Alle Wege führen … zum Helikoptergeld

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Martin Wolf in der FT mit einer knappen Zusammenfassung der Lage. Für Leser von bto eine gute Erinnerung und ein weiteres Indiz, in welche Richtung es geht. Zunächst die Argumentation von Wolf:

  • Wenn die USA niesen, bekommt die Weltwirtschaft eine Erkältung. Heute gilt dies immer noch. Jedoch heißt es nun auch, wenn China niest, bekommt die Weltwirtschaft eine Erkältung.
  • Jetzt wo China niest, hat die Weltwirtschaft die letzte große kreditfinanzierte Nachfragemaschine verloren.

 

  • Folglich wächst der weltweite Ersparnisüberhang, was die säkulare Stagnation verschärft. – bto-Leser wissen, dass wir es nicht mit einem Ersparnis-, sondern einem Schuldenüberhang zu tun haben.
  • Selbst der IWF ist in seinem letzten World Economic Outlook sehr skeptisch. Das Wachstum sinkt auf 3,1 Prozent in diesem und 3,6 im kommenden Jahr. Die Schwellenländer sollen noch mit vier Prozent wachsen, die Industrieländer mit zwei (Eurozone: 1,5).
  • Es gibt erhebliche Risiken: platzende Blasen an den Finanzmärkten, noch geringeres Potenzialwachstum (was weniger Investitionen und nochmals weniger Nachfrage zur Folge hat), ein deutlich größerer Rückgang in China (als die erwarteten 6, 8 Prozent; hier haben wir schon gesehen, dass es sogar auf null fallen könnte!), noch tiefere Rohstoffpreise, ein stärkerer Dollar (der die Finanzierungskosten für die Schuldner erhöht), geopolitische Risiken und letztlich einfach die Möglichkeit, dass die Nachfrage einfach so sinkt. – bto: Naja, die Liste der Dinge ist nicht so unwahrscheinlich.
  • Damit – so Wolf – leidet die Welt unter weiter steigenden Überkapazitäten und damit deflationärem Druck. – bto: Wie das in der Praxis aussieht, kann man in China beobachten, wo die Produzentenpreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,9 Prozent gefallen sind – der 43. Monat mit rückläufigen Preisen in Folge:

Quelle: Zero Hedge

  • Wie oft diskutiert, hat die Wirtschaftspolitik wenige Möglichkeiten gegenzusteuern. Deshalb auch die Angst vor der nächsten Rezession. Alle wollen über Exporte die eigene Lage verbessern, es gibt aber niemanden mehr, der entsprechend noch verschuldungsbereit ist, würde ich sagen.
  • Die tiefen Zinsen der letzten 15 Jahre waren für Wolf die Folge des weltweiten Ersparnisüberhangs (bto: Sehe eher die ungebremste Expansion des deregulierten Finanzsektors und die zunehmende Abhängigkeit von immer billigerem Geld als Ursache, wie auch die BIZ) und die Hauptursache für die Spekulationsblasen und des Verschuldungsbooms von den USA über Spanien nach China (bto: Da stimme ich zu). Nur kann man nicht mehr so weitermachen. China kann das zwar versuchen, wird damit aber das Problem der Überkapazitäten weiter verschlimmern.
  • Was sollte man tun? Wolf sieht die kurzfristige Notwendigkeit, eine Rezession zu verhindern, idealerweise durch „more unconventional monetary policies and strongly expansionary fiscal policies“. – bto: Here we go! HELIKOPTERGELD!
  • Mittelfristig müsste man darüber reden, was man tun müsse, sollte es einen negativen Schock für die Weltwirtschaft geben. Hier wird er noch kryptischer – frage mich, ob die Leser es überhaupt verstehen – „The resistance to even more unconventional policies might be reduced if the way in which they might work were spelt out carefully.“ – bto: äh? Ich habe das so verstanden, es ist entweder derselbe Punkt wie kurzfristig, nur eher durchsetzbar, weil es dauert, bis die ewig Gestrigen – er denkt da an uns Deutsche – ihre Vorbehalte über Bord werfen und endlich mit Zentralbankgeld Wohnungen für Flüchtlinge bauen. Oder aber er denkt noch weiter (Was ich tun würde!) und stellt die Politiker vor die Wahl: weltweiter Schuldenschnitt mit Vermögensabgaben oder Helikoptergeld? Klar, dass da auch die deutsche Regierung sofort für Helikoptergeld ist. Also die Drohung mit dem noch Unpopuläreren um das Unpopuläre zu bekommen.
  • Langfristig, so Wolf, sollte es doch möglich sein, dass die Welt merkt, was für tolle Investitionen man doch mit dem billig angebotenen Geld machen könne. Vor allem in den Schwellenländern sollte doch ein „globaler Investmentboom“ möglich sein. – bto: Übrigens, für Investitionen ist weniger wichtig, was die Finanzierung kostet, als das, was sie erbringen. Wird gerade von Volkswirten nur zu gerne vergessen.

