„Uns droht eine Hyperinflation“

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Dieses Interview mit mir erschien in FOCUS MONEY 12/2016 als Titelgeschichte:

Es herrscht Eiszeit in der Weltwirtschaft, unser aller Wohlstand ist lediglich eine Illusion. Der Ökonom Daniel Stelter erklärt, warum der Schuldenboom der vergangenen 30 Jahre bald unsere Ersparnisse zunichtemacht

FOCUS-MONEY: Herr Stelter, was sind Sie für ein Mensch?

Daniel Stelter: Warum?

MONEY: Sie machen unseren Lesern Angst. Kürzlich haben Sie gewarnt, dass Euro- und Flüchtlingskrise einen explosiven Mix ergeben. Nun prophezeien Sie in Ihrem neuesten Buch der gesamten Weltwirtschaft eine jahrelange Eiszeit. Die Deutschen müssten sich auf dramatische Vermögensverluste einstellen. Sie haben in St. Gallen promoviert, waren lange Jahre Partner bei der Boston Consulting Group. Leider muss man Sie wohl ernst nehmen.

Stelter: . . . (lacht). So ernst bin ich eigentlich gar nicht. Aber die Eiszeit, die ich in meinem Buch beschreibe, ist ernst zu nehmen: Draußen in der Welt ist es nämlich schon deutlich kälter als bei uns in Deutschland. Wenn man sich die europäischen Krisenländer anschaut oder die Rezessionen in Schwellenländern wie Brasilien, Südafrika und Russland, dann ist es schon richtig eisig. Nur wir in Deutschland merken davon noch nicht so viel.

MONEY: Warum?

Stelter: Wir haben jahrelang als Exportweltmeister von dem gigantischen, kreditfinanzierten Konjunkturprogramm in China profitiert und Maschinen und Autos in die ganze Welt verkauft, befeuert von einem schwachen Euro. Dabei leben wir lediglich in einer Wohlstandsillusion. In unserer Wohlfühlblase ahnen wir noch nicht, was sich draußen in der Welt alles zusammenbraut.

MONEY: Das heißt, der Stuhl, auf dem wir sitzen, wackelt bereits, wir merken es nur noch nicht?

Stelter: So kann man das sagen. Das böse Erwachen steht uns noch bevor. Man sieht es ja bereits. Das Wachstum in China schwächt sich ab, die Rohstoff exportierenden Länder haben große Probleme, und die Euro-Krise schwelt nach wie vor. Die Flüchtlingskrise verschärft sie sogar.

MONEY: In einem Satz zusammengefasst: Was für ein Szenario beschreiben Sie mit der Eiszeit?

Stelter: Eine Phase, in der die westlichen Industrieländer wie Europa, die USA und Japan unter hohen Schulden, schwachem Wachstum und deflationären Tendenzen leiden.

MONEY: Und was sind die Ursachen dafür?

Stelter: Es gibt den schönen Spruch: Die Ursache für jede Krise ist der vorangegangene Boom. Wir haben in der westlichen Welt in den letzten 40 Jahren massiv über unsere Verhältnisse gelebt. Die Schulden in den Industrieländern haben sich von 1980 bis 2010 verdoppelt, verglichen mit dem Bruttoinlandsprodukt. Und damit meine ich nicht nur die Staatsschulden, sondern auch die privaten Haushalte und alle Nicht-Finanzunternehmen. Mit diesem Schuldenboom haben wir uns Wachstum und somit auch unseren Wohlstand erkauft.

MONEY: Was ist so schlimm daran?

Stelter: Schulden führen zwar in einem ersten Schritt zu mehr Nachfrage, mehr Wirtschaftswachstum und höheren Unternehmensgewinnen, aber das kreditbasierte Wachstum erhöht auch die Anfälligkeit der Wirtschaft für Krisen. Vor allem weil die Schulden immer mehr unproduktiven Zwecken dienen.

