So oder so nähern wir uns dem Ende des Euro

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Dieser Beitrag erschien bei Cicero Online:

Das italienische Referendum am kommenden Sonntag wird von vielen zur Entscheidung über den Euro stilisiert. Dabei ist es völlig egal, wie die Italiener abstimmen. Der Euro ist kaum noch zu retten.

Das Gegenteil von „gut“ ist bekanntlich „gut gemeint“. So ist es auch beim Euro. Gedacht als Vehikel, um die europäische Einigung voranzutreiben, entpuppt er sich immer mehr als Spaltpilz, der nationalistische und populistische Strömungen befeuert. Wenn etwas verwundert, dann, dass der Euro die vergangenen acht Jahre überstanden hat. Zu verdanken ist das nicht dem beherzten Handeln unserer Politiker, sondern einzig und allein der Europäischen Zentralbank, die alle Grundsätze ordentlicher Geldpolitik über Bord geworfen hat, um den Euro und letztlich die eigene Existenz zu retten.

Die Eurokrise ist eine Schulden- und Wettbewerbsfähigkeitskrise. Private und Staaten haben die tiefen Zinsen im Zuge der Euroeinführung zu einer beispiellosen Verschuldung genutzt, und die Löhne stiegen im Zuge des Booms weit schneller als die Produktivität. Nun sind die Krisenländer in einer Dauerstagnation mit immer weiter steigenden Schulden gefangen.

Dauerhafte Krise in Italien

Das gilt auch für Italien: Das italienische Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt heute rund acht Prozent unter dem Niveau von 2008. Die Krise im Land dauert nun schon länger an als die Rezession in den 1930er-Jahren. Nimmt man die Zeit seit der Euroeinführung im Jahre 1999, ist das Land seither um sechs Prozent gewachsen. Zum Vergleich: Deutschland und Frankreich haben im selben Zeitraum um rund 25 Prozent zugelegt. Die Arbeitslosigkeit verbleibt auf einem hohen Niveau, ohne Aussicht auf Besserung. Dennoch sind die Lohnstückkosten seit der Euroeinführung deutlich stärker gewachsen als in Deutschland, was die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutlich gesenkt hat.

Folge der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung ist die Bankenkrise Italiens. Immer mehr Unternehmen und Bürger haben Schwierigkeiten ihren Verpflichtungen nachzukommen. Auf immerhin 360 Milliarden Euro (rund 20 Prozent des BIP) werden die faulen Forderungen der italienischen Banken geschätzt, mehr als die rund 250 Milliarden Eigenkapital der Banken. Kein Wunder, dass niemand mehr bereit ist, den Banken Geld zu leihen, aus Angst bei der Bereinigung der faulen Schulden gemäß den neuen europäischen Regelungen für die Bankenabwicklung zur Kasse gebeten zu werden.

Schulden wachsen stetig an

Zwar gehören die italienischen Privathaushalte zu den vermögendsten in Europa, deutlich vermögender beispielsweise als die deutschen. Der italienische Staat hingegen ist nach Griechenland und knapp gefolgt von Portugal der am höchsten verschuldete Staat in Europa. Obwohl der Staat einen Teil seiner Zinskosten aus Steuern bezahlt – also einen sogenannten Primärüberschuss von immerhin 1,4 Prozent des BIP erzielt – ist die Gesamtlast der Zinszahlungen mit 4 Prozent vom BIP immer noch so hoch, dass die Schulden relativ zur stagnierenden Wirtschaft immer mehr anwachsen.

Das italienische Bankensystem ist pleite und der Staat auch. Pleite in dem Sinne, dass es nach menschlichem Ermessen unmöglich ist, die Schulden zu bedienen. Wachstum kann man in Italien angesichts einer nun rasch schrumpfenden Erwerbsbevölkerung und chronisch schlechter Produktivitätsentwicklung nicht erwarten. Damit ist die Schuldenlast untragbar. Der Versuch, sie irgendwie zu stabilisieren, verstärkt die Krise nur noch.

