„Setze nie auf die Notenbank“

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Folge 9 meiner regelmäßigen Kolumne zum Thema Geldanlage bei WiWo.de:

In den Finanzmärkten gibt es goldene Regeln wie diese: „Never bet against the Fed“ – „Wette niemals gegen die Notenbanken“, geboren aus der Gewissheit, dass die Notenbanken über eine unbegrenzte Feuerkraft verfügen. Aber das ist eine Illusion.

Nicht nur das. Banken, Spekulanten und Investoren konnten sich immer darauf verlassen, dass sie im Zweifel rausgehauen werden. „Greenspan-Put“ hieß dies zunächst, mittlerweile sind wir beim „Yellen-“ und „Draghi-Put“. Nur so lassen sich angesichts der ungelösten Schuldenkrise und der objektiven Überschuldung von Ländern wie Portugal die rekordtiefen Zinsen erklären.

Die Märkte vertrauen darauf, dass man mit immer mehr und immer billigerem Geld Probleme zwar nicht lösen, aber zumindest unter Kontrolle halten kann.

Gewissheiten sind praktisch

Solche Gewissheiten zu haben, ist natürlich für alle Marktteilnehmer praktisch. Alleine ihre Existenz reicht, damit der erwartete Effekt eintritt. Kündigt die Fed oder die EZB eine bestimmte Maßnahme an, so reagieren die Märkte sofort entsprechend, bevor mit der Umsetzung überhaupt begonnen wurde. Schön zu beobachten war das beim Programm des „Quantitative Easing“ der EZB, wo die Effekte – sinkende Zinsen – schon in Erwartung des Programmes eingetreten sind. Im Extremfall muss die Notenbank gar nichts machen, es genügt schon das Versprechen, „whatever it takes“ zu tun, und der Euro ist gerettet.

Damit ist aus Sicht der Investoren heute klar, was zu tun ist: Rein in Aktien und andere riskantere Anlagen, weil diese nicht nur mehr Ertrag versprechen als Anleihen, sondern auch, weil im Falle eines Falles die Notenbanken wieder einspringen werden, um größere Verluste zu verhindern. Offiziell getragen von Sorgen um die Konjunktur, faktisch wohl eher aus Sorge um die Vermögenspreise. Wer da nicht mitmacht, ist selber schuld.

Allerdings ist das mit den Gewissheiten so eine Sache. Schauen wir nach China. In nur sieben Jahren haben sich dort die Schulden von sieben auf rund 28 Billionen US-Dollar vervierfacht. Im selben Zeitraum wuchs die Wirtschaft um fünf Billionen. Die Fehlinvestitionen in Anlagenkapazitäten und leer stehende Immobilien seit 2009 werden auf atemberaubende 6,8 Billionen US-Dollar geschätzt.

Unsere Aufmerksamkeit wird von Griechenland absorbiert. Aber die chinesische Wirtschaft ist vierzigmal so groß wie die griechische und hat siebzigmal so viele Schulden. Sollte es zu einer Schuldenkrise in China kommen, so wären die weltweiten Auswirkungen massiv. Weder die Finanzmärkte noch die Realwirtschaft kämen ohne deutliche Blessuren davon.

Von Sorge an den Finanzmärkten ist dennoch keine Spur. Denn es gibt auch hier eine Gewissheit. Die Gewissheit, dass die chinesische Regierung über erhebliche finanzielle Reserven verfügt und zudem die Wirtschaft viel besser steuert, als wir das im Westen tun. Was die Notenbank für uns ist, ist der Staat für China. Ein Garant dafür, dass es nie schief geht, egal wie schlimm es in Wahrheit aussieht.

In der Tat kann China denselben Weg beschreiten wie wir und tut es auch: billiges Geld und noch mehr Schulden, Änderung der Bilanzierungsregeln, damit Banken keine Abschreibungen vornehmen müssen und staatliche Konjunkturprogramme. Außerdem kann China natürlich noch die eigene Währung abwerten, wie das Japan so schön vorexerziert.

Betrachtet man allerdings die Entwicklungen der letzten Monate in China, so sind zumindest Zweifel an der Allmacht der chinesischen Führung angebracht. Hatte man zunächst einen Aktienboom befördert mit der Absicht, Unternehmen und Banken einen Weg zu eröffnen, die Eigenkapitalbasis zu stärken, so ist dieser nun außer Kontrolle geraten. Zunächst nach oben, dann – getrieben von der historisch nur in der Größe einmaligen Spekulation auf Kredit – umso schneller nach unten. Es ergeht der chinesischen Führung wie dem Zauberlehrling von Goethe: Sie wird die Geister, die sie rief, so leicht nicht wieder los.

