„Wer auf ewig tiefe Zinsen setzt, lebt gefährlich“

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Folge 7 meiner regelmäßigen Kolumne zum Thema Geldanlage bei WiWo.de:

Ewig tiefe Zinsen scheinen eine zwangsläufige Folge der Euro- und Schuldenkrise zu sein. Doch Vorsicht: Es könnte aus gutem Grund ganz anders kommen. Ein Wettstreit der Argumente.

Was wurde nicht schon alles unternommen, um die aktuelle Phase niedrigster Zinsen in einen historischen Kontext zu stellen. Den Vogel haben aber – wie so oft – humorbegabte britische Ökonomen abgeschossen: Sie haben versucht, die Zinsentwicklung seit dem Jahre 3000 vor Christus nachzuvollziehen. Sicherlich mit vielen Annahmen, aber dennoch mit einem plausiblen Ergebnis: So tief wie heute waren die Zinsen weltweit wohl noch nie.

Auch wenn man nicht so weit zurückgehen mag: Trotz des Anstiegs der Zinsen in den vergangenen Wochen liegt die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe noch immer um 330 Basispunkte unter ihrem Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2010. Die Probleme, die das für Sparer aufwirft, sind hinreichend beschrieben. So beschäftigt uns alle die Frage, ob dieser Zustand von Dauer sein wird, oder ob die Zinsen doch bald wieder steigen.

Weil es darauf keine eindeutige Antwort gibt, will ich sowohl die Argumente für dauerhaft niedrige Zinsen als auch für eine Zinswende anführen. Offensichtlich ist, dass es die Intervention der EZB war, die die Zinsen in Europa derart nach unten getrieben hat. Mario Draghis berühmtes Versprechen, „alles zu tun“ um den Euro zu erhalten, beschert den Schuldnern Europas weiterhin günstige Finanzierungskonditionen und bewahrt den Schuldenturm vor dem Einsturz. So wächst er zwar weiter, die Zinsbelastung fällt jedoch kontinuierlich. Die Sparer subventionieren die Schuldner. Würden die Zinsen steigen, wäre mit der Ruhe Schluss. Allein deshalb ist mit einer Fortführung der lockeren Geldpolitik der EZB zu rechnen. In unserem Wettstreit der Argumente: 1:0 für tiefe Zinsen.

Was macht die Fed?

In den USA warten die Märkte derweil seit Jahren auf die erste Zinserhöhung. Nun scheint diese im Herbst zu kommen. Wobei sich auch hier ein distanzierterer Blick lohnt: Wenn überhaupt, wird es sich um eine eher kosmetische Erhöhung handeln. Auch in den USA ist ein Ende der Tiefstzinspolitik nicht absehbar. Zu schwach ist die wirtschaftliche Erholung, zu abhängig die Konjunktur vom kreditfinanzierten Konsum. 2:0 für tiefe Zinsen.

Doch haben die Notenbanken wirklich die Kontrolle über den Zins? Letztlich können sie nur sehr indirekt die Kreditvergabe der Banken beeinflussen. Was passiert, wenn die Inflationsraten mehr anziehen als heute erwartet? Was passiert, wenn doch wieder Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der Schuldner aufkommen, zum Beispiel nach den Wahlen in Portugal und Spanien? Wer an die Allmacht der Notenbanken glaubt, erwartet dann eben noch größere Interventionen. Die Notenbanken können ja einen Zins festsetzen und zu diesem Preis alles aufkaufen. Die Wirkung für die Inflation könnte erheblich sein. Weil keiner dies genau vorhersagen kann, Unentschieden. 3:1.

Es gibt aber auch andere Thesen zur Ursache der tiefen Zinsen. So sehen einige Beobachter wie der ehemalige amerikanische Finanzminister die Welt in einer „säkularen Stagnation“ gefangen, also einer langen Phase geringen Wachstums. Als Ursache sieht er einen erheblichen Ersparnisüberhang. In Ländern wie China und Deutschland würde zu viel gespart und zu wenig konsumiert und investiert, weshalb die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu tief sei und die Ersparnisse keine attraktiven Investitionsmöglichkeiten finden. Folge: Die Zinsen sinken. Nach diesem Ansatz läge der historisch niedrige Zins also gar nicht an den Notenbanken. Ich selber halte von dieser Theorie nicht so viel, leidet doch die Welt viel eher unter einem Schulden- als einem Ersparnisüberhang. Dennoch: das mit dem niedrigen Wachstum ist ein weiteres Argument für noch lange tiefe Zinsen. 4:1.