Der Euro als Korsett

Aus den genannten Gründen ist Italien schon lange mein Favorit, wenn es um die Frage des ersten Landes geht, welches den Euro verlässt. Noch könnte Italien einen Rest seiner industriellen Basis retten und mit einer eigenen Währung wieder wettbewerbsfähig werden. Natürlich ist der Euro nicht alleine schuld an der Misere des Landes. Natürlich wäre die Einführung der Lira keine Lösung. Ein Aufschwung könnte es jedoch leichter machen, Reformen wirklich durchzuführen.

Was wirklich verwundert, ist, wie lange die Italiener bereit sind, das Korsett des Euro trotz der negativen Wirkungen zu ertragen. Oftmals hat es damit zu tun, dass sie wissen, dass die eigenen politischen Instanzen noch schlechter sind als die Beamten aus Brüssel. So hilft die Mitgliedschaft in der Währungsunion und in der EU, die eigene Politik zu disziplinieren.

Der bereits angesprochene Wohlstand der Privathaushalte dürfte ebenfalls dazu beigetragen haben, dass die Stimmung noch nicht gekippt ist. Nun droht sie, es zu tun. Selbst wenn das Referendum am Sonntag doch, wie von den Euro-Befürwortern erhofft, positiv ausgeht, ist das keine Entwarnung. So oder so ist es nur eine Frage des „Wann“ nicht des „Ob“ der Euro zerfällt.

Druck im politischen Kessel im höher

Im Falle eines negativen Votums könnte der Zerfallsprozess gar länger dauern. Angesichts der Sorge vor Bankpleiten als Folge der Abstimmung – die Financial Times spricht von immerhin acht Banken, denen dann lebenswichtige Finanzierung fehlen würde – dürften die EZB und die Politik alles tun, um eine Krise in Italien zu verhindern und die Stimmung vor einer dann absehbaren Neuwahl positiv zu beeinflussen. Mögliche Maßnahmen wären noch größere Interventionen der EZB. Sie könnte neben dem Kauf von Staatsanleihen auch den Banken faule Papiere abnehmen und europaweite Staatsausgabenprogramme initiieren.

Die deutsche Bundesregierung dürfte angesichts der eigenen Bankenprobleme und der bevorstehenden Bundestagswahl alles daransetzen, die Illusion der gelungenen Euro-„Rettung” aufrechtzuerhalten. Das mag bis in den nächsten Herbst gelingen. Doch mit einer echten Lösung der Probleme hat das nichts zu tun. Irgendwann wird es zu einem Austritt aus dem Euro kommen, einfach, weil der Druck im politischen Kessel zu hoch ist. Dann werden wir den Preis für die Konkursverschleppung unserer Politiker während der vergangenen sieben Jahre bezahlen müssen. Den Preis für ein politisches Projekt, dem von Anfang an der ökonomische Boden fehlte.

→ Cicero.de: „Wir nähern uns dem Ende des Euro“, 1. Dezember 2016

29 Antworten
  1. Ondoron says:

    Alles Argumente, die die sogenannten „Euro-Hasser“ lange vor Einführung des Euros vorhergesagt haben. Der Euro ist ein sozialistisches „politisches Projekt“. Wenn man den Terminus „politisches Projekt“ vernimmt, sollte man sofort hellhörig werden – dahinter verbirgt sich immer kollektivistischer Schwachsinn!

