Was, wenn die Helikopter nur in Europa nicht starten?

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Die Forderungen nach weiteren aggressiven Maßnahmen der Notenbanken werden immer lauter. Ich befürchte, dass es bei noch negativeren Zinsen und damit einhergehenden Einschränkungen der Bargeldnutzung nicht bleiben wird. Zu sehr ist die Welt in der Eiszeit gefangen, wie ich – Achtung! Eigenwerbung! – in meinem neuen Buch „Eiszeit in der Weltwirtschaft“ beschreibe.

Besonders aktiv mit der Forderung nach neuen Instrumenten der Geldpolitik ist der erfolgreichste Hedgefonds-Manager aller Zeiten, Ray Dalio von Bridgewater. Nachdem er bereits im Januar bei CNBC und in der FINANCIAL TIMES nach den Helikoptern gerufen hatte, legte er letzte Woche nach.

Die Geldpolitik über den Vermögenseffekt wirkt demnach nicht mehr, weil die Assets schon so teuer sind, dass künftige Renditen nicht mehr attraktiv sein können. Eine Tatsache, die mehr als einmal Gegenstand dieser Kolumne war. Damit wird Bargeldhaltung immer attraktiver, bietet es doch sicheren nominellen Nullertrag, der bei Deflation sogar positiv ist. Bei allen anderen Assets sind die Risiken asymmetrisch nach unten ausgerichtet, wie auch in der letzten Woche an dieser Stelle erläutert (Wer es verpasst hat, sollte es unbedingt nachlesen. Höhere Risiken führen zu überproportionalen Kursrückgängen). An einem Tag kann man eine Jahresrendite verlieren. Das Upside dagegen ist begrenzt. Gold und Goldminen würde ich trotz der jüngsten Kursgewinne davon ausnehmen.

Laut Dalio ist damit zwangsläufig auch die Volatilität der Wechselkurse höher, weil bei tiefen Zinsen und geringen Zinsdifferenzen die Anpassungen zwischen den Währungen abrupter und stärker ausfallen. Fehle die Flexibilität der Wechselkurse – wie etwa in der Eurozone – seien die realwirtschaftlichen Anpassungen umso schmerzvoller. Die Folge sind laut Dalio zunehmende „Währungskriege“, bei denen man durch die Schwächung der eigenen Währung versucht, einen – kurzfristigen – Vorteil zu erlangen.

Nach dieser bekannten Beschreibung der Situation kommt Dalio zu dem Fazit, dass nun die dritte Phase der Geldpolitik beginne, „[(…) which will more directly and forcefully encourage spending“]. Gemeint sind Staatsfinanzierung und Geld für Haushalte direkt von der Notenbank. (Da sind sie wieder die 10.000 Euro für jeden). Natürlich betont er, dass er das nicht empfehle bzw. nicht erwarte, dass es rasch geschähe. Er sähe es nur als Notwendigkeit, weil sonst die Wirtschaft nicht wieder auf die Beine komme.

Damit reiht Dalio sich ein in die lange Liste von Ökonomen und Zentralbankern, die das bisher Undenkbare fordern: die direkte Finanzierung der Staaten durch die Notenbanken durch frisch geschaffenes Geld, welches den Staaten geschenkt wird – idealerweise verbunden mit einer Vernichtung der Staatsschulden, die bereits von den Notenbanken aufgekauft wurden. Japan ist auf dem besten Wege in dieses Szenario, dient die Intervention der Notenbank doch realistischerweise nur diesem Ziel. Wie sonst lassen sich Milliarden-Interventionen ohne nennenswerte realwirtschaftliche Folgen erklären? Der japanische Staat jedenfalls wird seine Schulden niemals bedienen. Gleiches gilt für die USA und Europa.