MONEY: Sie spielen auf die zahlreichen Krisen und Verwerfungen der vergangenen Jahre an.

Stelter: Richtig. Schauen Sie sich an, was da alles zusammenkam: Asien-Krise und Russland-Krise in den 1990er-Jahren, dann das Platzen der New-Economy-Blase, die Finanzkrise, die Euro-Krise. Und jedes Mal wurde auf dieselbe Art und Weise auf die Probleme reagiert. Die Zinsen wurden gesenkt, Geld wurde billig gemacht, das Schuldenmachen wurde erleichtert. Aber dieses System stößt nun an seine Grenzen.

MONEY: Sie kritisieren auch, der Euro habe großen Anteil an der Schuldenspirale. Wieso?

Stelter: Ganz einfach: Der Euro hat die Verschuldung massiv begünstigt und beschleunigt. Er wirkte wie ein Turbo. In den heutigen Krisenländern des Euro-Raums kam es nach der Einführung des Euro zu regelrechten Kreditexzessen. Der zunächst einsetzende Boom in der Wirtschaft wurde auf Pump finanziert. Eine erhebliche Vermögensblase – wie zum Beispiel in Spanien auf dem Immobilienmarkt – war die Folge.

MONEY: Die Blase ist später geplatzt, wie wir alle wissen.

Stelter: Und in der folgenden Krise zeigte sich der zweite große Nachteil des Euro für Länder wie Italien, Spanien oder mittlerweile auch Frankreich. Sie können ihre Währung nämlich nicht mehr abwerten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und ihre Exporte anzukurbeln. Sie können also nicht ausreichend Wachstum generieren, um ihre Schuldenquoten in den Griff zu kriegen. Das gilt sowohl für die Staatsschulden als auch für die privaten Schulden.

MONEY: Sind zu hohe Schuldenstände denn unser einziges Problem?

Stelter: Leider nein. Es kommen zwei Dinge hinzu, die die Probleme zusätzlich befeuern. Zum einen ist das die Demografie. Wir stehen vor einem drastischen Rückgang der Erwerbsbevölkerung. Wenn weniger Menschen arbeiten und es zugleich mehr Rentner gibt, dann steigen einerseits die Sozialkosten und andererseits wächst die Wirtschaft weniger stark.

MONEY: Wenn die Produktivität gleichzeitig steigt, lässt sich dies doch ausgleichen.

Stelter: Und da sind wir bei unserem zweiten Problem. Die Produktivitätszuwächse nehmen zeitgleich nämlich ab. Die Investitionen sind in allen Ländern der westlichen Welt schon seit Jahren rückläufig. Und in den Schwellenländern wurde die Flut an neuem Kapital nicht ausreichend in produktive Bereiche investiert. Ein Produktivitätsschub, wie wir ihn bräuchten, um den Rückgang der Erwerbsbevölkerung zu kompensieren, ist nicht in Sicht.

MONEY: Bedeutet also: Wir haben hohe Schulden und zugleich geringes Wachstum. Keine gute Kombination.

Stelter: Und das Schuldenmonster, das wir uns geschaffen haben, wird ohne Wachstum immer unkontrollierbarer.

MONEY: Einer der Kernsätze in Ihrem aktuellen Buch lautet: „Auf eine deflationäre Eiszeit wird eine inflationäre Vermögensvernichtung folgen.“ Bleiben wir zunächst bei der Eiszeit. Warum wirkt diese deflationär?

Stelter: Das liegt auch an der Politik der Notenbanken und der Staaten in den vergangenen Jahren. Immer wenn der Konjunkturzyklus nach einem Boom in eine Phase der Rezession einmündete, wurde dies verhindert. Und zwar mit immer billigerem Geld, Erleichterungen bei der Kreditvergabe und staatlichen Konjunkturprogrammen. Das hat notwendige Marktbereinigungen, die in einer Rezession normalerweise vonstattengehen, verhindert. Fehlinvestitionen und nicht wettbewerbsfähige Unternehmen blieben so im Markt. Dadurch wurden Überkapazitäten geschaffen.