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  2. Dietmar Tischer says:

    Richtige Beschreibung der Sachverhalte, richtige Schlussfolgerung:

    >Im Falle eines negativen Votums … dürften die EZB und die Politik alles tun, um eine Krise in Italien zu verhindern und die Stimmung vor einer dann absehbaren Neuwahl positiv zu beeinflussen …Mögliche Maßnahmen wären noch größere Interventionen der EZB. Sie könnte neben dem Kauf von Staatsanleihen auch den Banken faule Papiere abnehmen und europaweite Staatsausgabenprogramme initiieren.>

    Einen Schritt weiter gedacht (the missing link):

    Die Wettbewerbsfähigkeit des Landes, die faulen Forderungen der italienischen Banken und somit deren strukturelle Funktionsunfähigkeit sowie die Lage der italienischen Bevölkerung, die vermutlich durch weiter zunehmende Kapitalflucht die Krise verschärfen dürfte, werden durch derartige Maßnahmen NICHT zum Besseren gewendet.

    DAHER:

    >Irgendwann wird es zu einem Austritt aus dem Euro kommen, einfach, weil der Druck im politischen Kessel zu hoch ist.>

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  3. Katalin says:

    Hallo Herr Stelter,

    selten haben Sie so falsch gelegen wie beim Thema EURO.

    Euro ist ein Instrument zur Exportförderung durch schuldenfinanizierte Nachfragegenerierung, bezahlt durch die die diese Produkte herstellen. Einmalig in der Geschichte.

    Es lässt sich in einem Satz beschreiben: Einzahlung heute (Kapital und Geldvermögensbesitzer) Kosten später (die Allgemeninheit).

    Gruß

    Antworten
      • Katalin says:

        Herr Stöcker,

        glauben Sie ernsthaft, die die den EURO haben wollten, wussten nicht wozu das Ganze führen würde. Eine Währungsunion ohne gemeinsame Fiskal und Finanzpolitik für so unterschiedliche Länder wie z.B. BRD und GR (kein Industrieland).
        Wie würde es in einigen (vieleicht in vielen, da keine Sprachbarriere) Bundesländern heute aussehen ohne die BRD Fiskal- und Finanzpolitik.

      • Michael Stöcker says:

        Ja, das glaube ich ganz ernsthaft. Wie sollen Politiker eine Währungsunion verstehen, wenn noch nicht einmal die sie beratenden Ökonomen unser Geldsystem verstehen. Auch Herr Schäuble und Herr Waigel wussten und wissen es leider immer noch nicht besser. Und unser Irrlicht Mayer faselt wieder etwas vom Konkurrenzgeld und fällt damit noch hinter die Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts zurück: https://www.youtube.com/watch?v=gFIrmevaNnM.

        LG Michael Stöcker

      • Rob says:

        Halt, ich glaube, dass die Politiker es nicht verstanden. Aber die deutsche Wirtschaft schon!
        Man hatte mit der Causa Ost bereits positive Erfahrungen mit „lokaler“ Inflation infolge von Kapitalflüssen gemacht. Dieses Modell wurde mit dem Projekt Euro bloß wiederholt. Riesige Kapitalzuflüsse in den Süden; dortige Inflation; Absacken der Wettbewerbsfähigkeit; schwacher Euro und im Endeffekt eben hervorragende Exportbedingungen für die deutsche Exportwirtschaft im Rest der Welt.

        Ich pflichte Katalin bei: Es war mutmaßlich so vorausgedacht. Aber wie gesagt: Von der deutschen Wirtschaft wurde der Euro herbeigesehnt.

      • Michael Stöcker says:

        @ Rob

        „Riesige Kapitalzuflüsse in den Süden;“

        Nicht schon wieder diese Trottelnummer von Hans Werner Sinn. Die „Kapitalzuflüsse“ sind immer erst die Folge einer asymmetrischen Kreditexpansion; und auch nur dann, wenn am Interbankenmarkt diese Salden kreditiert wurden.

        Und das sollten vorab schon alle gewusst haben??? Hut ab vor so viel Voraussicht in die individuellen Entscheidungen von Millionen von Kreditnehmern und in die unendliche Bereitschaft der deutschen Sparer und Kreditinstitute zur Refinanzierung. Sorry, aber solche zentralplanerischen Fantasien sind albern.

