimmer macht (Abschottung, Handelshindernisse, Wettbewerbs- und Wohlstandsverluste …)

    Antworten
  2. MFK says:

    Nun sind Kommentare bsw. in einem ehemaligen Nachrichtenmagazin von vorne herein nicht geeignet und darauf angelegt, tiefergehende Problemanalysen zu liefern. Aber bemerkenswert fand ich diesen Satz:„Nötig sind dann Reformen, die dafür sorgen, dass die Einkommen für alle im Land steigen, Banken wieder zu Dienstleistern werden oder die Wirtschaft so stark expandiert, dass sie von allein mehr Geld unters Volk bringt.“
    Toller Einfall, ich finde auch, das sollte man sofort machen. Wo wir dann beim Populismus sind. Der massendemokratische Wohlfahrtsstaat lebt nun einmal vom Populismus. Was bitte schön, ist „wir schaffen das“, anderes als Populismus?

    Die Probleme dieser Bundesrepublik sind seit Jahren klar definiert:
    – Krankenversicherung,
    – Rentenversicherung,
    – Steuerreformen, die dieses Wort auch verdienen,
    – Bildungsmisere,
    – Infrastrukturprobleme (in Berlin-Mitte gibt es z.B. immer noch Gebiete ohne Breitbananbindung).

    Auf europäischer Ebene treten hinzu:
    – eine nicht nachhaltige Währungsunion,
    – eine politischen und nicht wirtschaftlichen Erfordernissen Rechnung tragende EU Expansion,
    – fehlende Bankenaufsicht.

    Auf internationaler Ebene kommen weitere Probleme hinzu:
    – eine aggressive Außenpolitik, welche die Kriegsgefahr erheblich erhöht hat,
    – eine Entwicklungspolitik, die vorwiegend eigenen Interessen des Westens dient.

    Ich befürchte mit Populismus kommt man hier nicht weiter. Keines der o.g. Probleme wird von der Regierung Merkel ernsthaft angegangen. Welches der o.g. Probleme letztendlich eine weit schlimmere Krise als 2007 auslösen wird bleibt abzuwarten.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.