„Warum die Fed in der Abwärtsspirale gefangen ist – und wir gleich mit“

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Dieser Beitrag erschien bei manager magazin online:

Jetzt hat sie es also wieder nicht getan. Monatelang haben die Finanzmärkte über den ersten Zinsschritt der Fed nach oben seit fast zehn Jahren gerätselt. Um lächerliche 0,25 Prozent sollten die Zinsen erhöht werden. Nachdem der Aufschwung schon seit 2009 andauert, eigentlich eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen. Weit gefehlt. Denn selbst das wäre für die Weltwirtschaft nicht zu verkraften. Während wir uns in Deutschland am Aufschwung erfreuen und die Flüchtlingsdebatte die volle Aufmerksamkeit genießt, braut sich die nächste Rezession zusammen.

Am Tropf des billigen Geldes

2008 war keine normale Krise. Es war auch keine „Finanzkrise“. Es war der Beihnahe-Kollaps unseres Wirtschaftssystems, welches von immer mehr und immer billigeren Schulden abhängt. Wie ein Heroinsüchtiger braucht die Weltwirtschaft eine immer größere Dosis an billigem Geld. Wachsen die Schulden nicht mehr, bricht alles zusammen.

Schulden sind solange kein Problem, wie der Schuldner die Absicht hat, Zinsen und Tilgung aus dem Einkommen zu bestreiten. Ich nenne sie „produktive Schulden“. Dies gilt für Investitionen und einen Teil der privaten Kredite. Je größer der Anteil der unproduktiven Kredite, bei denen die Schuldner hoffen, Tilgung und Zinsen aus der Wertsteigerung zu bedienen, desto krisenanfälliger wird das System. In den letzten drei Jahrzehnten blieben die produktiven Kredite relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) konstant. Die unproduktiven Schulden haben sich währenddessen vervielfacht. Immer mehr Schulden sind also pure Spekulation.

Regierungen und Notenbanken haben dies massiv gefördert. Billige Kredite und steigende Vermögenswerte sollten darüber hinwegtäuschen, dass die Realwirtschaft nicht mehr so stark wuchs, wie in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg. Stagnierende Löhne in Folge des Markteintritts von China und Osteuropa wurden so kompensiert.

Wann immer eine Krise drohte, wurde interveniert: Die Zinsen nochmals gesenkt, die Kreditstandards weiter gelockert. 2008 schien die Grenze erreicht. Wer immer sich verschulden konnte und wollte, hatte sich verschuldet. Das System stieß an seine Grenze, und es wurde offensichtlich, dass unser Schuldenturm vor dem Zusammenbruch stand.

Wir hatten die Wahl: Kalter Entzug, also Abkehr vom Leben auf Pump, oder einen weiteren Schuss. Wenig verwunderlich, dass sich die Politik für den Schuss entschieden hat. Manipulierte Bankbilanzen, nochmals tiefere Zinsen und der direkte Kauf von Wertpapieren (Quantitative Easing) sollten das Schuldenwachstum befeuern. Mit Erfolg.

Schuldenexplosion – wohin man schaut

Überall liegt die Gesamtverschuldung von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten relativ zum BIP höher als 2007. Neueste Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich unterstreichen die Dynamik:

  • Die Industrieländer haben relativ zum BIP 36 Prozent mehr Schulden als 2007. Spitzenreiter sind Japan (77), Frankreich (72), Italien (53), Schweden (52) und Spanien (50). Soviel zum vermeintlichen „Sparen“.
  • Die Schwellenländer haben ihre Verschuldung seit 2007 um immerhin 50 Prozent des BIP gesteigert. Angeführt von China (82), Singapur (59), Korea (40), Thailand (37), Russland (33), Malaysia und Brasilien (32) und der Türkei (30).

Hinter diesem weiteren Schuldenanstieg stehen zwei Faktoren. Zum einen hat die chinesische Regierung aus Angst vor sozialen Konflikten mit einer wahren Schuldenorgie auf die Krise von 2008 reagiert. Um 21 Billionen US-Dollar wuchs der Schuldenberg, während die Wirtschaft um fünf Billionen wuchs. Mindestens sechs Billionen US-Dollar wurden nach Schätzungen in den Sand gesetzt.