        LG Michael Stöcker

    • Rob says:

      @ Katalin: „Euro ist ein Instrument zur Exportförderung durch schuldenfinanizierte Nachfragegenerierung, bezahlt durch die die diese Produkte herstellen. Einmalig in der Geschichte.“

      Das verstehe ich nicht ganz. Ich jedenfalls verstehe es so: Die Hersteller der Exportprodukte wenden die einmal bereits erwirtschafteten Überschüsse (im Exportgeschäft) an, um über Kredite weitere Nachfrage zu generieren.
      Oder meinen Sie es anders?

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  4. Aljoschu says:

    Aus deutscher Sicht sind dafür die Hauptverantwortlichen: Merkel, Juncker, Gabriel und Schulz. Sie sind es auch, die den Goldman-Sachs-Mann Draghi in seine Person des Alleinherrschers über den Euro gebracht haben. Vorbei an allen demokratischen Checks & Balances. Jetzt kommt – nach dem Brexit – die nächste Rechnung. Sie wird nicht die letzte sein.

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    • Rob says:

      Mit Verlaub, aber dieser Sichtweise hält einer kritischen Prüfung nicht stand.
      Es ist so, dass die EZB immer wieder Zeit gekauft hat (mit Maßnahmen), damit die Politik die Gelegenheit bekommt, Verantwortung zu übernehmen. Aber die Politik hat es immer wieder versäumt, diese Zeit zu nutzen. Eines der Gründe dürfte sein: Dem Wähler keine unangenehme Wahrheiten erzählen zu wollen. Vor allen Dingen die deutsche Politik nicht.

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  5. Bakwahn says:

    Eine Gegenrede:

    Herr Stelter,
    zur Euro- und Griechenlandkrise ist in den vergangenen 6 – 7 Jahren alles gedacht, geschrieben und gesagt worden. Es gibt dutzende von Büchern zum Thema, Studien, Gutachten, Abhandlungen, Aufsätze, Diskussionsbeiträge. 90 bis 95 % aller Ökonomen, Finanzexperten, Wirtschaftsjournalisten sind sich in ihrer Kritik an der Eurozone und der „Eurorettung“ einig. Vom Grexit über den Italexit bis zur Rückkehr zu nationalen Währungen: alle diese Fachleute machen sehr vernünftige und ökonomisch sowie finanztechnisch gut begründete Vorschläge.

    Noch einmal:
    Jegliche noch so sachlich fundierte und ökonomisch berechtigte Kritik gegen den Eurorettungswahnsinn wirkt hinfällig, machtlos, vergebens. Der Euro ist kein ökonomisches, sondern ein politisches Projekt. Der Euro soll „unumkehrbar“ sein. Das alleine ist die einzige Richtschnur des Handelns der europäischen Nomenklatura, einschließlich der EZB-Gouverneure und der Richter des EuGH. Man wird mit der EZB weiermachen.

    Auf absehbare Zeit (BTW 9/2017) wird es weder einen Eurokollaps, einen Grexit oder einen Italexit geben. Auf den Geldpritzenmann Draghi ist Verlaß: „Whatever it takes“. Solange die europäische Nomenklatura in Zusammenarbeit mit der EZB durch Geldschöpfungsaktionen und Billigstzinen das gigantische Ausmaß der Krise verschleiern und verstecken können, wird es immer wieder zu Kollapsverzögerungen kommen.

    Die geldpolitischen Manöver und Zaubertricks sind:
    * Aufkäufe sämtlicher Schuldentitel
    * Laufzeitverlängerungen
    * Verlängerung der zins- und tilgungsfreien Phasen, z.B. auf 99 Jahre
    * Billigstzinsen
    * bis hin zu Schenkungsaktionen.

    Ich bin als Geldlaie nicht kompetent genug, um weitere Möglichkeiten der EZB aufzulisten. Aber wir können davon ausgehen, dass die EZB zusammen mit der europäischen Politik auch weiterhin in dieser Hinsicht eine äußerst trickreiche und hochinnovative Produktivität gebären wird.
    Statt Kollaps langsames Siechtum, auch bei uns in Deutschland.