MONEY: Folglich wird in guten Phasen auf Grund der Überkapazitäten weniger investiert, was wiederum schlecht für die Wirtschaft ist.

Stelter: Exakt. Und das billige Geld der Notenbanken hat die Fehlinvestitionen sogar noch angeheizt. Zudem müssen die Menschen immer mehr Geld für ihre Altersvorsorge zurücklegen, weil sie aufgrund der Geldpolitik der EZB keine Zinsen mehr bekommen. So entsteht deflationärer Druck, also eine Spirale fallender Preise und rückläufiger Wirtschaft.

MONEY: Und die Bemühungen, sich aus der Verschuldung herauszusparen, verstärken diesen Druck?

Stelter: So ist es.

MONEY: Sitzen wir also in einer Deflationsfalle?

Stelter: Wer seine Währung nicht eigenständig abwerten kann – wie sämtliche Länder der Euro-Zone –, um dadurch die Exporte anzukurbeln, der sitzt in der Tat in der Falle. Durch das Sparen wird ja die wirtschaftliche Nachfrage im Inland eingeschränkt. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, erhöhen sich gleichzeitig die Schuldenquoten. Das beste Beispiel dafür ist Griechenland. Sich aus der Pleite herauszusparen, geht einfach nicht.

MONEY: Also nur diejenigen Länder, die ihre Währung eigenständig abwerten können, haben eine Chance?

Stelter: Ja, aber auch das ist problematisch.

MONEY: Aus welchem Grund?

Stelter: Weil dann ein Abwertungswettbewerb entstehen könnte. Das wäre dann ein Kampf jeder gegen jeden. Japan zum Beispiel möchte mit einer drastischen Abwertung des Yen seine Exporte ankurbeln und auf dem Weltmarkt Marktanteile gewinnen. Das gleiche Ziel verfolgt die EZB. Die Euro-Zone soll über Exporte und verteuerte Importe gerettet werden. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn China mit einsteigt in diesen Chor der Währungsabwertungen.

MONEY: Ein globaler Währungskrieg.

Stelter: Dann wird es richtig ungemütlich.

MONEY: Gibt es denn auf europäischer Ebene keine Maßnahmen, welche die Schuldenproblematik lösen könnten?

Stelter: Maßnahmen gibt es schon. Ob sie helfen, ist die eine Frage. Ob sie realistisch sind, die andere.

MONEY: Wie sieht es aus mit einem Schuldenschnitt?

Stelter: Dann müssten die Gläubiger dran glauben. Viele europäische Banken würden ins Wanken geraten, einige wären sicherlich pleite, müssten gerettet werden. Auch die Lebensversicherungen würden massiv Geld verlieren.

MONEY: Die Altersvorsorge vieler Hunderttausender deutscher und europäischer Sparer stünde auf dem Spiel.

Stelter: Nicht nur das. Letztlich mündet dieses Szenario in eine große Depression. Dann hätten wir wirklich die große Bereinigung auf brutalstmögliche Art und Weise. Das wäre sozialer Sprengstoff sondergleichen. Deswegen wird die Politik es nicht dazu kommen lassen.

MONEY: Was wäre eine andere Möglichkeit?

Stelter: Eine Sozialisierung der Schulden. Diese würden in einen gemeinsamen europäischen Pool übertragen und dann über die Besteuerung von Vermögen abgetragen.

MONEY: Deutsche Steuerzahler sollen für die Schulden anderer Länder bezahlen?

