Alles spricht für Deflation (1): Interview mit Russell Napier

In einer überschuldeten Welt überwiegen die deflationären Tendenzen. Die ist Lesern von bto wohl bekannt, weil regelmäßig kommentiert. Geld drucken wirkt in diesem Umfeld nicht, außer man macht es konsequent und gibt das Geld direkt den Bürgern. Heute nun weitere Blickwinkel auf die kommende Deflationswelle ‒ die übrigens vom Ölpreisrückgang aufgrund der damit schrumpfenden weltweiten Dollar-Liquidität verstärkt wird, trotz des positiven Effekts für die Kaufkraft der privaten Haushalte und die Gewinne der energieintensiven Branchen. Zunächst ein Interview mit Russell Napier, einem unabhängigen Anlage-Strategen und Mitgründer der Online-Research-Plattform ERIC:

  • “Es wird global nicht genug Geld geschöpft, um Inflation zu erzeugen, weder in den  Industriestaaten noch in den Emerging Markets. Viele Schwellenländer, darunter China, Hongkong und die Golfstaaten, haben ihre Währung an den Dollar geknüpft und übernehmen so die Geldpolitik der USA.”
  • “Der grösste Teil des Geldes wird nicht von den Zentralbanken, sondern über die Kreditvergabe der Geschäftsbanken geschöpft. Da diese wegen der strengeren Eigenkapitalanforderungen ihre Bilanzen verkürzen, drosseln sie das Kreditangebot  und kreieren so kein Geld mehr. Hinzu kommt eine schwächere Nachfrage nach Krediten. Das hat mit der veränderten Demografie zu tun. Ältere Leute wollen Schulden abzahlen und konsumieren so weniger. Das schwächt die Wirtschaft und die Investitionsneigung der Unternehmen.”
  • “Es gibt kaum ein Argument, das nicht für einen stärkeren Dollar spricht. Wegen der Förderung von Gas und Öl aus Schiefergestein schrumpft das chronische Leistungsbilanzdefizit der USA. Das Fed kauft keine Wertpapiere mehr, die Wirtschaft gewinnt an Fahrt, und die Zinsen sind höher als in Europa und in Japan. Die Zinsdifferenz dürfte tendenziell noch zunehmen. Ausserdem laufen wir auf eine Phase zu, in der Leute gezwungen sind, Dollar zu kaufen. Vor allem Investoren in den Schwellenländern, die sich in Dollar verschuldet haben, um höher rentierende Anlagen in lokaler Währung zu kaufen.”
  • “Der Yuan hat sich wie der Dollar seit Anfang Jahr zum Euro und zum Yen stark aufgewertet. China wird diesem Trend nicht allzu lange zuschauen, bewegen sich die Inflationsraten im Reich der Mitte doch jetzt schon nahe bei null. Es wird den Yuan abwerten müssen, womit auch die Importe aus China billiger werden. So wird China Deflation exportieren, wie es im Sog des schwachen Yens schon Japan macht und ein Stück weit mit dem billigeren Euro jetzt auch Europa.”
  • “Das Vermögen in Bargeld auf einer sicheren Bank zu haben. Auch Anleihen von mündelsicheren Staaten wie zum Beispiel Singapur sind ein Deflationsschutz. Relativ zu Cash sind die meisten Anlageklassen überteuert. In einem Umfeld, in dem das Preisniveau sinkt und die Gefahr von Rezession und einer neuen Bankenkrise herrscht – hier spreche ich vorab von Europa –, schneiden Aktien schlecht ab. Deflation schwächt den Cashflow der Unternehmen, und wenn Investoren zu zweifeln beginnen, ob der Cashflow noch reicht, um die Zinskosten zu decken, werden die Kurse einbrechen.”
  • “In einer Phase mit niedriger Inflation und Orten mit Deflation geht früher oder später ein grosser Player in Konkurs. Im Jahr 2008 war’s Lehman Brothers. Auch dieses Mal wird ein Kreditereignis am Anfang stehen. Die Türkei könnte pleitegehen, oder Südafrika.”
  • “(…) Das Verhältnis von Schulden in Fremdwährung zur Wirtschaftsleistung ist hoch, und aufgrund des hohen Leistungsbilanzdefizits sind sie auf Kapitalzufluss angewiesen. Wenn er versiegt, können Länder mit hohen Fremdwährungsschulden nicht einfach abwerten. Daran leidet ganz Osteuropa und die Türkei im Besonderen.”

Die Hervorhebungen sind von bto.

FINANZ und WIRTSCHAFT: «Wir stehen am Rand einer Deflation», 28. November 2014