Zusammengefasst fordert Wolf kurz-, mittel- und langfristig dasselbe: mehr kreditfinanzierte Investitionen, am besten mit direkter Finanzierung durch die Notenbanken. Die Alternative, die Bereinigung der Schuldenlast, erwähnt er erneut mit keinem Wort. 

→ (FT Anmeldung erforderlich): „Solid growth is harder than blowing bubbles“, 13. Oktober 2015

10 Antworten
  1. Prestele says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,

    herzlichen Dank für die Exegese des Artikels von M. Wolf, der mir gleichermaßen allzu kryptisch erschien – wohl um die geneigte Leserschaft der FT nicht zu sehr zu verstören. Allerdings bedürfte auch Ihre Alternative der Bereinigung der Schuldenlast einer detaillierteren Erläuterung, die ich in Ihrem Buch „Die Schulden“ gleichfalls vermisst habe. Mir scheint, dass hier eine verteilungsgerechte Bereinigung, etwa nach dem Beispiel des deutschen Lastenausgleichs ein, wenngleich von der geneigten Leserschaft der FT, aber auch Ihres Blogs wohl kaum goutierten Lösungsweg zu sein.

    MfG
    Prestele

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  2. Michael Stöcker says:

    So langsam scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass die klassische Geldpolitik mit Ihrem Latein am Ende ist. Wir hatten hierzu im Herdentrieb Anfang 2014 eine längere Diskussion, in der die Pros und Cons bis ins Detail diskutiert wurden: http://blog.zeit.de/herdentrieb/2014/02/27/zentralbanken-wollen-mehr-inflation-aber-die-disinflation-geht-weiter_7136#comment-112389

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  3. Katalin says:

    Guten Tag,

    immer wieder dieselben unbewiesenen Behauptungen: die Schulden sind zu hoch.

    Warum sind den die Schulden so hoch .

    Herr Dr. Stelter hat darauf zwei Antworten;
    1. Die Politiker sind Schuld, weil sie zu viele Sozialleistungen die Bevölkerung verteilen um gewählt zu warden.
    2. Unser Geldsystem ist Schuld, da er es den Banken erlaubt unbegrenzt Geld zu schöpfen.

    In beiden Punkten liegt Herr Dr. Stelter falsch und 1. und 2. hängen eng zusammen.

    Zu 1.
    Wer meint die Sozialhilfe in BRD ist zu hoch, sollte sich Arbeitslos melden und von der Sozialhilfe leben. Der wahre Grund für die zu hohe Schulden ist ein anderer. Da der so hoch gelobte freie Markt, in kurz, -bis mittler Sicht ( d.h. zu unseren allen Lebzeiten, Leben ist nun mal kurz, in langer Sicht, sieht es anders aus, aber da sind wir längst alle tot ) zu keinen guten Ergebnissen führt, bedeutet kontret ; 30% der Bevölkerung können von dem Einkommen das Sie verdienen nicht leben ( Marktversagen ) ist der Staat dazu gezwungen durch Umverteilung diesen 30% zu helfen. ( In den USA ist für diese „Sozialpolitik“ die FED verantwortlich – Ziel Vollbeschäftigung )
    Die Reichen sorgen aber dafür, ( wie z.b. jetzt, wenn die Bevölkerung schrumpft und es zu Lohnsteigerungen kommen könnte, organisieren sie von der mehrheit der Bevölkerung nicht gewollte Zuwanderung, damit die Löhne nicht stiegen – sie korrumpieren den Markt ) das der Staat nicht Steuern in einer Höhe erheben kann, die er braucht um diese Leistungen zu finanzieren, d.h. in den kurzfristigen fehlerhaften Markt so eingreift, dass er die Leistungen finanzieren kann, muss er sich verschulden. Und hier schließt sich der Kreis,
    wo kommt das Gled her, die Reichen die zuvor dafür gesorgt haben, dass Sie nicht richtig besteuert warden, leihen dem Staat das Geld für diese Sozialleistungen und weden dadurch noch reicher.
    D.h. ohne den Schulden des Staates würden die Reichen gar nicht so viel Sparen können, d.h. gar nicht so viel Vermögen anhäufen können.

