„Langfristiger Wohlstand? Nicht in Deutschland!“

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In der aktuellen Ausgabe der WirtschaftsWoche beschreibt Rolf Langhammer, Wissenschaftler am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, die Folgen der Zuwanderung auf die deutsche Wirtschaft. „Der Zustrom von Flüchtlingen krempelt unsere Wirtschaft um“, lauten Titel und Fazit des Beitrags. Im Kern stellt Langhammer darin fest, dass wir vor einem Strukturwandel stehen, in dem der „hoch kompetitive Gütersektor“ zugunsten des „weniger kompetitiven Dienstleistungssektors“ verliert. Die klare Folge des Zustroms ungelernter Arbeitskräfte mit fehlenden Sprachkenntnissen. Die deutsche Wirtschaft wird an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verlieren und „wettbewerbsbedingt“ Standorte ins Ausland verlagern. Damit nicht genug: Hält der Staat am Ziel der schwarzen Null fest, müsse mehr von den Alt- zu den Neubewohnern umverteilt werden. Tut er es nicht, hinterlässt er der nächsten Generation noch höhere Lasten.

Dies alles darf nicht verwundern. Ist doch die Aufnahme von Flüchtlingen zuvörderst eine humanitäre Aufgabe, die es mit sich bringt, den eigenen Wohlstand mit anderen zu teilen. Deshalb können wir uns davon auch keinen Nutzen versprechen – und er sollte uns von der Politik nicht suggeriert werden.

Die interessante Frage lautet: Was bedeutet das aus Sicht des Kapitalanlegers? Wie hier schon vor einigen Wochen dargelegt, bieten sich natürlich auch in einer solchen Situation viele Gelegenheiten zum Geldverdienen. Profitieren doch Immobilienbesitzer, Sprachschulen, Sicherheitsdienste und Baufirmen. Die geplante steuerliche Förderung von Neubauten dürfte auch für Einige ein lohnendes Geschäft werden. Aus volkswirtschaftlicher Sicht verstärkt diese Subventionierung jedoch die oben angesprochenen Verschiebungen in der Wirtschaftsstruktur.

Diese Strukturverschiebung hat erhebliche langfristige Auswirkungen auf unseren Wohlstand. Das Wachstum einer Wirtschaft hängt im Kern von zwei Faktoren ab: dem Wachstum der Erwerbsbevölkerung und der Produktivität pro Kopf. Je mehr Menschen arbeiten und je produktiver diese sind, desto höher ist das Wachstum einer Wirtschaft. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten 200 Jahre war geprägt von einem dynamischen Bevölkerungswachstum und deutlichen Produktivitätszuwächsen. Beides katapultierte uns aus der Agrar- in die moderne Industriegesellschaft.

Kommt einer oder kommen beide dieser Wachstumstreiber ins Stocken, droht Ungemach. Schön zu beobachten in Japan, wo deutliche Zuwächse der Produktivität pro Kopf den Rückgang der Erwerbsbevölkerung nicht kompensieren können. Die Wirtschaft stagniert seit Jahren und macht die Bedienung der Schuldenlast unmöglich.

In Deutschland können wir absehen, dass die Entwicklung noch schlechter sein wird. So wird trotz der Zuwanderung die Erwerbsbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen. Die Produktivität und damit das BIP pro Kopf wird ebenfalls sinken. Dies alleine bedingt durch den vom IfW prognostizierten Strukturwandel, weg von hoch qualifizierten Industriejobs hin zu niedrig bezahlten Jobs in Bau und Dienstleistungen. Schon heute liegt das durchschnittliche Einkommen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund deutlich unter dem Durchschnitt. Dieser Trend setzt sich fort.

Natürlich gäbe es Möglichkeiten, die Produktivität pro Kopf zu steigern. Naheliegend sind Investitionen in Bildung, Innovation und Infrastruktur. Diese werden nicht im erforderlichen Maße getätigt, da unsere Regierenden lieber soziale Wohltaten verteilen, als in die Zukunft zu investieren. Selbst wenn es zu einer Steigerung der Ausgaben käme, so ist Geld alleine nicht ausreichend, um die eklatanten Unterschiede in der schulischen Leistung von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund zu überwinden. Das soziale Umfeld, die Bildungsnähe und die kulturellen Unterschiede lassen sich – wenn überhaupt – nur langsam ändern.

