„Die Märkte nehmen das ‚Helikoptergeld‘ vorweg“

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Vor einigen Tagen habe ich an dieser Stelle ausführlich die Überlegungen von Gary Shilling dargelegt. Dieser hatte einen 35-jährigen Bullenmarkt in Staatsanleihen vorhergesagt und verkündet, dieser sei noch lange nicht am Ende. Die NZZ greift das Thema in einem kleinen Beitrag auf, den ich hier zur Auffrischung und zur Motivation, den oben genannten Beitrag auf bto noch einmal zu lesen, kurz zusammenfasse:

  • Die amerikanische Zentralbank (Fed) muss sich langsam, aber sicher der Realität stellen, dass sie nicht weiss, wie man Prognosen macht, und dass die Idee der forward guidance ein Fehler ist. Schliesslich ist diese von Daten abhängig, die noch nicht bestimmt worden sind – und bei der Prognose dieser Datenpunkte lag sie permanent daneben. Das Fed hat Inflations- und Wachstumsdaten ständig überschätzt und lag falsch, was die Bestimmung des Zeitpunkts anbelangte, an dem es die Zinsen anheben werde.“
  • „(…) ich bin zum Schluss gekommen, dass wir viele Exzesse der 1980er- und 1990er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts abarbeiten müssen. Das benötigt üblicherweise acht, neun Jahre – aber bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit dauert es möglicherweise länger. Ich bin dabei von einem Wirtschaftswachstum von etwa 2% in den USA ausgegangen – und seit 2009 war das ziemlich realistisch.“
  • Das Fed versteht das nicht und geht von einem normalen Konjunkturzyklus aus. Das Heimtückische ist, dass die Notenbanker in den vergangenen Jahrzehnten dachten, mit lockerer Geldpolitik die Wirtschaft stimulieren zu können. Sie haben nicht realisiert, wie stark sich die Konsumenten verschuldet haben, wie stark die Sparquote gefallen ist, und sie dachten, mit weiterer Expansion der Geldpolitik die Entwicklung in der Zukunft kontrollieren zu können.“
  • Nun müssen sie bei ausbleibendem Wachstum zurückbuchstabieren. Gleichzeitig sparen die Konsumenten mehr, die Investitionstätigkeit bleibt verhalten, der Brexit sorgt für Verunsicherung, und Überkapazitäten sowie schwaches Wachstum in China führen zur Deflation. Das Fed scheint sich dessen nicht bewusst zu sein. Die Notenbanker haben das Problem sogar noch verschlimmert, weil sie dachten, sie wüssten, was sie tun.“
  • Im Jahr 1981 bot eine 30-jährige amerikanische Staatsanleihe eine Rendite von 15,2 %. Damals sagte ich das «Rally des Lebens» und eine Rendite von 3 % voraus, künftig rechne ich sogar mit 2 %. Die Kurse der Obligationen steigen nun schon seit 35 Jahren, weil die Inflation immer weiter zurückgeht, und nun befinden wir uns sogar in einem deflationären Umfeld.“
  • „(…) die Rendite der Langläufer kann noch um weitere 0,5 Prozentpunkte fallen. Das mag wenig erscheinen, führt aber bei einem 30-jährigen Zinspapier mit 0 %-Coupon aufgrund der Konvexität zu einem Kursgewinn von etwa 15 %.“  bto: Ich bin zwar auch ein Anhänger der Deflationstheorie, mir wäre aber das Risiko, verglichen mit dem Upside von 15 Prozent, zu hoch. 10-jährige US-Anleihen hingegen konnte man dieses Jahr noch machen.
  • Frage der NZZ: Was würde Ihre Erwartung und Ihre Meinung dazu ändern? Antwort: „Ein plötzlicher Wachstumsschub – und ein solcher ist sogar denkbar. So sind in den vergangenen Jahrzehnten die Einkommen der meisten Leute in Westeuropa und Nordamerika nur unterdurchschnittlich gewachsen. Genau das macht sie wütend, verleidet ihnen die herkömmliche Politik und verleitet sie zunehmend zur Wahl von Protestparteien.“
  • „Das führt zu interessanten Wahlen und bringt am Ende sehr wahrscheinlich eine Tendenz zu fiskalpolitischen Stimulierungsmassnahmen mit sich – finanziert durch Helikoptergeld von den Zentralbanken. In den USA werden sie sehr wahrscheinlich im Infrastrukturbereich getätigt werden, wo es nötig ist, und beim Militär – vor allem wenn die Republikaner die Wahl gewinnen sollten.“
  • Auf der einen Seite haben wir die Deflation, und auf der anderen dürften die ganzen Stimulierungsmassnahmen künftig mit dem Helikoptergeld der Notenbanken finanziert werden. Solange die Zentralbank nicht die vom Finanzministerium ausgegebenen Schuldpapiere in grösserem Stile kauft, sehe ich keinen grösseren Effekt auf den Bondmarkt.“
  • Die Aktien sind wirklich sehr hoch bewertet. Nimmt man das Kurs-Gewinn-Verhältnis, wie es Robert Shiller berechnet, dann müssten die Notierungen um 40 % fallen, um die Bewertung auf den langjährigen Durchschnitt zurückzubringen. Dazu kommt, dass die Gewinnentwicklung bedenklich ist, weil sie in einem Umfeld stattgefunden hat, das sich durch geringe Umsatzzuwächse und eine tiefe Inflation auszeichnete.“
  • Schaut man sich heute in der Welt um, so sieht man geringes Wachstum und negative Zinsen bei etwa einem Drittel aller ausstehenden Staats- und Unternehmensanleihen in der Euro-Zone, der Schweiz, Dänemark, Schweden und Japan – das zeigt mir, dass das System aus den Fugen geraten ist und dass etwas Dramatisches passieren wird. Ich kann nicht sagen was. Vielleicht wissen wir in einem Jahr mehr, aber es wird sehr wahrscheinlich nicht erfreulich sein.“

