„Mit der Herde in den Abgrund“

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Dieser Kommentar erschien bei WirtschaftsWoche Online:

Auf der Flucht vor Raubtieren ist es eine gute Strategie, in der Herde zu bleiben –, solange diese nicht kollektiv in den Abgrund rennt. Auch als Investor fährt man mit der Herde gut, sofern man rechtzeitig aussteigt. 

In den letzten Wochen hat das mediale Getöse zur unmittelbar bevorstehenden Vermögensvernichtung durch Inflation einen neuen Höhepunkt erreicht. Jährliche Kaufkraftverluste von 1,5 Prozent werden als Desaster dargestellt, dem man sich nur durch eine Flucht in Sachwerte entziehen könne. Kein Medium, welches nicht, mit den immer gleichen und deshalb immer gleich langweiligen Tipps auf Leserfang geht.

Spätestens, nachdem die Bild-Zeitung letzte Woche auf dem Titel Inflationsangst schürte und  Strategien zur Geldrettung vorstellte, müssen alle Alarmglocken klingeln. Gilt doch die Bild-Zeitung als zuverlässiger Indikator für Trendwenden an den Märkten. Ein Klassiker ist der „Geldrausch! Deutsche reden nur noch über Aktien-Tipps“ Titel aus dem Jahr 2000. Wer mehr darüber wissen will, wie Zeitungs-Cover als Kontraindikatoren dienen, dem empfehle ich die Lektüre von „Verkaufen, wenn der Börsenjubel am größten ist“.

Bleibt uns als Investoren nur die goldene Regel: Ruhe bewahren! „Stelter Strategisch“ hat in den letzten beiden Wochen schon erklärt, weshalb „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“ kein vernünftiger Weg ist.

Momentum versus Fundamentals

Im Kern haben wir es mit einem klassischen Anlegerdilemma zu tun: soll man dem Momentum an den Märkten folgen, oder sich an den Fundamentaldaten orientieren? Mit der Herde zu ziehen, ist eine durchaus erfolgversprechende Strategie. Wie in der Tierwelt ergeht es jenen, die die Herde verlassen, selten gut. Wer 1997 den Warnungen Alan Greenspans vor der „irrational exuberance“ folgte und Aktien verkaufte, verpasste einen guten Teil des Börsenbooms, der noch bis ins Frühjahr 2000 weiter ging. Waren Aktien schon 1997 nach jedem Maßstab teuer, so erreichten sie zuvor undenkbare Bewertungsniveaus, bis auch die Bild-Zeitung die Börsen entdeckte. Der Rest ist Geschichte.

Leider geben Fundamentaldaten, also die Bewertung, keine gute Indikation für die künftige Börsenentwicklung. Es kann Jahre dauern, bis sich eine hohe Bewertung normalisiert. Mit Sicherheit kann man nur sagen, dass auf lange Sicht eine hohe Bewertung mit geringeren Erträgen einhergeht. Einen Einbruch an den Börsen kann man mit diesen Kennzahlen nicht vorhersagen.

Das gleiche gilt für vergangene Kursgewinne. So könnte man denken, dass Börsen, die sich in kurzer Zeit verdoppelt haben, eher vor einem Einbruch stehen. Doch dem ist nicht zwingend so. Eine Studie der Yale University hat ergeben, dass von 72 Aktienmärkten, die sich innerhalb eines Jahres verdoppelten, immerhin sechs im folgenden Jahr nochmals 100 Prozent gewannen (da ärgert man sich, wenn man nicht dabei ist). Nur drei sich halbierten und verloren alle Gewinne des Vorjahres. Bei der größeren Stichprobe von 466 Fällen, in denen sich die Börse über einen Zeitraum von drei Jahren verdoppelte, halbierten sich nur 10,4 Prozent in den nachfolgenden fünf Jahren.

Ein Verkauf nach guten Jahren ist keine sichere Strategie. Bei der Herde zu bleiben zahlt sich aus. Außer, es kommt wirklich zu einer Trendwende.

Risiko Sorglosigkeit

Problematisch wird es, sobald die ganze Herde zu sorglos ist. Solange viele Tiere noch selber aufpassen und nach Gefahren Ausschau halten, ist das Risiko gering, in eine Falle zu laufen. Je mehr sich die Tiere jedoch darauf verlassen, dass es schon gut gehen wird, weil es doch immer gut gegangen ist, desto wahrscheinlicher ist ein Unfall.

Die Herde der Investoren ist in den letzten Jahren immer unaufmerksamer geworden. Lebenszyklusmodelle (die in der Altersvorsorge mit zunehmendem Alter des Begünstigten den Aktienanteil senken) treiben immer mehr Geld in vermeintlich risikoarme Anleihen, Indexfonds (versprechen guten Ertrag bei niedrigen Kosten) kaufen das, was schon gut gelaufen ist und Notenbanken tuen immer noch so, als könnten sie die Wirtschaft steuern. Was die Herrscher des Kremls über Jahrzehnte nicht geschafft haben.