Zum anderen hat das billige Geld tatsächlich dazu animiert, weitere Schulden zu machen. Europäische Staaten finanzieren ungebremst Defizite zu historisch tiefen Zinsen. Schwellenländer konnten den Lockungen der tiefen Zinsen nicht widerstehen. Gerade die Verschuldung der Schwellenländer war das bewusste Ziel der Fed, die mit QE und Nullzins als erste der großen Notenbanken auf eine gezielte Schwächung der eigenen Währung gesetzt hat. Nun macht es die ganze Region höchst empfindlich für steigende Zinsen und den starken Dollar.Nur dieser massiven Zusatzverschuldung ist zu verdanken, dass wir 2008 nochmals davon gekommen sind. Doch wir haben uns nur Zeit gekauft.

Realwirtschaft erlahmt – Börsen feiern

Auf die Realwirtschaft haben die Schulden immer weniger Wirkung. Führte ein US-Dollar neuer Schulden in den 1960er Jahren noch zu rund 70 Cent mehr BIP, so konvergiert der realwirtschaftliche Effekt neuer Schulden mittlerweile gegen Null. Ein immer größerer Teil der neuen Schulden dient dazu, die Illusion der Bedienung der vorhandenen Schulden aufrecht zu erhalten. Dort, wo die neuen Schulden in den letzten Jahren noch zum Wachstum beigetragen haben, sind massive Überkapazitäten die Folge. China und die Rohstoffexporteure haben gleichermaßen falsch investiert und der Versuch der Schuldner, Liquidität zu beschaffen, führt zu einem weltweiten deflationären Druck: Gift für eine überschuldete Weltwirtschaft. Die Geldpolitik hat damit das befeuert, was sie eigentlich bekämpfen wollte.

In Europa und den USA ist die Erholung vom Einbruch 2008 der schwächste Aufschwung seit dem Krieg. Hohe Arbeitslosigkeit, schwache Nachfrage und geringe Investitionen prägen das Bild. Die Inflationsraten sind auch bereinigt um Öl und Nahrungsmittel bedrohlich tief. Deflation ist in greifbarer Nähe. Wir in Deutschland profitieren (noch!) von einer Sondersituation gestiegener Nachfrage aus den Schwellenländern und den USA und der vorübergehenden Stabilisierung in Europa. Das Erwachen aus diesem Traum dürfte abrupt und schmerzhaft sein.

Gewirkt hat das billige Geld auf jeden Fall an der Börse. Fließt das Geld nicht in die Realwirtschaft, bietet es sich an, auf Kredit zu spekulieren. US-Unternehmen kauften für Milliarden eigene Aktien auf Pump zurück. Alleine für dieses Jahr sind Rückkäufe für 1 Billion US-Dollar angekündigt. Die Kredite für Wertpapierkäufe waren noch nie so hoch. Hunderte von Milliarden schwappen um den Globus auf der Suche nach einem Mehrertrag. Dieses Spiel wäre von der Zinserhöhung um 0,25 Prozent getroffen gewesen. Die Realwirtschaft steht hinten an.

Entzug ist unmöglich

Die Probleme sind seit 2008 deutlich größer geworden. Alles spricht dafür, dass die Notenbanken in einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale gefangen sind. Billiges Geld führt zu steigenden Schulden für Spekulation und Konsum. Damit wächst die Krisenanfälligkeit der Wirtschaft, was wiederum tiefere Zinsen erforderlich macht. Zu tiefe Zinsen in der Vergangenheit machen also noch tiefere Zinsen heute erforderlich, die wiederum nochmals tiefere Zinsen morgen bedingen. Geld muss immer billiger und immer großzügiger in das System gepumpt werden.

Dabei wirkt die Schuldenlast deflationär und trägt deshalb den Keim des Kollapses in sich. Haben wir uns mit immer mehr Schulden nach oben gehebelt und Vermögenswerte inflationiert, so droht ein scharfer Einbruch, sobald die Preise ins Rutschen kommen oder die Zinsen steigen. Sehr schnell sind wir dann an dem Punkt, wo Verkäufe nicht mehr freiwillig, sondern erzwungen erfolgen. Das System bricht zusammen.

Könnte sein, dass das nicht mehr so unwahrscheinlich ist. Es mehren sich die Anzeichen, dass die weltweite Liquidität zum ersten Mal seit zehn Jahren schrumpft. Dahinter steht nach Auffassung der Deutschen Bank der Kapitalabfluss aus den Schwellenländern und der tiefe Ölpreis, der die Exporteure zwingt, ihre Ersparnisse anzugreifen. Quantitative Tightening statt Easing also.Mit einer Zinserhöhung in diesem Umfeld, hätte die Fed die Probleme noch verstärkt. Kein Wunder also, dass sie erst mal nichts gemacht hat. Doch wird das nicht genügen, um den Junkie bei Laune zu halten. Der Status Quo genügt nicht. Zusatzverschuldung tut not.

