„Verdienen an der Krise“

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Wer keine Skrupel kennt, kann auch an Krise und Verfall verdienen. Nicht jedermanns Geschmack.

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle ein wenig optimistisches Szenario der weiteren Entwicklung der EU und der Eurozone entworfen, gekennzeichnet von zunehmender Dis-Integration als Folge von Flüchtlingskrise, Terrorismus und intensivierten Verteilungskämpfen. Eine EU, die sich immer mehr als eine Wohlstands- und nicht als Wertegemeinschaft herausstellt: Sobald es nicht mehr, sondern weniger zu verteilen gibt, sinkt die Motivation, weiter mitzumachen.

Verbunden war diese Analyse mit dem Appell, sich auf die absehbare Entwicklung einzustellen.

Einige Leser meinten zu Recht, dass es damit doch wohl nicht getan sein könne. In jeder Krise liegt bekanntlich eine Chance, und dies gilt gerade auch mit Blick auf die Kapitalmärkte. So, wie man, einer alten Börsenweisheit folgend, Aktien kaufen soll, wenn die Kanonen donnern, so gibt es auch in Phasen des Niedergangs enorme Chancen für jene, die verstehen, was passiert und sich nicht durch „unnötige“ Skrupel daran hindern lassen.

Nehmen wir das Beispiel Flüchtlingskrise. Im Umfeld von Berlin, so wird es zumindest in entsprechenden Kreisen kolportiert, findet sich keine brauchbare Schrottimmobilie mehr, die nicht schon im Griff entsprechender Geschäftemacher ist. Statt Leerstand winkt eine Vollauslastung über Nacht, zudem mit einer Überbelegung zu wahren Wuchermieten mit einem äußerst kreditwürdigen Schuldner, dem deutschen Staat. In einigen Fällen soll nicht nur eine Pauschale pro Asylbewerber pro Tag für Unterbringung und Verpflegung vereinbart sein, sondern auch eine Kernsanierung der ohnehin baufälligen Immobilie nach Ablauf der Zwischennutzung, natürlich auch auf Kosten des Steuerzahlers.

Ein wahrliches lohnendes Geschäft. Nehmen wir an, Sie besitzen ein Mietshaus mit 20 Zweizimmerwohnungen in eher einfacher Ausstattung. In Berlin können Sie unter normalen Umständen mit rund 400 Euro Miete pro Wohnung und Monat rechnen. Macht folglich 96.000 Euro im Jahr. Das setzt aber voraus, dass das Haus in einem einigermaßen ordentlichen Zustand ist.

Ihr Nachbar hat dagegen seit Jahren nicht mehr in die Substanz investiert. Die Hälfte der Wohnungen steht leer, die andere Hälfte erzielt nur noch Mieten von 200 Euro im Monat. Eine grundlegende Modernisierung steht an. Doch anstatt diese durchzuführen, kommt ihr Nachbar auf eine zündende Idee. Die vorhandenen Mieter bewegt er mit großzügigen Abfindungen, ebenfalls auszuziehen. Das dann leer stehende Haus bietet er der Gemeinde an, die händeringend nach Unterbringungsmöglichkeiten sucht. Konnten bisher nur zwei bis drei Personen pro Wohnung untergebracht werden, gilt dies im Falle der Nutzung als Asylantenheim nicht mehr. Jede Wohnung lässt sich nun mit sechs Personen belegen, was immerhin 120 Personen im ganzen Haus entspricht. Zahlt die Stadt 25 Euro pro Flüchtling und Tag – was eher am unteren Ende dessen liegt, was wirklich gezahlt werden soll – ergibt sich ein Umsatz pro Monat von 90.000 Euro. Dafür muss man dann noch Verpflegung, Heizung und Reinigung organisieren. Nehmen wir großzügig 15 Euro pro Tag und Person an, verbleiben dem Hauseigentümer satte 36.000 Euro im Monat – mehr als vier Mal so viel wie dem Eigentümer des gut erhaltenen Hauses mit normalen Mietern. Die nachfolgende Sanierung lässt sich damit leicht finanzieren, wenn sie nicht auch noch vom Staat übernommen wird.

Was unglaublich klingt, ist dabei nur eines: die natürliche Folge von Angebot und Nachfrage, und zwar in diesem Fall einer Nachfrage, die sich in eine erpressbare Position gebracht hat. Hinzu kommt: Verhandelt wird über anderer Leute Geld, nämlich das der Steuerzahler. Da bleibt die „Preissensitivität“ oft auf der Strecke.

Bei mir persönlich kommt angesichts dieser Zahlen die Wut hoch. Ich finde solch unbedachte Verwendung von Steuergeldern skandalös und würde selber solche Geschäfte nicht machen. Tatsache ist aber, dass der rechtliche Maßstab für die Sittenwidrigkeit offensichtlich noch nicht erreicht ist, und der persönliche Maßstab bei vielen hinter dem handfesten Reibach zurücksteht. Solange der Zustrom an Flüchtlingen ungebremst bleibt, werden mit der Willkommenskultur auch Geschäfte gemacht werden.