Risiken, wohin man blickt

Sichtbares Zeichen für die Sorglosigkeit ist der VIX – der Index der Volatilität. Seit Jahren geht die Volatilität zurück. Deutlicher kann man die Sorglosigkeit nicht ablesen. Leider gilt auch hier, dass man aus einem tiefen VIX nicht einen Crash vorhersagen kann. Er kann noch lange so tief bleiben.

Dabei muss man nicht suchen, um Risiken zu erblicken:

  • Die Folgen der Politik der neuen US-Regierung bleiben höchst unsicher. Protektionismus, Handelskriege, politische Spannungen – jedes für sich bereits ein erhebliches Risiko für Weltwirtschaft und Märkte.
  • Die ungelöste Eurokrise, die sich im Zuge der bevorstehenden Wahlen dramatisch zuspitzen könnte.
  • Der anhaltende Zerfallsprozess der EU, den Historiker mit dem Verfall des Römischen Reiches vergleichen.
  • Ein möglicher weiterer Zinsanstieg, der Wirtschaft und Kapitalmärkte in die Rezession stürzen könnte.
  • Ein Abschwung in China, in Folge der dortigen Schuldenwirtschaft nach westlichem Vorbild.

Eine Liste, die sich beliebig erweitern ließe. Der Index der politischen Unsicherheit steht so hoch wie noch nie. Auch hieraus lässt sich kein unmittelbar bevorstehender Einbruch vorhersagen. Eine Warnung ist er allemal.

Raus aus der Herde

Wenig spricht dafür, dass es noch lange gut geht. Selbst wenn es das tut, sind vom heutigen Niveau aus keine großen Gewinne mehr zu erwarten. Käme es zu einem Trendbruch, dürfte die Herde den Kurs abrupt wechseln. Die Gefahr bei diesem Kurswechsel unter die Hufe zu kommen ist hoch.

Liquidität – gerade auch angesichts der hohen Bewertung fast aller Assets – ist eine recht billige Möglichkeit, sich gegen Turbulenzen an den Finanzmärkten abzusichern. Denn auf heutigem Bewertungsniveau führen bereits kleine Zinssteigerungen zu einem breiten Druck auf die Vermögenspreise, die auch so nur noch magere Renditen versprechen. Der einfachste und effizienteste Weg damit umzugehen, ist die kontinuierliche Re-Balancierung des Portfolios. Die teuren Bestandteile – die schon gut gelaufen sind – reduzieren und jenes, was zurückgeblieben ist, aufstocken. Oder eben die Liquidität erhöhen.

→ WirtschaftsWoche.de: „Mit der Herde in den Abgrund“, 16. Februar 2017

3 Antworten
  1. D.I. says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,
    wichtig in diesem Zusammenhang erscheint mir noch das Bargeld auf mehrere Banken aufzuteilen, sodass bei jeder Bank max. 100.000 Euro, besser nur 50.000 Euro „gelagert“ sind (siehe Zypern). Auch denke ich, man sollte via Fremdwährungskonto neben Euro auch Schweizer Franken, Norwegische Krone und USD besitzen. Ob es hilft, wird man beim Zerfall des Euros sehen, sofern er kommt.

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  2. Peter says:

    „Der einfachste und effizienteste Weg damit umzugehen, ist die kontinuierliche Re-Balancierung des Portfolios. Die teuren Bestandteile – die schon gut gelaufen sind – reduzieren und jenes, was zurückgeblieben ist, aufstocken. Oder eben die Liquidität erhöhen.“
    verstehe ich das für die Praxis richtig: bei Gewinnpositionen die weit im Plus sind (z.B. Microsoft mit Kaufkurs 25,-) Gewinne realisieren und entweder re-investieren oder als Liquiditätsreserve vorhalten?

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  3. Wolfgang Selig says:

    Meines Erachtens in diesem Zusammenhang nicht zu vergessen: 4 Edelmetalle werden als Währung betrachtet („XAG“, „XAU“, „XPD“, „XPT“gemäß ISO-Norm 4217, vor allem natürlich XAU = Gold). Nicht von einer Nationalbank emittiert, nicht auf ein Land beschränkt, mit einem inneren Wert, nicht beliebig per Druckerpresse oder Elektronik vermehrbar und mit einem hohen stock-to-flow-ratio. Auch das ist Liquidität. Wenn natürlich auch konfiszierbar, wenn ein Staat in finanziellen Schwierigkeiten steckt.

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