Wir setzen weiterhin auf lang laufende amerikanische Staatsanleihen. Nicht wegen der Rendite, sondern weil wir davon ausgehen, dass der Kurs weiter steigen wird. Zudem bevorzugen wir unter den Währungen den Dollar und rechnen mit fallenden Preisen und Kursen bei Rohstoffen.“

→ NZZ: „Die Märkte nehmen das ‚Helikoptergeld‘ vorweg“ vorweg, 30. August 2016

8 Antworten
  1. MFK says:

    Die italienische Zentralbank (Banca d’italia) berichtete für den Monat August 2016 von einem Anstieg der Target2 Verbindlichkeit von 34,855 Mrd. Euro zum Vormonat und von 112,352 Mrd. Euro zum Vorjahresmonat, auf -326,945 Mrd. Euro. Dies ist der höchste negative Target2 Saldo Italiens seit Bestehen der Währungsunion. Da hilft auch kein Helikoptergeld.

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  2. Schmedtmann says:

    Die Helikopter (Geldgeschenke) sind schon längst aufgestiegen und verstecken sich beispielsweise unter Finanzvehikeln wie Anfa (Agreement on Net Financial Assets). Dadurch sind Staaten wie Irland in der Lage, sich gegenüber Konzernen wie beispielsweise Apple großzügig bei der Steuererhebung zu zeigen.

    Link: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/irland/schuldenkrise-irland-bekommt-25-jahre-zahlungsaufschub-12055106.html

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  3. Dietmar Tischer says:

    Es ist interessant, unkonventionelle Meinungen zu hören.

    Es ist aber nicht sonderlich erbaulich, wenn sie mit einem Besserwissen daherkommen, das statt durch Originalität und Substanz zu brillieren, anderen Ignoranz unterstellt.

    So auch bei Gay Schilling:

    >Das Fed versteht das nicht und geht von einem normalen Konjunkturzyklus aus.>

    Die Fed geht ganz sicher nicht davon aus. Allerdings hat sie praktisch keine anderen, sondern lediglich extremere Instrumente der Art, die sie auch bei einem normalen Konjunkturzyklus einsetzt (Geld- und Zinspolitik). Dass sie mit diesen bei einer Strukturkrise wie in USA ihre Ziele nicht erreichen kann, ist klar, berechtigt aber nicht zu solchen Urteilen.

    >Die amerikanische Zentralbank (Fed) muss sich langsam, aber sicher der Realität stellen, dass sie nicht weiss, wie man Prognosen macht,…>

    Hat die Fed JEMALS Prognosen gemacht?

    Nicht, dass ich mich erinnern kann. Alles, was ich die letzten Jahre von ihr höre, ist, dass man die Daten beobachte und davon abhängig entscheiden würde. Ich frage mich, was Schilling mit solchen Sprüchen will.

    >Ein plötzlicher Wachstumsschub – und ein solcher ist sogar denkbar. Schauen Sie nur auf das Aufkommen des Front national in Frankreich, die AfD in Deutschland oder Bernie Sanders in den USA. Das führt zu interessanten Wahlen und bringt am Ende sehr wahrscheinlich eine Tendenz zu fiskalpolitischen Stimulierungsmassnahmen mit sich – finanziert durch «Helikoptergeld» von den Zentralbanken.>

    Mal abgesehen davon, was durch Helikoptergeld finanzierte fiskalisch Stimulierungsmaßen wirklich bringen, ein plötzlicher Wachstumsschub wird es nicht sein. Denn die „interessanten Wahlen“ werden zu einem vieler Orts vehementen Protektionismus führen, der – zumindest der Rhetorik nach, mit der die Protagonisten auftreten – plötzliche Schrumpfungsprozesse auslösen dürfte. Schilling übersieht völlig, dass – Fiskalpolitik hin oder her – vor allem die Chinesen den von ihm genannten politischen Kräften ganz gewaltig Paroli bieten werden.

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