Auf der Suche nach dem neuen Geldsystem ‒ 1

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal am 7. Mai 2014 bei bto. Bevor ich heute Nachmittag die aktuelle Diskussion bringe, dies zur Einstimmung.

Der anerkannte Wirtschaftsprofessor und Geldtheoretiker Peter Bernholz hat die Volksinitiative in der Schweiz zur Einführung von Vollgeld zum Anlass genommen, sich mit den Vor- und Nachteilen detailliert auseinanderzusetzen. Zunächst beschäftigt er sich mit einer anderen Initiative, die darauf abzielt, der Schweizerischen Nationalbank eine feste Mindestquote an Gold vorzuschreiben. Wenig überraschend kommt er dabei zu dem Schluss, dass eine solche Bindung erhebliche Nachteile hätte. Zwar sollte die SNB um eine bessere Qualität der Anlagen zu haben, „den Anteil zinstragender Anlagen an den Währungsreserven zugunsten von Gold, Aktien und anderen realen Werten reduzieren. Allerdings sollte diese Anpassung je nach den Preisen für Gold und ausländische Aktien schonend geschehen“. Eine feste Quote würde hingegen die SNB übermäßig einschränken und gerade eine Beeinflussung des Wechselkurses, wie zum Höhepunkt der Eurokrise geschehen, verunmöglichen.

Beim Thema Vollgeld hätte ich von Bernholz, der gerade auch zum Thema Inflation grundlegend geforscht hat, ein deutlich positiveres Votum erwartet. Doch auch dies ist nicht der Fall. Zunächst fasst er das Ziel der Initiative zusammen: „Die Vollgeldinitiative (…) wendet sich dagegen, dass die privaten und öffentlichen Banken mit Hilfe der Giralgeld-Einlagen des Publikums bei ihnen durch die Gewährung von Krediten weiteres Giralgeld sozusagen aus dem Nichts schaffen können. Zurzeit besteht der Geldumlauf beim Publikum (Ende Dezember 2013) zu 339 Milliarden Franken aus Sichteinlagen bei Banken und nur zu 67 Milliarden aus Bargeld (Banknoten und Münzen), das jedoch einziges gesetzliches Zahlungsmittel ist. Das Giralgeld soll in Verbindlichkeiten gegen die SNB umgewandelt werden.“

Bei seiner Beurteilung fokussiert Bernholz auf die aus seiner Sicht erheblichen Umsetzungsprobleme: Die Kosten für die Banken und die Kunden würden steigen, und das Bankensystem würde nachhaltig geschwächt. Er verweist auf einige Ungereimtheiten, schließt aber mit einem interessanten Argument: „Wenn die größere Sicherheit des Finanzsystems der Schweiz wegen der vorgeschlagenen Änderungen allgemein bekannt geworden wäre, müsste besonders in Krisenzeiten mit einer noch stärkeren Überbewertung des Frankens gerechnet werden, da ja entsprechende Änderungen im Ausland nicht zu erwarten sind.“ Das klingt nicht wie ein generelles Votum dagegen. Eher wie die Mahnung, nicht alleine den richtigen Weg zu gehen in einer Welt, in der das beliebige Drucken von Geld als Allheilmittel angesehen wird.

NZZ: Goldinitiative und Vollgeld-Initiative, 14. April 2014

Vielleicht ist Bernholz zu skeptisch? Zeitgleich entbrennt auch in den angelsächsischen Medien eine immer intensivere Diskussion zum Thema „Geldsystem“. Zunächst hatte die Bank of England nüchtern unser heutiges System der privaten Geldschöpfung erklärt. Jetzt kommt sogar von der FT die Forderung: Strip private banks of their power to create money. Die Argumente:

  • Das Bankwesen ist kein normales Geschäft, weil es zwei wichtige öffentliche Güter zur Verfügung stellt: Geld und Zahlungsverkehr.
  • Die riskanten Geschäfte auf der Aktivseite der Bilanz werden mit den Einlagen/Forderungen auf der Passivseite finanziert, von denen die Öffentlichkeit denkt, sie seien sicher.
  • Aus letzterem Grund gibt es Notenbanken als Kreditgeber der letzten Instanz, staatliche Einlagensicherung und Regulierung.
  • Ein Mindestschritt zur Stabilisierung des Systems wären höhere Kapitalanforderungen, der Maximalschritt die Einführung von Vollgeld, wie schon von Irving Fisher und Kollegen in den 1930er-Jahren angeregt.
  • Ein neuer Ansatz sucht den Kompromiss: Der Staat alleine könnte sogenanntes „transaction Money“, also alles Geld was lediglich zum Zahlungsverkehr genutzt wird, schaffen. So wie Banknoten heute dann auch zusätzlich „transaction accounts“. Die Kunden würden die Banken für die Verwaltung dieser „transaction accounts“ bezahlen. Daneben gäbe es sogenannte „investment accounts“. Dazu müssten die Sparer Geld von den „transaction accounts“ auf die „investment accounts“ übertragen. Nur diese Gelder könnten die Banken dann zur Kreditvergabe nutzen. Die Sparer würden dafür eine Verzinsung bekommen, aber auch das Risiko von Verlusten eingehen.
  • Neues Geld könnte in einem solchen Modell nur von der Notenbank geschaffen werden – idealerweise völlig unbeeinflusst von der Politik.

Die FT kommt dann zu dem Schluss: komplex, aber machbar und wert, verfolgt zu werden. Ein solches System wäre stabiler. Keine prozyklischen Kreditbooms mehr, keine Banken, die zu groß sind, um pleite zu gehen. Auch die Gefahr einer Kreditknappheit wird nicht gesehen. Nur zehn Prozent der ausstehenden Kredite sind zu produktiven Zwecken verliehen.

