„Aging, real rates, and labour bargaining power: the case of Japan“

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Beim Thema Demografie können wir nur mit Szenarien und Analogien arbeiten und selbst Letztere sind nur bedingt tauglich. So auch der Fall von Japan. Dennoch fand ich diesen Beitrag bei FT Alphaville sehr gut und erhellend. Dies, obwohl er der These der durch Arbeitskräftemangel steigenden Löhne und Inflation widerspricht, die ich bisher durchaus für plausibel hielt. Streichen wir das „Obwohl“ – genau deshalb finde ich ihn so interessant!

Ab jetzt also die FT:

Die Anzahl Japaner im Alter von 15 bis 64 hat im Jahre 1995 den Höhepunkt erreicht und ist seither um elf Prozent gesunken. Zugleich wuchs die Gruppe der über 65-Jährigen um 86 Prozent. In 20 Jahren eine Entwicklung, die den anderen Industrieländern über die nächsten 50 Jahre bevorsteht. Man könnte also was lernen. – bto: Denke ich auch. Allerdings müssen wir im Hinterkopf haben, dass zu der Zeit, in der Japan das durchlief, der Rest der Welt noch recht gut wuchs und eigene (Schulden-)Blasen schuf. Insofern könnte es für uns durchaus anders aussehen!

Demografie und Ersparnisse

Wie erwartet, ist die Sparquote gesunken. Die Rentner nutzen ihre Ersparnisse, um zu leben:

Das gilt aber – bekanntlich – nur für die privaten Haushalte. In Summe spart Japan noch, was man am Kapitalexport in die Welt ablesen kann.

bto-Leser kennen auch den Grund dafür: Der Unternehmenssektor spart enorm. Deswegen kommt Abenomics nicht voran. Der schwache Yen erhöht die Gewinne zusätzlich – während die Reallöhne sinken –, mit der Folge, dass noch mehr Ersparnisüberschüsse entstehen. Genau das Gegenteil, was das Land eigentlich bräuchte, um die Wirtschaft auf Kurs zu bringen (nicht Missverstehen: Natürlich ist der japanische Staat hoch verschuldet und wir werden das echte Endspiel dort beobachten können, die direkte Monetarisierung der Schulden.)

Hier die Nettoersparnis von Unternehmen. Nach der Party Ende der 1980er-Jahre kam es zum „Deleveraging“ und scheinbar gefällt das den Unternehmen so gut, dass sie einfach weitermachen!

Nachdem der Staat bekanntlich rund acht Prozent vom BIP p. a. neue Schulden macht, stammen also ALLE Ersparnisse vom Unternehmenssektor. Übrigens sparen auch deutsche Unternehmen erheblich.

Wieso steigen die Löhne nicht?

Eigentlich müssten doch die Löhne steigen, wenn es weniger Arbeitskräfte gibt. Dies ist auch die Vermutung der hier schon mal vorgestellten BIZ-Studie, die Inflation in Relation zur Abhängigenquote sieht. In Japan war die Arbeitslosigkeit durchweg höher als früher und der Anteil Teilzeitbeschäftigter ist ebenfalls gestiegen. Die Reallöhne stagnieren seit Jahrzehnten.

Neue Wettbewerber aus China, neue Technologien und ein Schrumpfen nach der Blase erklären dies, so die FT, nur zum Teil.

Die Lohnquote ist, wie in den USA, kontinuierlich gesunken:

Das dürfte daran liegen, dass, obwohl die Bevölkerung schrumpft, die wirtschaftlich aktive Bevölkerung Japans praktisch unverändert ist seit Mitte der 1990er-Jahre, obwohl die Anzahl Menschen im „erwerbsfähigen“ Alter gesunken ist. Der Anteil der 15- bis 74-Jährigen mit einer Arbeitsstelle steigt seit 2002, die Erwerbsquote der Frauen wächst ebenfalls:

Seit 2003 ist die Anzahl Japaner im Alter von 15 bis 64 um acht Millionen gesunken, die Erwerbsbevölkerung jedoch um 300.000 gewachsen. Dabei kommt der Zuwachs ausschließlich über mehr Frauenarbeit.

Seit Mitte 2010 ist die Zahl der 15- bis 74-Jährigen um 1,7 Millionen gesunken, während die Erwerbstätigen in dieser Altersgruppe um 1,2 Millionen anstiegen, wiederum dank der Frauen:

 

Und noch heute liegt die Erwerbsquote der Frauen 20 Prozent unter der der Männer – Japan hat also noch Potenzial. – bto: Dies gilt auch für Länder wie Italien und Deutschland.

 

Ist Japan „anders“?

 

Die Autoren blicken dann auf die Parallelen zu uns. Ist Japan „anders“ oder doch weniger „anders“, als wir denken?

  • Wie Japan hatten auch wir eine große Blase mit Finanzkrise ausgelöst durch hohe Privatverschuldung.
  • Wie in Japan ist auch in der westlichen Welt die Netto-Sparquote der Nicht-Finanz-Unternehmen deutlich gestiegen.
  • Wie Japan sind die Industrieländer als Ganzes eine relativ geschlossene Volkswirtschaft, weshalb externe Faktoren keine so große Rolle spielen. 

Der einzige relevante Unterschied zu den USA ist der Arbeitsmarkt. Während in Japan die Erwerbsquote gestiegen ist, ist sie in den USA im Nachgang der Finanzkrise deutlich gesunken. 

Fazit der FT: Der demografische Wandel wird erhebliche Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Politik und die Verteilung von Vermögen und Einkommen haben. Es ist denkbar, dass es zu steigenden Zinsen und Gehältern kommt, wobei die Erfahrung aus Japan darauf hindeutet, dass es auch das Gegenteil sein kann. So oder so: Prognosen nur auf Basis von Demografie sind problematisch.

Fazit bto: Wenn wir global eine Alterung haben, ist es durchaus denkbar, dass die Löhne steigen und damit die Inflation. Da wir aber andererseits keine Rücklagen gebildet haben für die Kosten der Alterung, könnte es sein, dass wir alle viel länger arbeiten müssen und damit zu einem Lohndruck beitragen.

→  FT (Anmeldung erforderlich): „Aging, real rates, and labour bargaining power: the case of Japan“, 8. Dezember 2015

 

2 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Lieber Herr Stelter,

    die Bildung von ‚Rücklagen‘ ist wieder so eine semantische Verirrung. Wir haben fiktive Rücklagen (‚Kapitalgedeckte‘ Altersvorsorge), weil wir die realen Investitionen in Infrastruktur und Bildung unterlassen haben. Somit fehlt das reale Vermögen, von dem man in der Zukunft zehren könnte. Nun wollen die Finanzparasiten ein zweites Mal zuschlagen und unsere Parlamentarier lassen sich schon wieder über den Tisch ziehen (siehe mein Kommentar hier: http://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/warum-big-oil-sich-selbst-liquidieren-sollte/#comment-16497)

    LG Michael Stöcker

    Antworten

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