Die Illusion der Gewissheit

Dabei hat sie den ersten Teil der Gewissheit sehr wohl erfüllt. Sie hat drastische Maßnahmen ergriffen, um den Crash zu stoppen. Weite Teile des Aktienmarktes konnten nicht mehr gehandelt werden, wer sich dem Verkaufsverbot der Regierung widersetze, landete im Gefängnis. In der Tat Maßnahmen, vor denen wir im Westen noch zurückschrecken. Doch ansonsten war die Reaktion nicht so viel anders wie bei Crashs hier bei uns. Zinssenkungen und geringere Reserveanforderungen, also die Erleichterung der Kreditvergabe. Sogar die amerikanische Notenbank ergriff im Jahre 1929 dieselben Maßnahmen, ohne dauerhaften Erfolg, wie wir heute wissen.

Trotzdem notiert der chinesische Markt über dreißig Prozent unter dem letzten Höchststand. Die Realwirtschaft wächst immer langsamer und die Produzentenpreise fallen, was die hoch verschuldete Wirtschaft zusätzlich unter Druck bringt. Die Gewissheit, dass die Chinesen alles im Griff haben, dürfte nach den letzten Monaten deutlich gesunken sein. Setzt sich der Abschwung fort, ist das nicht nur schlecht für die Exporteure von Rohstoffen wie Australien – der Preis für Eisenerz verlor immerhin 20 Prozent in der letzten Woche –, sondern auch für die Exporteure von Maschinen und Autos. Der Markt für Autos ist schon jetzt im freien Fall.

Bleibt der chinesischen Regierung am Ende nichts anderes übrig, als dem japanischen Vorbild zu folgen und in einer deutlichen Abwertung des Renminbi die Rettung zu suchen, kommt es zum Test der Gewissheiten bei uns: Können die Notenbanken im Westen uns wirklich noch mal heraushauen?

Keine Munition mehr

Nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass die Fed die Zinsen nur erhöht, um sie wieder senken zu können. Nicht zu unrecht. Sollte es heute zu einer neuen Krise an den Finanzmärkten oder einer Rezession kommen, so haben die Notenbanken keine Munition mehr. Natürlich können die Zinsen weiter unter null gedrückt werden, wie es die Schweiz vormacht. Natürlich können die Notenbanken anfangen, alle Arten von Wertpapieren zu kaufen. Nicht nur die Anleihen guter Qualität, sondern auch offiziell „Junk Bonds“ oder Aktien wie es die Bank of Japan schon tut. Die Notenbanken können auch Immobilien kaufen oder Mindestpreise festlegen, zu denen sie alles kaufen würden. Oder sie überweisen uns allen direkt Geld. Das berühmte „Helicopter Money“.

Über alle diese Maßnahmen wird schon diskutiert. Sie zeigen aber vor allem eines: Die Notenbanken sind am Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Fordern die Märkte die Gewissheit ein, werden wir Maßnahmen sehen, die die Glaubwürdigkeit unseres Geldsystems gefährden. Schwindet diese, ist über Nacht auch die Gewissheit in die Allmacht der Notenbanken dahin. Wollen die Notenbanken in einem solchen Szenario ihre Existenz sichern, müssen sie die Märkte enttäuschen. Eine Enttäuschung, die zu massiven Kursverlusten bei allen Vermögenswerten führen muss. Beschreiten die Notenbanken den anderen Weg, vernichten sie den Geldwert.

Investoren stehen vor einem Dilemma. „Never bet against the Fed“? In der Tat: Noch lohnt es sich, auf der Welle der Gewissheit der allmächtigen Notenbanken zu reiten. Aktien und Immobilien sind die Gewinner. Diese Gewissheit auch für die nächste Krise zu Ende gedacht, heißt aber: Durch immer drastischere Maßnahmen droht der Kollaps des bisherigen Geldsystems. Wer glaubt, dass die Notenbanken auf ihrem bisherigen Kurs bleiben, muss also physisches Gold im Portfolio haben. Dank der derzeitigen Marktmanipulation gar günstig zu erwerben.

Ziehen die Notenbanken doch die Notbremse, bleiben nur noch Liquidität und Anleihen von Top-Schuldnern, um den Sturm zu überstehen. Nur eines ist gewiss: Die Tage der vermeintlichen Gewissheiten sind gezählt. Dann könnte die neue Gewissheit jederzeit heißen: „Never bet on the Fed!”

→ WiWo.de: „Setze nie auf die Notenbank“, 30. Juli 2015

1 Antwort
  1. Michael Stöcker says:

    Lieber Herr Stelter,

    Sie schreiben: „Schwindet diese, ist über Nacht auch die Gewissheit in die Allmacht der Notenbanken dahin.“

    Diese Gewissheit ist und war nichts anderes als ein Glaubensbekenntnis, dass so lange funktioniert, solange wir alle an diese Geschichte glauben. Hier noch einmal der Hinweis auf den ausgezeichneten Vortrag von Yuval Noah Harari bei TED: http://www.ted.com/talks/yuval_noah_harari_what_explains_the_rise_of_humans

    Sie schreiben des Weiteren: „Nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass die Fed die Zinsen nur erhöht, um sie wieder senken zu können.“

    Das scheint mir eine plausible Erklärung zu sein, um diese Allmachtsfantasien aufrecht erhalten zu können: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/09/06/allmachtsfantasien-zur-zinssetzungshoheit/

    LG Michael Stöcker

    Antworten

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