FT (Anmeldung erforderlich): Strip private banks of their power to create money, 24. April 2014

Es wäre ein langweiliges Thema, wenn man nicht aus gleichem Grunde in eine ganz andere Richtung argumentieren könnte. Dies tut Thorsten Polleit in einem Beitrag für die WirtschaftsWoche. Zunächst kritisiert er die Fehlsteuerung, die eine „makroprudentiellen Überwachung“ der Kreditvergabe zur Folge hätte. Damit ist gemeint, dass die Aufsichtsbehörden bei einem starken Anstieg der Kreditvergabe an einen Sektor – zum Beispiel Hypotheken – mit Auflagen wie höheren Kapitalanforderungen reagieren. Für ihn ist es eine Fortsetzung der jetzt bereits aus dem Ruder gelaufenen Politik: „Die Idee der makroprudentiellen Überwachung ist nicht etwa aus einer einsichtigen Diagnose der wahren Krisenursache erwachsen. Sie ist vielmehr der ungelenke Versuch einer Symptomkur, weil man sich davor scheut, die eigentliche Ursache der Krise anzupacken. Es waren die staatlichen Zentralbanken, die mit ihrem unablässigen Ausweiten von Kredit- und Geldmengen, bereitgestellt zu immer tieferen Zinsen, die Überschuldungsmisere möglich gemacht haben. Doch nun schrecken sie davor zurück, die Kredit- und Geldschwemme zu stoppen, weil sie – berechtigterweise – fürchten, dass der gesamte Schuldenturm kollabiert und mit ihnen die Volkswirtschaften.“ Sein Fazit: „Das Bekämpfen der Marktwirtschaft führt jedoch in die ökonomische Sackgasse. Deshalb ist der produktive Gegenentwurf zur makroprudentiellen Überwachung die konsequente Rückbesinnung auf den freien Markt als spontane Ordnungskraft. Der entscheidende Befreiungsschlag wäre das Beenden des staatlichen Geldmonopols, an dessen Stelle der freie Währungswettbewerb tritt. Bekanntlich ist der Wettbewerb ein bewährtes Verfahren, um die Wünsche der Nachfrager bestmöglich und zu niedrigsten Kosten zu befriedigen.“ Schon früher hatte ich an anderer Stelle auf diese grundlegend andere Sichtweise verwiesen.

WirtschaftsWoche: Schluss mit der Regulierungsorgie, 21. April 2014

Vielleicht liegt in der Kombination der Instrumente der richtige Weg? In den Anfängen der Eigentumsökonomik wurde auch nur verliehen, was zuvor erspart war. Die Schöpfung des Geldes aus dem Nichts durch Banken entwickelte sich erst später. Private Banken im Wettbewerb stehend mit Insolvenzrisiko bieten „Investment-Konten“ an und lassen sich für die risikofreie Verwahrung des „Transaktionsgeldes“ bezahlen. Letzteres wächst mit einer festgelegten Rate, die keine Politik ändern kann. Das wäre dann fast wie ein Goldstandard mit kontinuierlichen Funden an neuen Reserven.

2 Antworten
  1. Johann Schwarting says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,

    in dem Satz „Jeder hatte Eigentum an Grund und Boden, welches er nutzen und gegen andere verteidigen musste.“, in der von Ihnen verlinkten Eigentumsökonomik sprechen Sie von seiner Verteidigung. Die Verteidigung ist zeitlich der Nutzung vorgelagert: sie kostet (Grundbuch usw.) und muss kreditär vorfinanziert werden, indem auf zukünftige Erträge gezogen wird. Damit sind wir schon in der „triple down“ –Theorie (Macht – Abgabe – Geld) von Paul C. Martin. Der Kapitalismus ist also ohne Staat nicht definierbar – vor allem nicht ohne die gegenwärtige imperiale Ordnung der Vereinigten Staaten. Das steht im Gegensatz zur „bottom up“ – Theorie, die Gunnar Heinsohn in https://blog.malik-management.com/2015/02/leitungswasser-oder-champagner-von-prof-dr-gunnar-heinsohn/#comment-15393
    und in der Vorstellung vertritt, dass der Staat sich dieses „Privatgeldes“ anschließend für seine Zwecke bedient hätte. Dafür gibt es historisch keine Belege. Der Ankauf von Gold durch die Zentralbank erhöht die Geldsummen in der Ökonomie ohne ein wesentlich erweitertes Bruttosozialprodukt zu erstellen, wie es bei der Hereinnahme von zinstragenden Forderungstiteln der Fall wäre. Gold gibt es natürlich auch nicht netto. Auch Goldschürfen ist „nur nach“ einer Schuld machbar, weil der Ausfall zu Hause finanziert werden muss. Die russische Zentralbank könnte alle Goldreserven des Landes aufkaufen. Ginge es den Menschen dann besser?

    Historisch gesehen beruhen alle Geldsysteme auf Verschuldung.

    Innerhalb einer imperialen Ordnung ist m. E. der entscheidende Befreiungsschlag für „das Beenden des staatlichen Geldmonopols, an dessen Stelle der freie Währungswettbewerb tritt“ nicht möglich, weil „das Geld (das Schuldverhältnis) eine Systemeigenschaft ist, die ohne das System (Herrschaft, Gewalten, Vollstreckung) nicht definierbar ist“. http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=335226

    In dem Sinne, dass der Kapitalismus nur solange hervorragend funktioniert, wie wir bereit sind, auch den Bankrott zu akzeptieren, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen.

    Johann Schwarting

    Antworten

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