Stelter: Wie Sie sehen, ist so ein Szenario der Bevölkerung kaum zu vermitteln und daher politisch sehr unpopulär. Zudem würde dies einen sehr hohen europäischen Gemeinschaftsgeist voraussetzen. Dieser ist – wie die gegenwärtige Flüchtlingskrise zeigt – aber nicht erkennbar. Im Gegenteil: Im Zuge der Euro- und der Flüchtlingskrise hat sich gezeigt, dass nationale Egoismen wieder verstärkt zum Vorschein kommen. Damit ist dieses Szenario völlig illusorisch.

MONEY: Also sind wir gegenwärtig gefangen in der Eiszeit?

Stelter: So würde ich das sehen. Die Eiszeit beschreibt ja nichts anderes als eine Phase mit horrenden Schuldenständen, Zinsen auf Nullniveau, schwächelnder Wirtschaft, deflationären Tendenzen und im schlimmsten Fall sogar Währungskriegen durch Abwertungswettläufe. Die Notenbanken und die Politik treten dem mit noch aggressiverer Geldpolitik und noch mehr Schulden entgegen. Beenden wird das die Eiszeit jedoch nicht. Wie das Beispiel Japan zeigt, kann sie sich über Jahrzehnte hinziehen.

MONEY: Und wie entkommen wir einer jahrzehntelangen Eiszeit?

Stelter: Nur vorab: Der Eiszeit zu entkommen oder sie zu verkürzen wird wahrscheinlich sehr schmerzhaft werden.

MONEY: Was droht uns?

Stelter: In jedem Fall ein erheblicher Vermögensverlust.

MONEY: Wieso?

Stelter: Zum Beispiel, weil es gut denkbar ist, dass die Notenbanken Schulden aufkaufen, um sie dann über ihre Bilanz abzuschreiben. Japan ist in dieser Richtung bereits unterwegs.

MONEY: Was hätte das für Folgen?

Stelter: In der Volkswirtschaftslehre herrscht darüber Uneinigkeit. Es gibt zwei Denkrichtungen. Die eine sagt: Das ist alles unproblematisch. Die andere sagt: Der Vertrauensverlust in das Geld wäre so massiv, dass es zu einer Hyperinflation kommt.

MONEY: Zu einer Hyperinflation?

Stelter: Richtig. Eine sehr kurzfristige drastische Geldentwertung. Sobald der Glaube in die Stabilität und Werthaltigkeit von Geld futsch ist, ist das die Folge.

MONEY: Und an welche der beiden Denkschulen glauben Sie?

Stelter: Ich neige zu der Variante, dass das Vertrauen ins Geld dann nicht hält.

MONEY: Noch mal: Die Monetarisierung von Schulden über die Bilanz der EZB kann zu einer unkontrollierbaren Hyperinflation führen?

Stelter: Das ist denkbar, ja. Es gibt aber noch ein zweites Szenario, was zu einem ähnlichen Ergebnis führen könnte.

MONEY: Und wie sähe dieses Szenario aus?

Stelter: In diesem Fall würde es die EZB ebenfalls deutlich übertreiben mit ihrer Geldpolitik und zu aggressiven Maßnahmen greifen. Zum Beispiel zum Helikopter-Geld.

MONEY: Was ist Helikopter-Geld?

Stelter: Das ist im Prinzip nichts anderes als ein Geldgeschenk. Hier gibt es wieder zwei Varianten. Die erste sieht so aus: Die Notenbanken schenken den Staaten Geld. Die Bundesrepublik würde von der EZB direkt finanziert und bekäme eine Summe X. Damit könnte die Bundesrepublik dann Konjunkturprogramme starten, zum Beispiel in die Infrastruktur investieren oder in andere Projekte. Sie könnte auch Steuererleichterungen für die Bürger beschließen.

MONEY: Und die zweite Variante?

Stelter: In diesem Fall würde jeder Bürger von der Notenbank einen Betrag X direkt aufs Konto überwiesen bekommen. Sagen wir beispielsweise 10 000 Euro. Die bekämen Sie, die bekäme ich, die bekämen unsere Kinder, unsere Eltern, alle.