    Live aus Buxtetown am Esteriver
    Bakwahn
    Hamburg Bangkok Düsseldorf

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  6. Bakwahn says:

    Ein Nachtrag:

    Die EZB hat spätestens 2012 die Hauptrolle bei der Eurorettung übernommen. Sie betreibt eine indirekte Staatsfinanzierung und Entschuldungspolitik der Staaten und Pleite-Banken durch eine Geldschöpfung ex nihilo sowie durch ihre Niedrigzinspolitik. Sie wird diese Geldpolitik auf sehr viele Jahre nicht ändern können noch wollen. Sie hat sich zum Gefangenen der europäischen Politik machen lassen, ja, sie ist ihr sogar willig gefolgt, denn im EZB-Rat haben die Weichwährungs- und Schuldenländer eine strukturelle Mehrheit. Die Politik der Krisenstaaten hat sich längst aus der Verantwortung geschlichen. In den Krisenländern werden ganz offensichtlich wirklich durchgreifende Strukturreformen nicht durchgeführt. Übrigens auch bei uns nicht, so scheint es mir. Das zwingt die EZB, einen wahren Liquiditätszauber zu entfachen, der Staaten und Banken ja soagar Unternehmen weiterhin Kontoüberziehungen ohne limit ermöglicht.

    Live aus Buxtetown am Esteriver
    Bakwahn
    Hamburg Bangkok Düsseldorf

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    • Ralph Klages says:

      zu 1: Geld wächst nicht auf Bäumen – aber auf Stammbäumen. Vermögen wird über etliche Generationen hinweg gereicht. Die europäischen Südländer waren allesamt Kolonialherren mit skrupellosen Ausbeutungszielen. Später hatten sie kaum verlorene Kriege in Europa, auch keine Trümmerstädte wie Deutschland. Dazu kommt noch die sehr bauernschlaue Einsicht, dass die Herrschenden ihren Luxus mit Schulden finanzieren, mithin die eigene Währung permanent inflationieren. Alle Südländer einschl. Frankreich haben ihre Währungen bewusst über Jahrhunderte destabilisiert. Was blieb dem Bauern folglich übrig, wollte er für sein Alter und seine Nachfahren vorsorgen: Einkommen wurde und wird in Sachwerten mit stabilen Renditen angelegt – und ebenso vererbt: Ackerbau, Weinbau, Olivenöl etc. Natürlich subventioniert, hauptsächlich von den doofen Deutschen: Die glauben tatsächlich, sie wären reich, weil ihre Einkommen hoch sind. Ganz Europa weiß es besser.
      zu 2 : Noch so eine Geschichte: Schauen Sie mal bei Flossbach von Storch rein, da sehen Sie VermögenspreisINFLATION vom Allerfeinsten. Eigentlich genügt schon ein Blick in den Immobilienteil der Wochenendausgabe. Der Warenkorb der Bundesbank bildet dieses Geschehen jedenfalls nicht ab. Aber Ihre Frage bleibt im Raum, wo doch so viel Geld „gedruckt“ wird: So wie die eine Inflation eben NICHT gemessen wird, so unwägbar die DEFLATIONSkräfte, die auf der anderen Seite ziehen: Wenn die Produktivität einer Volkswirtschaft steigt, bewirkt das meist Senkungen bei den Stückkosten, die an die Preise weitergegeben werden. Nun kann man sehr wohl am deutschen Wachstum (ver-)zweifeln, aber es hält sich immerhin im Plusbereich. Was aber fehlt, um letztlich auch einer anhaltenden Preissenkung (=Deflation) entgegen zu wirken, sind wachstumsfördernde Innovationen: Neuerungen, die möglich Kunden überzeugen, sowohl technologisch als auch im Dienstleistungsbereich – besser ersteres. Geschäftsmodelle mit realem Wachstumscharakter -vielleicht sogar etwas utopistisch- werden dringendst benötigt. Es ist nicht so, dass es die nicht gibt. Aber zur Umsetzung stehen wir uns oft genug im Weg. Und die Politik erst recht (man schaue sich den Wirtschaftsminister mal mit offenen Augen an, na ja, und die Physikerin….), die haben es sich doch bequem eingerichtet.

