Lieber trinken

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Seit einigen Monaten schreibe ich eine Kolumne in der Printausgabe des Cicero. Im letzten Monat habe ich mich mit dem Thema „alternative Geldanlagen“ beschäftigt. Wie wichtig das ist, sieht man an Artikeln wie diesem aus dem manager magazin:

→  manager magazin online: „Diese Liebhabereien bringen am meisten Rendite“, 1. März 2017

Darin wird vorgerechnet, wie toll diese Investitionen sind, allerdings ohne zu erwähnen, dass die Erträge auf das Jahr gerechnet gar nicht immer so beeindruckend sind und dass es sehr oft nur Nischen sind. Zudem wird vor Lager- und Transaktionskosten gerechnet.

Wenn man die im Artikel genannten Wertsteigerungen annualisiert, sehen sie übrigens so aus:

Assetklasse Wertzuwachs p.a.
Autos 21,02%
Wein 15,54%
Münzen 12,77%
Schmuck 10,57%
Kunst 10,17%
Briefmarken 9,85%
Farbige Diamanten 8,65%
Uhren 5,79%

 

Doch nun zu meiner Sicht aus dem Cicero:

Angst vor Inflation

Die Inflation steigt, das Überleben des Euro ist keineswegs sicher und die weltweite Verschuldung gerät immer mehr außer Kontrolle. Was liegt näher, als sein Geld vor dem absehbaren Kaufkraftverlust zu schützen? Neben den klassischen Fluchtzielen Immobilien, Gold und Aktien, werden alternative Anlagen zunehmend populär: Oldtimer, Kunst, Uhren, Whiskey und Wein stehen als Anlagegüter hoch im Kurs. So glauben viele, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: tägliche Freude und Vermögenssicherung in unsicheren Zeiten.

Ein Blick auf die Wertentwicklung in den letzten Jahren scheint diese Theorie zu bestätigen. Fast alle Luxusgüter verzeichneten in der Vergangenheit Wertzuwächse. Wer also früh genug in diese Märkte eingestiegen ist, kann sich freuen. Dahinter liegt dieselbe Entwicklung wie an den anderen Finanzmärkten: Billiges Geld der Notenbanken hat die Bewertung von Vermögensgegenständen auf luftige Höhen getrieben. Umgekehrt fallen die Preise wieder, sobald die Zinsen anziehen. Vor allem bei jenen Dingen, die keinen Ertrag bringen. Dazu gehören Kunst und Co. allemal.

Kunst ein schlechtes Geschäft

Auch so geben die Schlagzeilen ein falsches Bild. Als Picassos “Les Femmes d’Alger” für 179,4 Millionen US-Dollar versteigert wurde, sprachen alle über den Wertzuwachs von 100 Millionen seit dem Kauf 1997. Dabei entspricht dieser über den Zeitraum von 18 Jahren nur einer jährlichen Rendite von nicht mal fünf Prozent vor Kosten wie Versicherung. Der Kunstmarkt gesamthaft legte mit sieben Prozent pro Jahr zwischen 2003 und 2013 weniger zu als die Aktienmärkte. Dabei werden nur die Kunstwerke eingerechnet, die wieder einen Käufer gefunden haben. Was bei den Auktionen stehen blieb, wird einfach ausgeklammert. So muss man als Käufer auf das richtige Pferd setzen und zudem auch noch die happigen Gebühren der Auktionshäuser mitverdienen. Gute Investitionen sehen anders aus.

Dasselbe lässt sich von den anderen Märkten sagen. Autos (es müssen schon seltene Ferrari und Porsche sein), Wein (Bordeaux aus den besten Lagen, der in China populär ist), Uhren (seltene Komplikationen oder Sondereditionen, die auch den heutigen Geschmack treffen) und Antiquitäten (unterliegen stark dem Zeitgeist) mögen zeitweise gute Renditen bringen, in Summe bleiben sie – gerade nach Kosten – ein schlechtes Investment. Nur ein Beispiel: Eine Anfang der 90er für 15.000 DM erworbene Barockkommode bringt heute 2200 Euro, wenn es sich nicht um ein ganz besonderes Spitzenstück eines gesuchten Künstlers handelt.

Geld wird knapp

Befürworter der alternativen Anlagen malen gerne das Schreckgespenst einer Hyperinflation an die Wand. In diesem Falle – so die Auguren – würde man mit alternativen Anlagen sicherlich sein Vermögen retten. Doch auch dies ist nicht zu Ende gedacht. Kommt es nämlich tatsächlich zu so einer Entwicklung, ginge es danach um einen Neustart. Doch bei diesem Neustart wird vor allem eines knapp sein: Geld. Dann wird die Nachfrage nach Kunst, Uhren und Wein gering sein. Wichtiger sind dann Vermögenswerte, die ein beleihungsfähiges Eigenkapital darstellen, zum Beispiel, um eine Firma zu finanzieren oder um günstig Vermögenswerte von denen zu kaufen, die sie verkaufen müssen.

