Zum Paukenschlag: was tun heute? – aktualisiert. Was passiert ist.

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Das ist ein echter Paukenschlag. Die Briten scheinen für den Brexit zu stimmen. Eine Abstimmung gegen Brüssel, aber noch mehr gegen die nationalstaatliche Politik, in der einzelne Länder die ganze EU in den Griff nehmen. Siehe Frau Merkel mit ihren Alleingängen (Energie, Verweigerung Euro-Lösung, Flüchtlinge).

Heute nur rasch die Erinnerung an meine Sicht mit Blick auf die Finanzmärkte. Am 9.Juni schrieb ich in der Wirtschaftswoche, was zu tun sei. Hier der Auszug aus dem Text:

„Richtig spannend ist hingegen der andere Fall: die Märkte erwarten weiterhin eine Ablehnung des Brexit, und es kommt zu einem Votum dafür. Bei dieser Konstellation sind deutliche Reaktionen zu erwarten, von denen man profitieren kann. In gewisser Hinsicht erinnert mich die Situation an die Freigabe des Schweizer Franken im Januar 2015. Diese für die Märkte überraschende Entscheidung hat zu heftigen Turbulenzen geführt, die für kühl rechnende Investoren eine gute Gelegenheit boten, mit begrenztem Risiko zu spekulieren. Schweizer Blue Chips wie Novartis und Givaudan stürzten an dem Tag deutlich, nur um in wenigen Wochen die Verluste wieder völlig wegzumachen.

Ähnlich dürfte es auch in diesem Szenario sein. Dazu sollte man vom allgemeinen Gerede der Politiker und Marktbeobachter Abstand nehmen und sachlich die Frage stellen: Was bedeutet ein Brexit wirklich für Großbritannien und die EU? Nun, zunächst kann es zu der befürchteten Rezession in England kommen, die auch auf den Rest Europas ausstrahlt. Dabei müssen wir allerdings im Hinterkopf haben, dass es angesichts der Überschuldung in der westlichen Welt und in China nur eine Frage der Zeit ist, bis wir eine erneute schwere Rezession erleben, mit entsprechenden Konsequenzen für die Finanzmärkte, die Geldpolitik (Stichwort: Helikopter) und die politische Stabilität.

Diese Rezession wird dann jedoch die EU und vor allem die Eurozone deutlich stärker erschüttern als Großbritannien. Die Eurozone hat sich im Unterschied zu England noch nicht von der Krise des Jahres 2009 erholt und hat bis jetzt keine Antwort auf die Krise gefunden. Die Geldpolitik der EZB – so sehr wir sie in Deutschland auch kritisieren – reagiert viel träger als jene Großbritanniens und der USA auf eine erneute Krise. Das spiegelt überdeutlich den zerrissenen Zustand einer Währungsunion wider, die in einem starren Korsett Volkswirtschaften aneinander kettet, die weniger gemeinsam haben als eine hypothetische Währungsunion von allen Ländern der Welt, die mit dem Anfangsbuchstaben „M“ beginnen, wie JP Morgan schon 2012 vorrechnete.

Die politischen Spannungen dürften dann in der EU noch weiter zunehmen und könnten von einem Brexit zusätzlich befeuert werden. Zeigen doch Umfragen schon heute, dass die EU-Skepsis auch in anderen Ländern hoch ist und immer weiter zunimmt. Damit nähern wir uns weiter dem Szenario einer erneuten schweren Eurokrise mit der Möglichkeit eines chaotischen Zerfalls, ausgelöst durch den Austritt eines Landes.  Wie regelmäßig dargelegt, hätte ein solcher Zerfall erhebliche Konsequenzen, und als langfristig denkender Investor muss man sich darauf einstellen.

 Ein Weg ist, außerhalb des Euroraumes zu investieren. Neben den Schwellenländern, der Schweiz und den USA bietet sich dann auch die englische Börse an. Es ist wenig realistisch, dass die EU ein aus der Union ausgetretenes Großbritannien schlechter behandeln wird als die Schweiz. Zu groß wird das Interesse sein, den wechselseitigen Handel zu befördern – England hat ein erhebliches Handelsdefizit – und zugleich die Tür für eine etwaige Rückkehr offen zu halten.

Die Londoner Börse beheimatet wie die Schweizer Börse viele international agierende Qualitätsunternehmen wie Diageo, Glaxo und British American Tobacco, die man als Langfrist-Investor durchaus anschauen kann. Rohstoffwerte, Banken und Versicherungen sollte man wie auch in den anderen Regionen erst mal außen vor lassen. Kommt es nun zu einem überraschenden Sieg der Brexit-Befürworter mit einem entsprechenden Einbruch an der Börse in London, böte dies eine gute Gelegenheit zum Einstieg. Fundamental dürfte es nämlich keinen Grund geben, die Unternehmen schlechter zu bewerten. Auch das Pfund könnte in einem solchem Szenario nachgeben, wobei offen ist, ob der Euro oder das Pfund mehr unter dem Ausgang der Wahl leiden. Schon jetzt eine Position im Pfund aufzubauen, mag deshalb keine schlechte Idee sein.