Deutschland ist wahrlich nicht das einzige Land, welches vor einem Rückgang der Erwerbsbevölkerung und einer verschlechterten Produktivitätsentwicklung steht. Die gesamte westliche Welt steht vor ähnlichen Herausforderungen. Einigen Ländern wie den USA, Singapur und der Schweiz gelingt es in diesem Umfeld, weiterhin qualifizierte Menschen aus aller Welt anzuziehen, die das BIP pro Kopf in den Zielländern weiter steigern. Nur so ist erklärlich, wie die USA trotz miserabler Leistungen bei der Bildung der eigenen Bevölkerung (481 PISA-Punkte in Mathematik versus 613 in Schanghai und 514 bei uns) die neuen Industrien derart dominieren. Die Gründerszene in Kalifornien wird von zugewanderten Talenten getragen.

Damit droht Deutschland nicht nur die Strukturverschiebung zulasten der produktiven Industrien, sondern zugleich ein zunehmend schwieriger Kampf um die Talente der Zukunft. Andere Länder bieten mehr wirtschaftliche Freiheit und geringere Abgabenlasten. Bei aller Zuwanderungseuphorie wird nämlich zu gerne vergessen, dass wir auch seit Jahren eine Abwanderung haben. Meist sind es die besser Gebildeten, die im Ausland ihre Zukunft sehen. Angesichts der absehbar spürbar steigenden Abgabenlast – wie sonst soll eine kleinere Erwerbsbevölkerung mit sinkender Produktivität die Kosten einer alternden Gesellschaft und der Zuwanderung bewältigen? – wird der Reiz zur Auswanderung in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen. Mit der zwangsläufigen Folge, dass das BIP pro Kopf weiter sinkt.

Damit sinkt der Anteil Deutschlands am weltweiten Wohlstand relativ und pro Kopf in den kommenden Jahrzehnten. Dies muss bei der Kapitalanlage berücksichtigt werden. Im Jahr 1899 hatte Großbritannien einen Anteil von 25 Prozent an der weltweiten Börsenkapitalisierung, Deutschland einen von 13 Prozent und die USA einen Anteil von 15. Ende 2015 lag der Anteil Großbritanniens noch bei 6,9 Prozent, der von Deutschland bei 3,1 Prozent und der der USA bei immerhin 52,3 Prozent. Entsprechend lag die reale Rendite von US-Aktien bei über sechs Prozent in diesem Zeitraum, der von Aktien aus Großbritannien bei etwas über fünf und der von deutschen Aktien bei weniger als zwei Prozent. Natürlich hängt die deutsche Underperformance auch mit zwei verlorenen Kriegen zusammen. Doch letztlich ist es aus Sicht der Kapitalanleger egal, aus welchen Gründen der Wohlstand sinkt. Man ist am besten woanders investiert.

→ WiWo.de: „Langfristiger Wohlstand? Nicht in Deutschland!“, 7. April 2016

6 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    Ich würde liebend gern widersprechen.

    Es gibt jedoch nichts zu widersprechen.

    Im Gegenteil – es ist noch viel schlimmer als hier dargestellt:

    Durch Regulierungswut und Umverteilungsmanie unseres Sozialstaats verfestigen wir ein ANSPRUCHSDENKEN, das die durch demografische Entwicklung bedingten Verteilungskonflikte noch einmal verstärkt.

    Kurzum, das Szenario der Zukunftsentwicklung Deutschlands hat den Charakter eines diabolischen Designs, das so geschickt angelegt ist, dass wir uns als auf der Insel der Glückseligen lebend begreifen können.

    Wir, die Weltmeister und Beinaheweltmeister in fast allem verstehen unser Schicksal nicht.

    Bisher jedenfalls nicht.

    Gut möglich, dass uns andere mit einem Donnergrollen aus den Träumen holen.

    Antworten
  2. SMS says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    Mich würde in diesem Zusammenhang interessieren, wie Sie die wirtschaftliche Zukunft Österreichs einschätzen.
    Schafft es das Land wie die Schweiz ihre Industrie zu halten und qualifizierte Arbeitskräfte anzulocken oder folgt man hier eher dem Modell Deutschland mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung und unqualifizierter Massenimmigration?

    Schöne Grüße
    SMS

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber SMS,

      ich bin kein Experte für das wunderschöne Österreich. Mit einem Blick auf Staatsschulden, Sozialdemokratisierung, EU-Mitgliedschaft und Euro würde ich jedoch eher Deutschland als Schweiz sagen – außer es kommt zu einem drastischen Politikwechsel. Was kein Plädoyer für eine bestimmte Partei ist, weil ich nicht weiß, wofür z. B. die FPÖ wirklich steht.

      LG, DSt

      Antworten

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