Über mehrere Generationen gedacht, mögen Kunst und Co. zwar Vermögen erhalten. Für Enkel und Urenkel also eine gute Idee, nicht jedoch für einen selbst. Was mich betrifft, so konzentriere ich meine alternativen Anlagen auf guten Wein. Nicht, weil ich damit erwarte, Geld zu verdienen, sondern weil ich ihn gerne trinke.

 

 

 

7 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter, vielen Dank für Ihre Übersicht. Hier möchte ich Ihre Meinung uneingeschränkt unterstützen. Ich denke auch, dass den Befürwortern dieser „alternativen“ Anlagen das historische Bewusstsein fehlt. Wann konnten denn wirklich günstige Preise für Skulpturen, Gemälde, Uhren, usw. historisch erzielt werden? In währungstechnisch schwierigen Zeiten, z.B. 1946 oder 1923. Im Zweifel tauschte man damals gerne eine antike Uhr gegen 5 kg Mehl und 50 kg Kartoffeln. Etliche Bauern kamen in dieser Zeit zu schönen und für sie sonst nicht bezahlbaren Dingen wie z.B. exotischen Teppichen. Zu diesem Thema gibt es einen wunderbaren alten Spruch, dessen Kürze ich nicht verbessern kann: „Der Optimist kauft Gold und Silber, der Pessimist Konservendosen“. Die kann man im Zweifel im Gegensatz zu Kunstgegenständen selbst verbrauchen und zur Not tauschen. Ich glaube nur nicht, dass es bei uns so weit kommen wird. Denn auch ein evtl. verlorener Target-Saldo von 800 Mrd. € ist noch vergleichsweise harmlos gegen einen verlorenen Weltkrieg. Denn da ist nicht nur ein Drittel des BIP kaputt, sondern mehrere ganze BIPs in Form zerstörter Gebäude, Anlagen und Unterlagen, von menschlichen Verlusten und Opfern gar nicht zu reden, deren Leid nicht quantifizierbar ist.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Ja, das stimmt. Interessanterweise hat Piketty in seinen Daten durch Kriege übrigens für Deutschland nicht so eine große Vermögensvernichtung wie durch Hyperinflation und Währungsreform. Irgendwo in seinem Buch, welches ich bekanntlich gelesen und kommentiert (aber nicht auswendig gelernt) habe, steht das. Ich denke der direkte Schaden war nach seinen Daten auch nur einmal BIP – aber wie gesagt, meine Erinnerung. LG DSt

      Antworten
      • Wolfgang Selig says:

        Ich bin mir nicht sicher, ob auf die Daten Verlass ist, ich habe es bei Piketty jetzt auf die schnelle nicht gefunden. Wenn ich rechne, wie lange alleine der Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg in der BRD gedauert hat und welcher Anteil des BIP da jeweils hineingeflossen ist, kommt mir ein ganzes BIP wenig vor. Die entscheidende Frage dürfte m.E. sein, wie verlorene Gebiete wie z.B. Schlesien oder das Sudetenland statistisch gewertet werden. Wenn man sie volkswirtschaftlich einfach nur auf eine neue Nation „umschreibt“, klingt Piketty plausibel, denn die meisten Gebäude waren ja dort nicht zerstört und wurden von Tschechen, Polen u.a. anschließend genutzt. Wenn man unterstellt, dass ganze deutsche Landmannschaften von vorne anfangen mussten und man die verlorenen Gebiete für das BIP als Totalverlust bewertet, weil sie ja nicht mehr „Inland“ sind, ist ein BIP nach meiner groben Schätzung wohl nicht ausreichend gewesen. Ich bin aber für eine Quantifizierung nicht wirklich kompetent.

      • A. Middendorf says:

        Das ist ein interessantes Thema. Ich möchte aus der Erinnerung ebenfalls zwei Punkte anbringen.

        Erstens: Der städtische Wohnraum war 1945 zu einem Drittel zerstört (überwiegend West- und Mittel-Deutschland). Dazu kam der Verlust von geschätzt 15% des deutschen Wohnraums durch den Wegfall der Ostens. Macht ca. -1/3 Immobilienvermögen, wenn man den überwiegend unzerstörten ländlichen Wohnraum und die Ostgebiete gegenrechnet.

        Zweitens: Der deutsche Kapitalstock ist während des Krieges trotz Bomben massiv gewachsen. Ich meine bei Rolf Wagenführ hierzu mal unglaublich hohe zweistellige Wachstumszahlen gesehen zu haben. Dem entspringt übrigens auch eine interessante Theorie zum rasanten Wiederaufbau und Wirtschaftswunder: Der Maschinenpark musste nur mit vergleichsweise geringem Aufwand von Kriegs- auf Zivilgüter umgestellt werden.

        Das alles passt zur Schätzung von Piketty.

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