Eine Frage des Alters

Ein weiterer Aspekt ist die demografische Entwicklung. Früher war man überzeugt, dass alternde Gesellschaften eher sparen als zu konsumieren. Nach dem Motto: Die älteren Leute haben weniger Lust auf Konsum und die größten Ausgaben im Leben eines Menschen fallen mit der Familiengründung zusammen. Empirisch gibt es an dieser These jedoch zunehmend Zweifel. Es ist nur zu natürlich, dass ältere Menschen von ihren Ersparnissen leben und diese über die Zeit abbauen. Ihre Sparquote ist also negativ. Schön lässt sich das in Japan beobachten, wo die gesamtwirtschaftliche Sparquote seit Jahren fällt. Recht parallel zum Rückgang der Erwerbsbevölkerung.

Die demografischen Daten haben das Sparen in der Welt seit 1980 sehr unterstützt. So errechnen die Analysten von Barclays, dass der Ersparnisüberhang der Babyboomer bis zu zwei Prozentpunkte des Zinsrückgangs der vergangenen drei Jahrzehnte erklärt. Dies wird sich aber nicht fortsetzen. Mit dem Eintritt ins Rentenalter beginnen die Babyboomer, ihre Ersparnisse abzubauen, während gleichzeitig die Anzahl an Erwerbstätigen zurückgeht. Mit jedem Prozentpunkt mehr Senioren im Rentenalter steigt der Zins nach dieser Analyse um 1,15 Prozentpunkte. Kapital würde Mangelware, da Ersparnisse konsumiert werden müssen. Strukturell bedeutet eine ältere Gesellschaft demnach höhere Zinsen. 4:2.

Inflationäre Zeiten

Gestützt wird die Analyse durch eine Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Diese hat sich mit einer anderen, damit zusammenhängenden Frage beschäftigt. Sind alternde Gesellschaften eher deflationär, führt also abnehmende Nachfrage zu sinkenden Preisen, oder eher inflationär? Das Ergebnis ist interessant. Die Forscher vergleichen die Relation der arbeitenden zur nicht arbeitenden Bevölkerung. Demnach hatten wir in den vergangenen Jahren auch deshalb rückläufige Inflationsraten, weil ein großer Teil der Bevölkerung erwerbstätig war. Die geburtenstarken Jahrgänge waren aktiv, die Anzahl der Rentner begann erst langsam zu steigen, während die Anzahl der Kinder deutlich zurückging. Nun steigt der relative Anteil der nicht erwerbstätigen Bevölkerung jedoch deutlich an. Diese relative Verschiebung wird, so die Erwartung der Forscher, den Preisdruck erhöhen. Höhere Inflation dürfte auch höhere Zinsen mit sich bringen. 4:3.

Oder liegt es nur einfach daran, dass die Investoren nach den Erfahrungen der Finanzkrise und den geopolitischen Risiken einfach nur „Katastrophenangst“ haben, wie es der Wirtschaftsforscher Kenneth Rogoff ausdrückt? Er schätzt, dass ein guter Teil des Zinsrückganges auf diesen Effekt zurückzuführen ist. Weicht die Angst mit der Zeit, steigen auch die Zinsen. 4:4.

Verbleibt ein letzter Gedanke: Wenn alle das Gleiche erwarten, kommt das Gegenteil. Denken wir nur an die einheitliche Meinung zu Jahresbeginn, ein Verhältnis von 1:1 von Euro zu Dollar wäre nur eine Frage der Zeit. Zwischenzeitlich hat der Euro eine prächtige Rally hingelegt. Mit Blick auf die Zinsen kann das nur bedeuten: Wer auf ewig tiefe Zinsen setzt, lebt gefährlich.

→ WiWo.de: „Wer auf ewig tiefe Zinsen setzt, lebt gefährlich“, 16. Juli 2015

3 Antworten
  1. Michael Härtfelder says:

    Es wird in den nächsten 20 Jahren keine Zinserhöhrung in Europa geben.

    Denn merke:

    Zinserhöhung = dramatisch mehr Schulden vor allem für die Südländer = Geschrei und Beschwerden der Südländer = EZB macht Rückzieher und senkt wieder den Leitzins.

    Das Erkenntnis kann so einfach sein wenn nur nicht das Bewusstsein durch die Lektüre unzähliger VWL-Bücher so verseucht wäre.

    Antworten
  2. Michael Härtfelder says:

    …..noch einen Nachtrag:
    Meine vorherige Anmerkung bezog sich auf Zinserhöhung induziert durch die EZB und auch nur bezogen auf den Realzins.

    Eine Zinserhöhung könnte natürlich stattfinden wenn die Gläubiger (!) zu der Auffassung kommen dass das immense Risiko das in den Staatsanleihen schlummert eine entsprechende Würdigung mit einem höheren Zins bekommen sollte. Dies wäre dann aber eine nicht auf der EZB zurückzuführende Zinserhöhung.

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