MONEY: Klingt doch im ersten Moment nach einer feinen Sache.

Stelter: Ich stimme Ihnen zu, dass es im ersten Augenblick verlockend klingt. Aber auch hier besteht die Gefahr, dass die Menschen anfangen, sich zu fragen: Wenn wir schon Geld geschenkt bekommen, was ist es denn dann überhaupt noch wert? Die Folge wäre dann ebenfalls ein Vertrauensverlust, gefolgt von einer massiven Geldentwertung, die ebenfalls die Vermögen stark angreift.

MONEY: Monetarisierung und Helikopter-Geld sind also zwei Szenarien, die beide in die Hyperinflation führen können. Die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Stelter: Die Gefahr besteht für beide Varianten. Es gibt aber noch ein drittes Szenario. Da wird zwar keine Hyperinflation verursacht, es können aber ähnlich schlimme Folgen auftreten. Ich nenne es das Unfall-Szenario.

MONEY: Und wie sähe so ein Unfall aus?

Stelter: Ein Unfall wäre beispielsweise der Austritt eines wichtigen Euro-Lands aus der Währungsunion. Sagen wir mal, in Italien käme die eurokritische Opposition an die Macht. Italien würde in der Folge aus dem Euro austreten, und es käme zu einer Kettenreaktion und in der Folge zu weiteren Euro-Austritten.

MONEY: Falls der Euro das überhaupt überleben würde.

Stelter: Eine große wirtschaftliche Depression wäre außerdem die Folge. Diese würde Deutschland in eine schwere Krise stürzen. Es käme zu großen Kreditausfällen und enormen Schieflagen bei Banken und anderen Gläubigern, die alle viel Geld verlieren würden.

MONEY: Also Hyperinflation oder große Depression. Wie gesagt: Die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Stelter: Ja, mag sein. Aber zunächst einmal muss man sich ja eingestehen, dass ein Großteil der Forderungen, die da draußen in der Welt sind, nicht mehr ordnungsgemäß bedient werden kann. Es gibt einen riesigen Berg an faulen Krediten, die uneinbringlich sind. Die Analyse bzw. die Ausgangsbasis ist immer die gleiche. Wir sind überschuldet, also insolvent. Und die Frage ist die folgende: Wie lösen wir das Problem möglichst schmerzfrei? Aber wenn das so einfach wäre, dann hätte man es in den vergangenen Jahren ja schon gemacht. Es ist aber eben nicht einfach, sondern ein Spiel mit dem Feuer.

MONEY: Die Monetarisierung über die EZB-Bilanz steckt bereits in den Kinderschuhen und hat womöglich sogar schon begonnen. Draghi wird sein billionenschweres Anleihenkaufprogramm ja weiter ausbauen, wie wir seit dem 10. März wissen.

Stelter: Die Japaner sind uns sogar noch ein paar Jahre voraus. Da kauft die Notenbank schon Aktien auf. Das könnte Draghi theoretisch auch. Aber: Das sind alles Schritte, die letztlich das Problem der Eiszeit nicht lösen. Das ist so, als würde ein Kranker lebenserhaltende Medikamente bekommen, aber die Grundkrankheit wird nicht therapiert.

MONEY: Wie schnell kann denn eigentlich so eine Hyperinflation einsetzen?

Stelter: Ich glaube nicht, dass sie morgen kommt. Da muss noch Einiges passieren seitens der Notenbank. Es ist natürlich sehr schwer, zu prognostizieren. Es kann sein, dass wir noch 15 Jahre Stagnation und Rezession haben werden, also Eiszeit. Aber es ist ebenfalls denkbar, dass das Vermögen der Bürger bereits in zehn Jahren nichts mehr wert ist. Einfach weil es aufgrund der faulen Schulden zu einer Anpassung der Vermögenswerte kommen muss. Und zwar zu einer Anpassung nach unten.