Ein Trost bleibt dem normalen Vermieter dennoch. Dank der Einwanderung muss er auf Jahre hinaus keinen Leerstand fürchten.

Weitere Gewinner der Flüchtlingskrise sind die Träger von Sprach- und Berufsausbildung. In den letzten Jahren wegen rückläufiger Arbeitslosigkeit und gekürzter Budgets unter Druck geraten, können diese Anbieter sich auf goldene Jahre einstellen. Dabei spielt es letztlich keine Rolle, ob die Maßnahmen am Ende auch etwas bringen. Hauptsache die Kasse klingelt – und was bleibt dem Staat schon anderes übrig?

Auch am anderen Ende des Bildungswesens zeichnet sich ein neuer Boom ab. Privatschulen, englische Internate und deren Vermittler dürfen sich auf einen wahren Ansturm freuen. Immer weniger Eltern werden sich damit abfinden, dass die ohnehin schon schlechten Standards an deutschen Schulen weiter abgesenkt werden, wie vom Innenminister bereits angekündigt. Die Integration Hunderttausender Jugendlicher ohne deutsche Sprachkenntnisse in ein bestehendes Schulsystem ohne deutliche Aufstockung an Personal kann nur mit einer Absenkung des Niveaus einhergehen.

Doch auch auf anderen Gebieten zeichnen sich die Gewinner der neuen Welt bereits ab. Rüstungsaktien sind nicht ohne Grund nach den Anschlägen von Paris gestiegen. Befinden wir uns wirklich in einem Krieg, wird es nicht genügen, mehr oder weniger taugliches Altmaterial zu verballern. Neue Wehrtechnik ist gefragt. Auch für die Sicherung der Grenzen – die ja nun um ein Vielfaches länger sind als nur die Außengrenzen der EU – werden die Staaten tief in die Tasche greifen. Neben der personellen Ausstattung dürfte es um Zäune und elektronische Sicherungen gehen. Ein gigantischer Markt, der ebenfalls von Rüstungs- und Technologieunternehmen dominiert wird.

Da die Staaten schon hoch verschuldet sind, läuft es auf eine zunehmende Finanzierung durch die EZB hinaus. In unserer heutigen Welt genügt hierzu ein Knopfdruck, was als solches wenig Geschäftsmöglichkeiten eröffnet. Als Nebeneffekt werden die Finanzmärkte weiter boomen und die Spekulation mit geliehenem Geld noch attraktiver und risikoloser. Die EZB garantiert damit nicht nur den Staaten die unbegrenzte Finanzierung, sondern auch Hedgefonds und Private Equity. Das Spiel kann also weiter gehen, und wir können immer mehr für vorhandene Vermögenswerte bezahlen, die wir uns hin und her verkaufen.

Kommt es dann doch zum unvermeidlichen Bruch des Euro, dürften die letzten Profiteure feststehen: die Geldrucker der Welt. Denn auch wenn wir immer mehr in Richtung bargeldloser Zahlungsverkehr getrieben werden, ganz ohne neue Geldscheine zum Anfassen geht es dann doch (noch) nicht.

Genug Möglichkeiten also, um auch mit der Krise Geld zu machen – und die Auflistung ist beileibe nicht vollständig. Man muss es halt nur machen – wollen.

→  WirtschaftsWoche Online: „Verdienen an der Krise“, 26. November 2015

3 Kommentare
  1. Johannes says:

    In der Krise kommt zum Vorschein, wie der Einzelne tatsächlich „gestrickt“ ist. Eine Krise schält einem die „Maske“ förmlich vom Gesicht und bringt das tatsächliche Gesicht zum Vorschein. Meine Befürchtung: es werden in der nächsten Zeit viele Masken fallen und auf allen geselleschaftlichen Ebenen wird ein „Hauen und Stechen“ einsetzen. „Jeder sich selbst der nächste“ wird dann so salonfähig wie einst „geiz ist geil“.

    Unsere gesellschaftliche Grundordnung, mühsam in 70 Jahren aufgebaut, zerfällt zusehens und die Politik schaut offenkundig tatenlos zu.

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  2. OK says:

    Einen weiteren Profiteur der Flüchtlingsimmobilienkonjunktur kann man noch benennen – die Banken. Denn es ist ja klar, dass Projekte dieser Art überwiegend von geschäftstüchtigen (und damit kreditwürdigen) Unternehmern mit hohem Fremdkapitaleinsatz (bei niedrigsten Zinsen) durchgezogen werden. Somit kommt hier auch noch ein bisschen Sonderkonjunktur ins müde Kreditwachstum. Es können somit im Großen und Ganzen wieder nur die profitieren, die ohnehin schon haben. Aber das war ja immer so, in Krisenzeiten.

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