Was der Helikopter-Einsatz für die Geldanlage bedeutet, habe ich schon letzten September an dieser Stelle diskutiert. Was ich dabei noch nicht bedachte, sind die Folgen unterschiedlicher Geschwindigkeiten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Engländer und Amerikaner – von den Japanern ganz zu schweigen – sehr pragmatisch die Rotoren anwerfen werden. Dabei sollte man sich von allem Zinserhöhungsgerede der Fed nicht in die Irre leiten lassen. Führt der Rückfall in die nächste, kältere Phase der Eiszeit, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Fed in diese Richtung schwenkt. Aber die EZB wird sich, aller berechtigten Kritik an ihrer Rolle zum Trotz, nicht so leicht auf diesen Kurs bringen lassen. Sie agiert bekanntlich nicht für ein einzelnes Land, und der Währungsraum ist heterogener als eine hypothetische Währungsgemeinschaft aller Staaten, die mit dem Anfangsbuchstaben „M“ beginnen, wie JP Morgan bereits 2012 vorrechnete. Zwar wäre es der EZB theoretisch möglich, jedem Bürger direkt Geld zu schenken, in der Praxis dürfte eine solche Idee die Währungsunion in ihren Grundfesten erschüttern. Ein Aufschrei ginge durch Deutschland, und es würde schon einer deutlichen Vertiefung der Krise bedürfen, bevor die deutsche Politik und Öffentlichkeit diesen Weg mitginge.

Die Folgen? Nun, da hilft ein Blick in die Geschichte der großen Depression. Es ging jenen Staaten damals am schnellsten wieder besser, die den Goldstandard aufgaben und durch drastische (notenbankfinanzierte) Konjunkturprogramme gegensteuerten. Zunächst Japan, dann Großbritannien und schließlich den USA, die bei der Gelegenheit auch gleich den privaten Goldbesitz verboten. Länder, die nicht auf diesen Kurs einschwenkten, verharrten dagegen in tiefer Depression auch ausgelöst durch die relative Aufwertung.

Starten also in den kommenden Jahren nur in den angelsächsischen Ländern und Japan die Helikopter, bedeutet dies: ein (sehr) starker Euro, Rezession in Euroland, fallende Aktien und Zinsen und perspektivisch ein Zerfall der Eurozone. Wie man sich auf Letzteres vorbereitet, habe ich hier erläutert. Zusätzlich empfiehlt sich der Kauf ausländischer Aktien mit Absicherung des Währungsrisikos, physisches Gold, Aktien von Goldminen und Staatsanleihen von Deutschland. Ja, Letzteres klingt angesichts negativer Renditen bis in mittlere Laufzeiten irre. Aber es wird sich bei Deflation und Euro-Stärke als nicht so blöd erweisen.

→ WiWo.de: „Wenn Notenbank-Helikopter Geld abwerfen – außer in Europa“, 25. Februar 2016

2 Antworten
  1. SZ says:

    Hallo Herr Stelter,

    Wie viele andere empfehlen auch sie Gold. Was ich mich an dieser Stelle frage ist, ob Gold nicht die Anlageklasse ist, die bereits die größte Inflation hinter sich hat. Grob überschlagen hat sich Gold seit dem Jahr 2000 im Preis vervierfacht. Andere Preise z.B. ein Barrel Öl oder ein neuer VW Golf sind praktisch unverändert. Insofern frage ich mich, ob Gold nicht trotz berechtigter Inflationserwartung eine Blasenbildung vollzieht.

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Tja, es gibt ja Beobachter, die sehen Gold in einer Blase, die seit 6000 Jahren andauert. Kann sein. Alles ist teuer, weil wir eine massive Assetinflation haben, weil Schulden = Geld immer mehr werden. Die Konsumentenpreise sind da der falsche Blickwinkel, denn die hängen mit der Realwirtschaft zusammen. Erst wenn die breite Flucht aus Geld einsetzt, explodieren diese. Ich denke, es ist kein Heilsbringer, sondern eine Versicherung. Relativ zum S&P ist Gold nicht so teuer. Immer Portfolio!

      Antworten

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