MONEY: Aber das Beispiel Japan, das Sie bereits angesprochen haben, zeigt doch auch, dass es über Jahrzehnte klappen kann, sich mittels der Notenbank durchzuwurschteln.

Stelter: Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, dass wir es schaffen, eine Eiszeit über mehr als 20 Jahre zu überstehen, so wie Japan. Die Gesellschaften des Westens sind zu heterogen und zu wenig leidensfähig. In jedem Fall droht uns ein erheblicher Vermögensverlust.

MONEY: Dann wären ja auch die Ersparnisse zum Beispiel in Lebensversicherungen und anderen Vorsorgeprodukten futsch.

Stelter: Wenn das Szenario eintritt, dann wäre das leider so, das stimmt. Insbesondere, weil Versicherer auch stark in Anleihen investiert sind. Letztlich sind wir da wieder beim Thema soziale Gerechtigkeit. Das ist natürlich höchst problematisch, wenn dem Durchschnittsbürger die Altersarmut droht.

MONEY: In Ihrem Buch geben Sie Anlegern Empfehlungen, um einigermaßen unbeschadet durch die Eiszeit zu kommen und ihr Vermögen zu schützen. Gehören Aktien dazu?

Stelter: Ja, auf jeden Fall. Ich denke, es ist wichtig, sich ein global diversifiziertes Portfolio mit Qualitätsaktien aufzubauen. Diese zeichnen sich durch eine Fülle von Faktoren aus, vor allem durch hohe Margen, eine Top-Marktstellung und ein sehr gutes Management. Ganz wichtig: Man sollte nicht nur auf Deutschland und den DAX setzen. Viele deutsche Anleger neigen ja dazu, ihren Heimatmarkt überproportional zu gewichten. Das ist aus meiner Sicht ein Fehler.

MONEY: Wie sieht es aus mit Gold?

Stelter: Gold ist eine Versicherung, die in jedes Portfolio gehört. Wer es noch nicht hat, sollte damit beginnen, eine Position aufzubauen. Wenn es tatsächlich zu einem Währungswettbewerb kommen sollte, würde Gold an Wert gewinnen. Als Kaufargument genügt ein Blick auf die Wirtschaftspolitik der heutigen Zeit. Da versuchen Staaten und Notenbanken, mit immer billigerem Geld und immer mehr Schulden eine Schuldenkrise zu bekämpfen. Warum das nicht gut geht, habe ich ja bereits erklärt.

MONEY: Und welchen Anteil sollte Gold im Portfolio einnehmen?

Stelter: 20 bis 25 Prozent erscheinen mir angemessen. Ich bin ein Freund der Diversifizierung in verschiedene Vermögensklassen. Übrigens rate ich dazu, es physisch zu kaufen, nicht über Zertifikate.

MONEY: Wenn das Worst-Case-Szenario eintreten sollte und die Hyperinflation kommt, wird es dann eine Flucht ins Gold geben? Ist Gold unser letzter Rettungsanker?

Stelter: Dann wird es eine Flucht in sämtliche Sachwerte geben. Gold wird sicherlich dazu gehören, wäre also auch ein Krisengewinner.

MONEY: Könnte aber nicht auch ein Goldverbot drohen? Dies wurde ja bereits in den 1930er-Jahren unter US-Präsident Roosevelt verhängt.

Stelter: Denkbar wäre es. Wir haben jetzt in der Eiszeit bereits ähnliche Tendenzen. Oder halten Sie es für einen Zufall, dass in einer Zeit von Nullzinsen auf einmal eine Diskussion auftaucht, die Nutzung von Bargeld einzuschränken?

MONEY: Was wird damit bezweckt?