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  7. Dietmar Tischer says:

    @ Katalin

    >Euro ist ein Instrument zur Exportförderung durch schuldenfinanizierte Nachfragegenerierung, be-zahlt durch die die diese Produkte herstellen. >

    Sie spekulieren, und das auch noch an der Sache vorbei.

    WAS der Euro ist, lässt sich knapp und bündig sagen: Er ist eine Währung.

    WARUM der Euro geschaffen wurde, ist eine andere Frage, die – wenn man den Akteuren, die ihn geschaffen haben, zielorientierte Rationalität unter stellt – anders zu beantworten ist, als sie es hier mit gerade einmal einem daher gesagten Satz tun.

    WER was zu bezahlen hat, ist wieder eine andere Frage, die im Augenblick noch nicht ab-schließend zu beantworten ist.

    Es wäre wünschenswert, Sie überlegten ein wenig, bevor Sie etwas sagen. Dies insbesondere dann, wenn Sie Ihre Feststellungen mit einem Urteil über andere verbinden.

    Antworten
  8. Dietmar Tischer says:

    @ Aljoschu

    >Aus deutscher Sicht sind dafür die Hauptverantwortlichen: Merkel, Juncker, Gabriel und Schulz.>

    Dafür – für was?

    Die Hauptverantwortlichen, jedenfalls dafür, dass es die Eurozone gibt, haben lange vor den Politikern, die Sie hier nennen, die Eurozone ausgehandelt und realisiert. Es sind die Politiker der Generation Kohl.

    >Sie sind es auch, die den Goldman-Sachs-Mann Draghi in seine Person des Alleinherrschers über den Euro gebracht haben. Vorbei an allen demokratischen Checks & Balances.>

    Es ist schlichtweg falsch, dass Draghi der Alleinherrscher über den Euro ist.

    Falsch ist auch, dass es für Draghi keine demokratische Legitimation gibt. Die Währungsunion braucht eine europäische Zentralbank, die wiederum einen Präsidenten haben muss. Das ist demokratisch institutionalisiert worden und mit Verfahren, die ebenfalls demokratisch legitimiert sind, ausgefüllt worden.

    Was Sie sagen, stellt sich so vielleicht der kleine Fritz vor.

    Die Eurozone ist aus rational begründeten, in der Zielsetzung durchaus schlüssigen ökonomischen Überlegungen heraus entstanden. Die Misere, in der sie sich befindet, beruht darauf, dass dabei wesentliche Determinanten ausgeblendet wurden.

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  9. Dietmar Tischer says:

    @ Bakwahn

    >Jegliche noch so sachlich fundierte und ökonomisch berechtigte Kritik gegen den Eurorettungswahnsinn wirkt hinfällig, machtlos, vergebens.>

    Das ist richtig, soweit sie VERÄNDERUNG der breiten ÖFFENTLICHEN Wahrnehmung erreichen will. Das habe ich an einem anderen Thread auch gesagt.

    Die Kritik ist dennoch nicht hinfällig. Denn sie kann natürlich Verständnis generieren, z. B. für ökonomische Weiterungen.

    >Der Euro ist kein ökonomisches, sondern ein politisches Projekt>

    Auch das ist richtig, aber als BEGRÜNDUNG für POLITISCHE Veränderungen falsch – Sie widersprechen sich, wenn Sie sagen:

    >Solange die europäische Nomenklatura in Zusammenarbeit mit der EZB durch Geldschöpfungsaktionen und Billigstzinen das gigantische Ausmaß der Krise verschleiern und verstecken können, wird es immer wieder zu Kollapsverzögerungen kommen.

