Alterung: deflationär oder inflationär?

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Leserkommentar von letzter Woche: „Hier bei bto wurden Beiträge verlinkt, wonach Ökonomen davon ausgehen, dass eine alternde Bevölkerung z. B. wegen Abbau der Ersparnisse usw. Inflation erzeugt. Das finde ich nicht schlüssig. Ich beobachte, dass Japan genau das Gegenteil präsentiert. Man sieht deutlich, dass dort u. a. auch wegen der Altersstruktur dort seit Jahrzehnten gegen eine Deflation gekämpft wird. Ich bin auf kommende Beiträge auf bto gespannt, die sich mit dem Thema genauer auseinandersetzen werden.“

Das werde ich tun. Allerdings kann ich auch nur die Thesen der verschiedenen Schulen hier wiedergeben. Zunächst nochmal die Links zu früheren Beiträgen zu diesem Thema bei bto:

→ Demografie ‒ Inflation oder Deflation als Folge alternder Gesellschaften?

→ Wer auf ewig tiefe Zinsen setzt, lebt gefährlich

Nun gibt es eine neue Studie zu dem Thema, die in die gleiche Richtung geht wie die Studie der BIZ, die im ersten Link zitiert ist. Demnach geht es vor allem um die Relation von Abhängigen zu Erwerbsbevölkerung bei der Frage, ob eher Inflation oder eher Deflation. Relativ weniger Erwerbstätige führen zu Knappheit an Angebot und damit steigenden Preisen. Viele Arbeitskräfte führen demnach zu stagnierenden Löhnen und damit deflationären Tendenzen. Das klingt zunächst nicht so falsch, findet auch Ambrose Evans-Pritchard, der eine neue Studie der London School of Economics vorstellt:

  • Zwei Faktoren ändern sich demnach: Die weltweite Erwerbsbevölkerung wird schrumpfen, während die Ersparnisse zurückgehen (die Älteren konsumieren mehr aus dem Ersparten). Folge: Die Preise und die Zinsen steigen. – bto: Leuchtet ein.
  • Als Nebeneffekt wird damit auch die Einkommensungleichheit wieder abnehmen. „Piketty irrt sich“, ist das Fazit der Studie. – bto: Tut er sowieso, weil er die Wirkung des Leverage völlig vergisst, wie Leser meiner Seiten und meines Buches wissen.
  • 1990 hatten die Industrieländer eine Erwerbsbevölkerung von 695 Millionen Menschen. China und Osteuropa haben dem 820 Millionen hinzugefügt, also mehr als verdoppelt. Dieser Angebotsschock führte zu 25 Jahren Lohndeflation.
  • Das ändert sich nun: Die Rate der Abhängigen wächst wieder und damit wird Arbeit wieder teurer:

  • Japan wird immer als Beispiel angeführt, dass eine alternde Gesellschaft deflationär sei. Dies stimmt dann nicht, weil die japanische schrumpfende Bevölkerung im Kontext zu explodierendem weltweiten Arbeitsangebot stattgefunden hat. – bto: interessante Beobachtung.
  • Jetzt, wo Arbeitskräfte knapp werden, müssen die Unternehmen wieder mehr investieren und werden mehr Kapital nachfragen, während zugleich die Ersparnisse schrumpfen.
  • Das letzte Mal, als wir eine solche Situation hatten, war nach der Pest. Da war die Nachfrage nach Arbeitskräften ebenfalls hoch.

bto: Nun, was soll man dazu sagen?

  • Wenn man nur auf Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften und Kapital geht, leuchtet dies ein. Dann stimmt die These der steigenden Inflation/Zinsen.
  • Daran kann man zweifeln, wenn man an rasche Technisierung/Roboter-Einsätze glaubt.
  • Man kann aber auch zweifeln, wenn man bedenkt, dass Ersparnisse nicht die Voraussetzung für Kredite und damit Investitionen sind. Insofern müssten weniger Ersparnisse/mehr Investitionen eigentlich wenig Einfluss haben.
  • Nachfrage spielt auch eine Rolle. Wenn Ältere tendenziell weniger nachfragen – was stimmt – so haben wir ein anhaltendes Nachfrageproblem und eher Deflation. Das ist die Logik der BoJ, die in geringen Wachstumsaussichten den Grund für geringe Zinsen und Inflation sieht.
  • Deflation ist eigentlich normal, weil die Produktivitätsfortschritte tendenziell zu fallenden Preisen führen. Nur wenn man annimmt, dass wir keine Produktivitätsfortschritte mehr haben – ganz so weit würde nicht mal ich gehen – käme man also zu einem Nicht-Deflationsszenario.
  • Inflation ist eigentlich immer die Folge von zu viel kreditfinanzierter Nachfrage. Und die ist nicht unbedingt mit der Demografie verbunden.

Was für mich bedeutet: Keiner weiß es. Ich denke eher, dass deflationäre Tendenzen überwiegen. Aber die Wirkung von Angebot und Nachfrage im Arbeitsmarkt ist nicht von der Hand zu weisen.

→ The Telegraph: „The world economy as we know it is about to be turned on its head“, 23. September 2015

2 Antworten
  1. Kevin says:

    … und wie steht es um die grossen Aktienvermögen der (beispielsweise amerikanischen) Baby-boomer? Es wird des öfteren erklärt, dass die langsame Liquidierung dieser Aktienpakete zu sinkenden Preisen an den Börsen führen würde. Der Nachschub an neuen Aktienkäufern (sprich Anlegern) ist aus bereits oft zitierten Gründen geringer (z.B. demographische Gründe und relativ gesehen geringeres freies Vermögen, dass zur Altersicherung eingesetzt werden kann). Ist das ein beachtenswerter Effekt?

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