„Ruhe bewahren!“

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Folge 5 meiner regelmäßigen Kolumne zum Thema Geldanlage bei WiWo.de:

Turbulente Tage an den Börsen sind was für Spekulanten, nicht für Anleger. Besser das Portfolio langfristig wetterfest machen, als in Kauf- oder Verkaufspanik zu verfallen.

Das griechische Theater hat die Börsen in dieser Woche tüchtig durch­geschüttelt. Erst verlieren die Aktien deutlich, dann geht es rasch wieder nach oben –, nur um am dritten Tag wieder zu fallen. „Phasen erhöhter Volatilität“ nennt das die Finanzwelt. Kein Wunder. Schwanken doch die Börsianer einerseits zwischen der Furcht vor der Ansteckung anderer Länder, weil sich abzeichnet, dass der Euro eben doch nicht unumkehrbar ist. Und andererseits der Sicherheit, die EZB an ihrer Seite zu wissen, die auf jedes Krisensymptom hin den Geldhahn aufdrehen wird.

Gute Zeiten für Spekulanten, schlechte für Anleger. Natürlich kann es sich lohnen, bei übertriebener Panik an den Märkten zuzugreifen. Vorausgesetzt, man macht dies aus strategischer Sicht. Hat man zum Beispiel einen zu geringen Aktienanteil und plant, diesen für das Portfolio dauerhaft aufzustocken, so kann man solche Tage sicher für den Einstieg nutzen.

Ein gutes Beispiel ist der Schweizer Aktienmarkt am 15. Januar 2015. Für viele überraschend, hob die Schweizer Notenbank die Bindung des Franken an den Euro auf. Die Schweizer Börse brach ein. Bluechips wie Novartis, Nestle und Roche verloren zeitweise gegenüber dem Vortag um bis zu 15 Prozent. Ein idealer Zeitpunkt zum Kauf. Wenige Tage später standen die Werte ausnahmslos deutlich höher. Der Markt brauchte einfach einige Zeit, um die Folgen der Wechselkursfreigabe zu bewerten.

Genauso gut könnte man versuchen, Verluste auszuschließen, indem man vor einer Marktkorrektur Aktien verkauft. Mit dem richtigen Timing müsste man also eigentlich den Markt regelmäßig schlagen. So die Theorie.

Die Praxis sieht jedoch ganz anders aus. Empirisch gesehen verkaufen Privatanleger in den fallenden Markt hinein und verpassen dann den Wiedereinstieg. Am schlimmsten wirkt sich dies in Extremsituationen aus. Beispielsweise im Oktober 2008, als der S&P 500 im Zuge der Lehman-Pleite um 16,8 Prozent fiel. Die meisten Investoren verkauften in den fallenden Markt und verpassten die Rally am Monatsende, weshalb sie nach einer Studie des Analyseinstituts Dalbar mit 24,2 Prozent deutlich größere Verluste realisierten.

Ähnlich war es beim Crash im Oktober 1987, während der Asienkrise im November 1997 und der Russlandkrise vom August 1998. Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Märkte länger falsch liegen können, als man selber Geld hat, gegen sie zu wetten. Deshalb bleibt Timing etwas für Spekulanten, nicht für die langfristige Mehrung des Vermögens.

Aus strategischer Perspektive ist es wichtiger, sein Portfolio so auszurichten, dass es gegen starke Ausschläge in die eine oder andere Richtung, an dem einen oder anderen Markt gerüstet ist. Das ist weit weniger spannend als das schnelle Reagieren auf Panik, dafür schläft man besser und erzielt höhere Renditen.

Statistisch gesehen erzielt man auf Dauer die besten Renditen, …

  • wenn die Kosten der Geldanlage gering sind. Ersparnisse bei Depot-, Transaktions- und Verwaltungsgebühren haben mehr Auswirkungen auf die kumulierte Rendite, als der Versuch, Marktbewegungen zur richtigen Zeit abzugreifen. Besonders teuer sind Fonds, für die auf mehreren Ebenen Gebühren anfallen. Ausgabeaufschlag beim Kauf, laufende Managementgebühr und die Kosten der Bank für das Portfolio. Das summiert sich schnell auf drei Prozent der investierten Summe – pro Jahr. Diese in einem Nullzinsumfeld zu verdienen, ist nicht leicht. Wann haben Sie zum letzten Mal die Kosten verglichen?
  • wenn wenig gehandelt wird. Zum einen wegen der beschriebenen Gefahr, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen, zum anderen wegen der Transaktionsgebühren. Im Durchschnitt halten amerikanische Investoren Fonds für 3,4 Jahre. Viel zu kurz, um wirklich eine Outperformance zu realisieren.
  • wenn man sich ein stabiles Portfolio baut. Das Standardportfolio mit einem Anteil Aktien von 60 und Anleihen von 40 Prozent hätte im Zeitraum 1973 bis 2013 einen realen Ertrag von 5,15 Prozent p.a. erbracht mit einem maximalen Verlust von 39,4 Prozent. Hätte man statt US-Aktien einen globalen Aktienindex genommen, wäre der Ertrag leicht höher gewesen (5,54 Prozent) und der maximale Verlust etwas geringer. Damit ist die Performance nicht viel geringer, als wenn man zu 100 Prozent auf den S&P 500 gesetzt hätte. Dieser erbrachte 5,71 Prozent p. a., allerdings bei deutlich höheren Schwankungen. Der maximale Verlust belief sich auf 54 Prozent. Dies in einem Zeitraum, der den Investoren einiges gebracht hat: hohe Inflation, Disinflation, Börsencrashs, mehrere Blasen, letztlich die Finanzkrise.

Mit Blick auf unsere gegenwärtige Situation der Überschuldung und der damit verbundenen erheblichen Risiken für Vermögen gibt es gute Gründe, von der hier analysierten Verteilung abzuweichen. Ich würde heute …

  • regional diversifiziert Qualitätsaktien kaufen;
  • den Schwerpunkt auf Anleihen in Währungen und Regionen legen, wo die Verschuldung relativ zu anderen Regionen niedriger ist;
  • Cash in Fremdwährungen zur Absicherung gegen die natürliche Euro-Lastigkeit  halten: Schweizer Franken, Norwegische Kronen, Singapur Dollar, US-Dollar.
  • Gold als Versicherung in das Portfolio einbauen, allerdings in physischer Form;
  • Immobilien mit Schwerpunkt auf Regionen mit guter demografischer Entwicklung beimischen, dabei allerdings die sichtlich überbewerteten Märkte wie Kanada und Australien meiden.

So aufgestellt kommt ein Depot durch viele Szenarien, deren Eintrittswahrscheinlichkeit wir alle angesichts der neuen Unübersichtlichkeit nicht wirklich kennen: Inflation, Deflation, Euroschwäche, kurzzeitig wieder anziehendes Wachstum. Das einzige Risiko bleibt dann das Finanzamt, sollten die Politiker sich doch entschließen, die Schuldenkrise mit Vermögensbesteuerung zu lösen.

→ WiWo.de: „Ruhe bewahren“, 1. Juli 2015

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