Stelter: Ich denke, man möchte die Leute daran hindern, das Geld mit nach Hause zu nehmen und es sich unters Kopfkissen zu legen und zu horten. Das Äquivalent zum Bargeld war in den 1930er-Jahren das Gold, es war das ultimative Zahlungsmittel. Damals wurde es verboten. Es ist also nicht auszuschließen, dass es durchaus wieder verboten werden könnte. Wie gesagt: Es wird in Zukunft vor allem darum gehen, Schulden aus der Welt zu schaffen, was gleichsam bedeutet, auch Vermögen zu reduzieren. Deswegen ist eine repressive Maßnahme wie ein Goldverbot durchaus im Bereich des Möglichen.

MONEY: Haben Sie eigentlich selbst Gold in Ihrem Portfolio?

Stelter: Ich gebe in meinem Buch Ratschläge, wie Anleger in der Eiszeit ihr Vermögen erhalten. Sie können davon ausgehen, dass ich die Vorschläge, die ich unterbreite, auch selber umsetze.

FOCUS MONEY ONLINE: „Uns droht eine Hyperinflation“, 16. März 2016

7 Antworten
  1. Rob says:

    „Auch die Lebensversicherungen würden massiv Geld verlieren.“
    und: „Besteuerung von Vermögen“. Das möchte ich hier zusammen betrachten.

    Die Lebensversicherungen in Deutschland verwalten Bestände von knapp über 800 Milliarden. Hier betrifft es viele Millionen Einzelsparer. Hingegen besitzen relativ wenige Private in Deutschland deutlich mehr als diese 800 Milliarden, Mutmaßlich bereits in Form von Finanzvermögen, also Ansprüche, darunter Buchgeld.

    Auch wenn Schuldenschnitte ganz konkret Lebensversicherungen treffen würden, darf man sich fragen, ob das gerecht ist. Wenn es z.B. um Abschreibung von Staatsanleihen geht, muss bedacht werden, dass Staatsschuldenpegel wesentlich aufgrund von Bankenrettungen (auch die indirekten über Griechenland) gestiegen sind.
    Vor Jahren schon war bereits klar, dass eine Geldschwemme, die „händeringend“ Anlagen suchte einen Keim von Problemen in sich barg. Dabei ziele ich auf die Summe der Ersparnisse der Vielen (über Lebensversichuerungen und Rentenversicherungen) zusammen mit den großen Ersparnissen der Wenigen (die Summe macht es im Wesentlichen). Diese wenigen haben es geschickt angestellt, die Schäden zu begrenzen (bzw. Vermögen zu verstecken).

    Wenn da angesetzt wird, liegt es auf der Hand, bewusst herbeigeführte Schuldenschnitte nicht 1:1 zu Lasten der betroffenen Gläubiger gehen zu lassen, sonden diese Lasten nach Tragkraft zu verteilen (dafür sind auch andere Argumente anzuführen). Und das nun geht eben über das Instrument von Vermögensabgaben. Meinetwegen nach dem Motto: „gibt Geldvermögen aus, ober es wird besteuert“. Das sage ich bewusst so, weil das Ausgeben von Geld – also das einlösen von Ansprüchen – zugunsten von Schuldnern immer wirtschaftswirksam ist. Vermögenssteuern hingegen nicht, wenn die Mittel nur für Tilgungen eingesetzt werden.

    Antworten
  2. Rob says:

    Ergänzung: eine sehr gute Arbeit zum Thema finanzielle Repression – und das ist ja heute als „Methode“ zur stillen Entschuldung wieder en vogue aus 2013: http://www.wiwi.uni-muenster.de/06/nd/fileadmin/wpg/ss2013/material/belke.pdf (PPP: PowerPoint-Papier).

    Darin stehen auch Zahlen zum Buchgeldvermögen der Deutschen: 2 Billionen! (S.13, Überschrift: „wer sein Geld nur parkt, verliert Vermögen“).