    Durch den ständigen techn. Fortschritt ( Überproduktion – habe gelesen, dass Toyota in der Lage ware die ganze Welt mit Autos zu beliefern, mit nicht viel größeren Belegschaft ) und damit zusammnhängende Entlassungen entsteht Nachfragelücke, die der Staat damit zum Teil schließt, bei BRD ist es das Ausland.

    Fazit: Der Staat steht auf der Seiten der Reichen und nicht der Armen, wird von diesen kontroliert und instrumentalisert um die Armen auszubeuten. Ohne den Staat hätte es die dt. Großkonzerne niemals gegeben bzw. viele von denen wären aufgrund vom Gier und Marktversagen längst pleite.
    siehe VW, Porsche usw.

    zu 2. Siehe 1: allen Ungleichgewichten auf den Finanzmärkten gehen relawirtschaftliche Ungleichgewichte voraus ( das kann man sogar bei Ihnen Herr Stelter, bei Eigentumsökonomik 1 oder 2 nachlesen, warum behaupten Sie anderswo das Gegenteil – das kapitalistische System führt über kurz oder lang daurch, dass sich einzelne Produktionsmittel aneigen, egal wie, und andere für sich arbeiten lassen, zu relawirtschaftlichen Ungleichgewichten und die wiederrum zu Ungleichgewichten an den Finanzmärkten oder Währungen. Es völlig irrelevant wie unser Geldsystem aussieht, man braucht nur in die Vergangenheit zu schauen, wo es verschieden Arten von Systemen gab, wie Gold oder Bretten Woods.

    Die Kernproblematik des ganzen ist ganz einfach, es ist die Mehrproduktion, die man selber nicht braucht und wie kann man diese den anderen „andrehen“ und sie auch noch dazu bringen, dass sie einem später mehr ( Zinsen ) davon zurückgeben.

    Vollgeld bring hier gar nichts, da es das Wachstum begrenzt, sondern nur die Korrektur des kurzfristigen fehlerhaften Marktes ( wie in den USA, weiß nicht mehr genau wann, in den 50-ern oder 60-ern 70%-inge oder spgar 90%ige Besteurung ) und die somit die Verhinderung das eine kleine Elite die Politiker aufkauft und der Staat in den Markt nur zum Vorteil dieser Eliten eingreift.

    Gruß
    Katalin

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      „Warum sind den die Schulden so hoch .“

      Weil die Geldvermögen so hoch sind!

      Was Sie hier zu recht kritisieren, ist der altbekannte Matthäus-Effekt (vulgo: Der Teufel schei… immer auf den größten Haufen). Das Hauptproblem in einer Zahlungswirtschaft sind aber primär die monetären Ungleichgewichte. Diese entstehen insbesondere dann, wenn der Staat nicht ausreichend über das Steuersystem korrigierend einwirkt. Vollgeld hilft hier in der Tat nicht weiter (allerdings aus anderen Gründen) und höheres Wachstum brauchen wir in den entwickelten Ländern eigentlich auch nicht: http://www.flassbeck-economics.de/vollgeld-voll-daneben-wir-fuehren-die-falsche-debatte/.