10 000 Euro für jeden

Das einzige stichhaltige Argument für eine Zinserhöhung der Fed ging so: Nur wenn die Fed die Zinsen erhöht, kann sie diese bei der nächsten Rezession wieder senken. Es ging also darum, das Munitionsdepot etwas aufzufüllen. Dabei dürfte jedem klar sein, dass bei der nächsten Rezession, die vermutlich schon vor der Tür steht, das Instrumentarium der Notenbanken weitgehend ausgeschöpft ist. Eine Zinssenkung dürfte nicht mehr viel bewirken.

Deshalb geht die eigentliche Diskussion in eine andere Richtung. Nicht weniger, sondern mehr Geld ist gefordert. Negativzinsen und Bargeldverbot sind Themen, die uns vermehrt beschäftigen werden – uns aber auch zeigen, dass wir auf das Endspiel zulaufen.

Immer lauter wird deshalb die Forderung, die Notenbanken sollten die Staaten direkt finanzieren, damit diese mit Investitions- und Konjunkturprogrammen die Wirtschaft stärken. Indirekt tut das die EZB bereits, in dem sie die neu ausgegebenen Anleihen der Europäischen Investitionsbank kauft. Geht es nach den Befürwortern dieser Idee, sollen die Notenbanken das Geld den Staaten jedoch nicht leihen, sondern schenken. Nur so würde die volle Wirkung erreicht. Idealerweise kombiniert mit einer Abschreibung der Staatsanleihen, die sich bereits im Besitz der Notenbanken befinden, auf Null.

Der Vorschlag ist nur konsequent. In einer überschuldeten Welt gibt es nur wenige Wege der Sanierung: den kalten Entzug mit Pleiten, Konkursen und Depression. Die etwas weniger drastische Lösung über Besteuerung und die Inflationierung.

Neues Geld nutzt immer jenen am meisten, die als Erste darüber verfügen können. Bisher haben Banken, Spekulanten und Staaten von den verzweifelten Stabilisierungsbemühungen der Notenbanken profitiert. Zeit, dass auch wir Bürger das tun. Schon vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle vorgerechnet, dass es allemal besser wäre, jedem Bürger 10.000 Euro zu überweisen.

Verglichen mit diesen Aussichten kann man bezüglich der Fed nur festhalten: Nach dem Theater ist vor dem Theater. Den Zeitpunkt, den Kurs zu ändern, haben wir schon vor Jahren verpasst.

→ manager magazin.de: „Warum die Fed in der Abwärtsspirale gefangen ist – und wir gleich mit, 17. September 2015

 

9 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Und hier noch die Analyse von Steve Keen:

    „So will The Fed make the same mistake? Quite probably. As both a prisoner and an enforcer of conventional macroeconomics, The Fed unlearnt the lessons of the Great Depression by convincing itself that banks, debt and money don’t matter in macroeconomics, and that the economy has an innate tendency to return to the “normality of equilibrium”—when equilibrium is a highly abnormal state for a capitalist economy. “ http://www.forbes.com/sites/stevekeen/2015/09/16/should-the-fed-raise-rates/

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  2. Nana Albert says:

    Hallo Herr Stelter,

    wo ist denn bitte bei uns Aufschwung? Das ist die Lüge, der alles Andere geopfert wird… es ist eine bestimmte Gruppe Leute (z.b. Handwerker, Krankenhausangestellte, Reinigungskräfte, die Polizei. etc…) die die harte Arbeit vor Ort macht und gleichzeitig diesen ganzen Apparatschik weiterhin bezahlen sollen. Da vergeht mir sogar der Galgenhumor (was für ein Wort). Es wird gehofft, dass diese Menschen das nicht verstehen und wenn doch, sie keine Zeit und Energie über haben, sich dagegen zu wehren. Wenn die demographische Entwicklung wirklich so schwierig sein sollte (da geht es doch nur um den Aussenhandel oder…) dann wäre gesundschrumpfen angesagt, eine Herabsetzung der Renten und eine Entbürokratisierung des Beamtenapparates. Da aber genau diese die Gesetze mit dem Lobbyapparat gemeinsam machen und verabschieden und von Ihnen profitieren, kann man da lange auf angemessene Veränderungen warten (u.a. Planet Berlin). Dies muss durch direkte Demokratie erfolgen (deswegen haben wir sie auch nicht). Ergo kommt der Polizei und der Bundeswehr eine Schlüsselrolle zu, wie diese sicher ganz genau wissen! Bisher halten unter anderem sie „nur“ den Kopf für die verfehlte Politik hin…ob sich das noch mal ändern wird?! Grüße

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.