    Geldschöpfung und Billigzinsen sind zwar keine politischen, sondern ökonomische Instrumente. Aber – und darauf verweist Dr. Stelter doch immer wieder – sie können

    a) NICHT EWIG weiter eingesetzt werden und

    b) ändern sie praktisch NICHTS an der trost- und perspektivlosen realen ökonomischen Situation, die letztlich das politische Handeln der Bevölkerung bestimmt.

    DAHER können Politiker und Notenbanker weitermachen wie sie wollen – irgendwann, ist das Spiel aus und zwar auch dann, wenn immer noch Verschleierung betrieben wird.

    Hier übrigens für alle eine sehr interessante Sicht auf Griechenland, die für mich neu ist:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-und-die-schuldenlast-die-groesste-luege-des-jahrhunderts-a-1123999.html

    Daraus:

    „Ginge es nach Kazarian, sollte Griechenland in einem ersten Schritt seine öffentlichen Finanzen nach international akzeptierten Regeln ausweisen – wie etwa dem IPSAS-Standard. Dann würde offensichtlich, dass Griechenlands Schuldenlast weitaus geringer sei als die anderer Länder.

    Kazarian hat allerdings wenig Hoffnung, dass es dazu kommt: „Das ganze Narrativ, die Schulden seien untragbar und abscheulich, wäre nicht mehr haltbar. Die Regierung braucht aber das Schuldenthema. Es dient als Ausrede für jedes Problem.“

    Sehe ich auch so und ergänze:

    Auch Schäuble kann es sich nicht erlauben, offensichtlich werden zu lassen, dass die Schulden Griechenlands geringer sind als offiziell ausgewiesen. Denn dann müsste er eingestehen, dass Deutschland Verluste zu verbuchen habe. Dem will er sich verständlicherweise nicht stellen.

    Auch diese spezielle deutsche Lebenslüge gehört zur griechischen Schuldenlüge.

    Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Ich weiß nicht, was Sie kommentieren wollen – die Grenzen von Geld- und Zinspolitik der EZB oder die deutsche Lebenslüge des Herrn Schäuble. Beides sind lohnende Themen, finde ich.

        Sie können sehr verständlich erklären – schreiben Sie. Ein Copyright gibt es eh nicht.

        Zu Italien:

        Egal, was das Referendum für ein Ergebnis hat, die Lage ist m. A. n. fürs erste sehr unübersichtlich und risikobehaftet. Das liegt ganz wesentlich daran, dass die Pleitebank Monte di Paschi rekapitalisiert werden muss, falls man sie nicht abwickeln will (was man kaum wollen wird). Außerdem braucht die Unicredit eine Kapitalzufuhr von ca. 13 Mrd. Euro. Hier mehr dazu:

        http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-versicherungen/italiens-bankensektor-in-siena-und-mailand-geht-die-angst-um/14928046.html

        Wenn die Kapitalerhöhungen durch private Geldgeber nicht über die Bühne gehen, kann der italienische Staat einspringen. Dies aber nur mit einem Bail in: italienische Kleinsparer werden dann im Mrd.-Höhe bluten müssen.

        Wie das in der Bevölkerung mit welchen Reaktionen ankäme, bleibt abzuwarten. Ebenso ist offen, ob die Italiener dem Trauerspiel um ihre Banken tatenlos zusehen werden. Ich schließe einen stetig wachsenden Geldtransfer ins Ausland nicht aus. Das würde die Banken weiter schwächen.

        270 Mrd. EUR faule Kredite kann auch die EZB nicht einfach mal aus dem Verkehr ziehen indem sie den Banken diese Kredite abkauft. Sie hat ihrer Satzung nach kein Mandat, Schrott aufzukaufen. Und ELA-Kredite wie in Griechenland kann es auch nicht geben solange nicht die anderen Mitglieder der Eurozone für die Solvenz Italiens garantieren (wie 2015 im Fall Griechenlands).