      Und ja, es wird auch in der Demokratie Politik für die 1 % gemacht. Siehe hierzu exemplarisch Rainer Mausfeld „Warum schweigen die Lämmer“ oder auch das aktuelle Lobbyisten-Gezerre um die Erbschaftssteuer.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Zunächst: Ich habe nichts gegen eine offene und kontroverse Diskussion. Diese sollte aber auf bto immer und gegenüber jedem Teilnehmer sachlich erfolgen. Wir sollten also keine Pauschalisierung vornehmen. Was die Inhalte betrifft:

      1. Wenn wir uns an die Grundsätze der Eigentumsökonomik halten würden, gäbe es auch Konzentrationsprozesse, die aber über normale Besteuerung handhabbar wären. – Siehe meine Anmerkungen in Teil 4 der Serie und in der „Billionen Schuldenbombe“.
      2. Wir haben es nicht mit einem Staats-, sondern mit einem Gesamtschuldenproblem zu tun. Dazu müssten Sie sich intensiver mit bto beschäftigen, da dies in den letzten zwei Jahren intensiv besprochen wurde.
      3. Diese Verschuldung wurde durch verschiedene Faktoren begünstigt. a) Liberalisierung Finanzwesen, b) Notenbankpolitik, c) Politik, die damit über Probleme hinwegtäuschen wollte. Bitte lesen Sie dazu : http://think-beyondtheobvious.com/stelter-in-den-medien/die-wahren-gruende-der-wirtschaftskrise/
      4. Die „Reichen“ sind nur so reich, weil sie massiv vom Finanzsystem profitiert haben und dabei vom Leverage-Effekt. Vermögen sind das Symptom, Schulden die Ursache. Da der Hauptvermögensgegenstand, der im Preis gestiegen ist, Immobilien sind, hätte Besteuerung hier nicht so viel gebracht. Ich bleibe dabei, es ist eine Folge der Schuldenwirtschaft. Besteuerung hätte gemindert, nicht verhindert.
      5. Vollgeld ist ein Kniff zur Entschuldung und wäre ein Weg, das System zu stabilisieren. Besser wäre Banken, die viel mehr EK halten und zudem Konkurs gehen können.
      6. Der Finanzsektor und die Politik hängen sicherlich eng zusammen.
      7. Sozialismus wird keine Lösung sein. In gewisser Hinsicht ist es ja die Entfernung von den Grundsätzen des Marktes – siehe Banken –, die die Krise verursacht hat. Eigentumsökonomik würde funktionieren.
      8. wenn ich die aktuelle Politik beobachte, kann ich nicht sehen, wie der Staat aufseiten der Reichen steht (Rentenreform, Einwanderung etc.).

      LG

      DST

      Antworten
  4. Ewald Kroiss, LL.M. says:

    Guten Tag,

    einen Grossteil der Finanzprobleme hat die Legislative selbst kreiert, indem sie den Banken erlaubt hatte, die Staatsanleihen ohne Risikogewichtung zu halten. Dies ist im Kreditwesengesetz verankert, dessen Urheber nicht die Bankiers sind, sondern die Regierungen. Die Schuldenlast vieler Staaten ist jedoch so hoch angewachsen, dass bei einem angemessenen Marktzins die Schuldenlast nicht mehr bedient werden kann. Die FED und die EZB haben besonnen reagiert und tun dies immer noch. Die Notenbanken haben die Ihnen angetragene Kritik nicht verdient. Die Politik scheint aber nicht faehig, die notwendigen Regelungen schaffen zu koennen, um einen liberalen Markt zu bilden. Hierzu gehoert auch, Unternehmen in die Insolvenz gehen zu lassen und einen Konjunkturabschwung zuzulassen. Die Verzoegerungen dieser Dinge (siehe Griechenland) verschieben das Problem nur auf der Zeitschiene. In der Fluechtlingsdebatte ist das gleiche Phaenomen zu beobachten. Aufgrund irrwitziger baurechtlicher Anforderungen ist es nicht moeglich, schnell und kostenguenstig Wohnraum zu schaffen. Hinzu kommt die Unwilligkeit von Gemeinden, Bauland auszuweisen (Neidfaktor). Genau hier koennten jetzt die sog. „Reichen“ in Vorlage treten und Wohnungsbauinvestitionen taetigen und Banken den fehlenden Teil finanzieren. In diesem Punkt hat die FT absolut den richtigen Schluss gezogen. Eine Kreditfinanzierung solcher Investitionen waere nicht schaedlich und der Staat koennte sich hier weise von einer Mitfinanzierung fernhalten, wuerde als die Staatsschuld nicht erhoehen, „strongly unconventional“, weil in Deutschland freie Marktkraefte wirkten.

    Mfg

    EK

    Antworten

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