    Prof. Belke: „Maßnahmen finanzieller Repression dagegen subtilere und intransparente Art des Schuldenabbaus ohne die Notwendigkeit von Hyperinflation/Staateninsolvenz.“

    Der Autor weist darauf hin, dass die ganze Zeit bis zum Ende von „Bretton Woods“ bereits zu wesentlichen Teilen von finanzieller Repression gekennzeichnet war. Er bezieht sich u.a. auf einer lesenswerten Arbeit von Carmen Reinhart und M. Belen Sbrancia (S. 4).

    Zu Bretton Woods:
    > System fixer Wechselkurse half im Zusammenspiel mit den bereits existierenden Finanzmarktregulierungen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bei der finanziellen Repression, da das Bretton-Woods-System aufgrund der „Impossible Trinity“ (der gleichzeitigen Existenz einer unabhängigen Geldpolitik, freier Kapitalmärkte und eines fixen Wechselkurses) Kapitalverkehrskontrollen bedeutete. (S.17)

    Interessanter Schluss! Das mit der „Impossible Trinity“ habe ich in Zusammenhang mit China vor kurzem gelesen (wahrscheinlich hier im Blog).

    Antworten
  3. Digger says:

    Hieße das nicht, um diese Krise zu überstehen/ab zu schwächen, müsste man alle Guthaben besteuern(viel stärker als jetzt) ? Transaktionssteuer, Kartellbesteuerung, Oligarchenbesteuerung, Verbot von Lebensmittelwetten an der Börse? Würde das genug Finanzen generieren um diese in Infrastruktur und Stärkung des Konsum zu stecken?

    Antworten
      • Rob says:

        Herr Stelter,
        wieviel Schulden sollen abgebaut werden? Lassen wir uns auf die Eurozone konzentrieren, und dazu auf die Staatsschulden. Wir reden dann von 9,8 Billionen, und das sind 93% vom BIP. Um auf 60% zu kommen müssten rund 3 Billionen eingesammelt werden. Wenn man das über einen Zeitraum von 5 Jahren streckt, wären dies 600 Milliarden im Jahr.
        Eine Transaktionssteuer könnte mindestens 10% dieser Summe aufbringen.
        Deutschland alleine schon würde rund 85 Milliarden einsammeln, wenn es seine Vermögenssteuern auf das Niveau von Frankreich oder Großbrittanien anhebt. Für die Eurozone insgesamt dürfte das nicht mehr als das doppelte sein.
        Die anderen Punkten Diggers würden noch etwas oben drauf tun – sofern realistisch -, und dann schweige ich noch von den versteckten Vermögen, die man ruhig mit einer signifikanten Vermögensabgabe belasten könne. Panama lässt grüßen.

        Es kommt auf den politischen Willen, der Kooperation und der Durchsetzung des politischen Primats an.

  4. Tobias Schwieger says:

    …ich finde dieses Interview sehr hilfreich, da es die einschlägigen Gedankengänge kompakt darlegt.

    Mit Blick auf den Vertrauensverlust in Geld frage ich mich, wie sich dieser konkret in alltäglichen Bezügen vollziehen könnte. Denn beim Bäcker wird man wohl weiterhin Bargeld als Tauschmittel wählen. Insofern scheint mir nicht das Vertrauen in Geld als Zahlungsmittel verloren zu gehen, sondern in Geld als Wertaufbewahrungsmittel.

    Geld per Helikopter fände damit – sofern existent – nicht mehr seine Entsprechung in Arbeits-/Lebensleistung. Somit verliert es an Ausdruck von Werthaftigkeit. Doch was knüpft an diesem Punkt in der Logik der Hyper-Inflationsentwicklung an???

    Daneben scheint mir fraglich, inwieweit Heli-Geld über einen Einmaleffekt hinausgehen würde. Das Preisniveau würde einmalig angehoben werden – und dann? Die Nachfragesteigerung würde teilweise durch eine Preiserhöhung konterkariert werden – die restliche Nachfragesteigerung eventuell mit bereits bestehenden Kapazitäten bedient.

    Antworten

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