        Italien müsste unter den Rettungsschirm, damit die EZB ihr OMT in Gang setzen kann, d. h. durch den gezielten Aufkauf italienischer Staatsanleihen die Lage zu stabilisieren. Daran glaube ich nicht. Es wäre ein Desaster, die Märkte würden verrücktspielen bei dem Gewicht, das Italien in der Eurozone hat.

        Wie auch immer:

        Ich will nach dem Referendum zeitnah von den Rating-Agenturen hören, wie sie die Bonität des Landes bzw. dessen Staatsanleihen danach einstufen. Wenn Notfallpläne dort, man das Schlimmste verhindern will, in den Schubladen liegen, dann sollten diese Oberbewerter wenigstens Klartext reden können.

  10. KBX says:

    Imho hört der Euro erst auf zu sein, wenn einer der Gläubiger die Schnauze voll hat/ nicht bedient wird. Für die Schuldner ist es „a free ride on their tail“, und aus diesem Verhältnis werden sie freiwillig nicht so schnell ausbrechen. Einzig die Targetsalden werden weiter aufgebläht, doch dies scheint wurscht zu sein…

    Antworten
  11. Dietmar Tischer says:

    @ M. Stöcker, Rob

    Rob:

    >Riesige Kapitalzuflüsse in den Süden; dortige Inflation; Absacken der Wettbewerbsfähigkeit; schwacher Euro und im Endeffekt eben hervorragende Exportbedingungen für die deutsche Exportwirtschaft im Rest der Welt.>

    M. Stöcker:

    >Nicht schon wieder diese Trottelnummer von Hans Werner Sinn. Die „Kapitalzuflüsse“ sind immer erst die Folge einer asymmetrischen Kreditexpansion; und auch nur dann, wenn am Interbankenmarkt diese Salden kreditiert wurden.
    Und das sollten vorab schon alle gewusst haben???>

    Legen Sie sich doch nicht die Dinge so zurecht, dass sie ins Weltbild passen. Fragen Sie anhand der FUNKTIONALITÄT nach Ursache und Wirkung.

    Das geht im vorliegenden Fall so:

    Durch die Währungsunion entkamen die Länder der Peripherie dem Abwertungsdruck, dem sie mit eigenen Währungen ausgesetzt waren. Das war aus deren Sicht der Hauptgrund für die Schaffung und den Beitritt zur Währungsunion.

    Das ausgeschaltete Abwertungsrisiko war – verglichen mit der Vergangenheit – u. a. ein Kostenvorteil für ausländische Investoren. Der Anreiz in der Peripherie Geld anzulegen, z. B. Staatsanleihen zu kaufen oder zu investieren, stieg. Entsprechende Aktivitäten waren selbstverständlich mit Kapitalzuflüssen verbunden soweit die Finanzierung nicht im betreffenden Land erfolgte. Ob die riesig waren oder nicht, sei dahingestellt. Es gab sie jedenfalls und sie sind keine Trottelnummer von H.-W. Sinn. Vorab muss da überhaupt niemand etwas gewusst haben. Nach Angleichung des Zinsniveaus sahen jedenfalls Unternehmen aus dem Kern der Eurozone, insbesondere auch deutsche, Absatzchancen in der Peripherie; weniger allerdings Produktionschancen, weil da Osteuropa von den Kosten her deutlich im Vorteil war und es immer stärker wurde angesichts der anziehenden Inflation in der Peripherie.

    Natürlich gab es darüber hinaus und vermutlich in größerem Umfang auch das Kreditwachstum in der Peripherie. Die Immobilienblase in Spanien z. B. dürfte weitgehend von spanischen Banken finanziert worden sein.

    Kurzum:

    Der Kapitalexport war, soweit er in die Peripherie erfolgte, ganz wesentlich ZINSINDUZIERT. Soweit er Osteuropa betraft, war er ganz wesentlich den deutlich geringeren ARBEITSKOSTEN geschuldet.

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