Was mich zum Fazit führt: Das Risiko in Pfund und englischen Aktien ist langfristig geringer als kurzfristig. Das Risiko im Euro ist mittel- bis langfristig hoch und wächst mit jedem Tag an. Deshalb sieht meine Strategie so aus: eine Position in Pfund aufbauen, im Falle eines Einbruchs des Pfunds nach der Abstimmung weitere Pfund hinzukaufen und bei englischen Qualitätsaktien zukaufen, wenn die Börse nach unten überreagiert. Und dann in aller Ruhe abwarten. Und Tee trinken, ganz wie die Briten.“

→ WiWo.de: Brexit wäre für Anleger mehr Chance als Risiko, 9. Juni 2016

Nachtrag. Hier was gestern dann passiert ist aus der FAZ:

„Kursausschläge an den Aktienmärkten bieten aber neben Verkaufsmöglichkeiten auch im Gegenzug die Option, bei diversen Aktien günstig einzusteigen. Oder man „flüchtet“ in andere Depot-Positionen, die einem als Anleger vermeintlich mittel- bis langfristige bessere Renditepotentiale versprechen. Entsprechend ist an diesem „schwarzen Freitag“ beispielsweise Gold besonders gefragt.

Das glänzende Edelmetall war am Freitag so teuer wie zuletzt vor mehr als zwei Jahren. Auch Goldminen-und Silberminen-Aktien sind besonders begehrt. Beispielsweise die britische Rangold Resources oder eine in Deutschland eher unbekannte Fresnillo. Beide Aktien klettern an diesem Brexit-Tag mehr als 10 Prozent.

Der Brexit-Schock hat zudem Aktien aus der Konsumgüter- und Pharmabranche und auch aus dem Immobiliensektor am Freitag nur geringfügig getroffen. Entsprechend der Devise, dass Dinge des täglichen Bedarfs sowie Lebensmittel oder auch Medikamente auch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten benötigt werden, gaben solche als defensiv bezeichneten Aktien im Vergleich zum Gesamtmarkt weit unterdurchschnittlich nach oder legten sogar zu.

Unter anderem gewinnen Aktien wie British American Tobacco, der Verbrauchsgüter-Konzern Unilever sowie der Getränke-Konzern Diageo gegen den Trend, während der britische Leitindex „Footsie“ mit Verlusten von mehr als 7 Prozent zu kämpfen hat. Bekannte Pharma-Konzerne wie Glaxo Smith Kline und Astra Zeneca können ebenfalls ihre Aktionäre heute mit steigenden Kursen auf dem Börsenparkett angesichts der Verluste auf breiter Front.“

→ FAZ.net: Diese Aktien gewinnen trotz Brexit-Crash hinzu, 24. Juni 2016

8 Antworten
  1. Karl F. says:

    „… aber noch mehr gegen die nationalstaatliche Politik, in der einzelne Länder die ganze EU in den Griff nehmen. Siehe Frau Merkel mit ihren Alleingängen (Energie, Verweigerung Euro-Lösung, Flüchtlinge).“

    Dass das Bürokratiemonster EU bei den pragmatischen Briten nie gut angesehen war, ist klar. Aber wenn man nach weiteren Gründen sucht, ist es nicht so einfach, wie Sie es dargestellt haben. Die deutsche „Energiewende“ kann den Briten egal sein, die richtige oder falsche Euro-Lösung auch, denn sie haben sich klugerweise aus diesem Währungsexperiment herausgehalten. Ich nehme an, dass man später vor allem die völlig aus dem Ruder gelaufene Migrationspolitik der deutschen Kanzlerin als einen der Faktoren ansehen wird, der den Austrittsbefürwortern Auftrieb gegeben haben.

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  2. Stefan Bohle says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    mir fehlt bei dieser recht optimistischen Grundhaltung hins. Pfund-Investments etwas die Perspektive auf einen chaotischen Zerfall Großbritanniens (Schottland, Nordirland), wie sie sich heute bereits abzeichnet… Diese massiven innenpolitischen Verwerfungen sowie evt. versiegenden Kapitalimporte könnten aus meiner Sicht zu einer schweren wirtschaftlichen Krise führen.

    Freundliche Grüße,

    Stefan Bohle

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  3. Karl says:

    Man kann es auch positiv sehen: Der ewige Bremser UK ist weg.
    Draufzahlen wird der „little man“, das Land ist für ausländische Direktinvestitionen seit heute kaum mehr interessant. Produktionswerke wie z. B. von Toyota oder Nissan wird es keine neuen mehr geben. Absuderweise hat gerade die UKIP mit so was geworben.

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