„Konjunkturpropheten haben keine Ahnung“

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Was der Volksmund immer schon ahnte, hat jetzt eine Studie bestätigt: Volkswirte haben keine Ahnung. Lassen wir der Sache halber mal außer Acht, dass die beiden Autoren Kevin Lansing und Benjamin Pyle selbst zur volkswirtschaftlichen Abteilung der Niederlassung der US-Notenbank Fed in San Francisco gehören, zeigt ihre schon im Februar erschienene Studie Persistent Overoptimism about Economic Growth folgenden Befund: Weder die Volkswirte von öffentlichen noch von privaten Institutionen sagen Wachstum, Inflation und Arbeitslosigkeit korrekt vorher. Damit ist natürlich auch ihr Versagen im Vorhersagen von Rezessionen vorprogrammiert. Mit dementsprechender Vorsicht sollten wir auch die überwiegend optimistischen Stimmen einschätzen, die wir derzeit in Deutschland und in der Welt hören. Chefvolkswirte von Banken und Versicherungen, die Wirtschaftsforschungsinstitute, einfach alle sagen uns, dass die Welt vor solidem Wachstum steht, die USA eine starke Erholung vorweisen und wir in Deutschland ohnehin vor dem Boom des Jahrhunderts stehen – dank ungebremster Exporte, steigender Binnennachfrage und den Kosten der Migration. Die Ausgaben für Flüchtlinge alleine sollen uns im nächsten Jahr rund 0,3 Prozent mehr BIP bringen. Was für mich zunächst einmal nur bestätigt, wie fragwürdig unsere Wohlstandsmessung heute ist. Schließlich stellen die Anschaffung von Zelten und der Umbau von Wohnraum sowie die Verpflegung der Menschen letztlich Konsum dar, und das Geld fehlt an anderer Stelle. Richtig wären hingegen massive Investitionen, um eine erfolgreiche Integration sicherzustellen. Doch danach sieht es leider nicht aus.

Zurück zu den Prognosefähigkeiten. Natürlich kann man einwenden, dass die Volkswirte mit Absicht zu optimistisch sind, um keine Rezession herbeizureden. Damit wären die Aussagen aber generell nicht zu gebrauchen. Wahrscheinlicher ist, dass sie vor allem die Adressaten im Blick haben. Mit guten Nachrichten lassen sich, wenn wir von den Volkswirten der Banken und Fondsgesellschaften reden, mehr Aktien und Wertpapiere verkaufen. Vor allem, wenn die Bank noch auf einem hohen Bestand sitzt, den man nur zu gerne in die Depots der Kunden verlagern möchte.

Umso beeindruckender sind dann die Ausnahmen, so in der letzten Woche der Chefvolkswirt der Citi, Willem Buiter. Dieser provoziert schon seit Langem mit seinen Aussagen. Der Euro wäre nach seiner Prognose schon längst Geschichte, und für Gold diagnostizierte er im Frühjahr die „größte Blase aller Zeiten“, die nun immerhin schon 6000 Jahre anhielte. Den intrinsischen Wert von Gold bezifferte er auf null – wie den von Papiergeld, welches bekanntlich nur einen Wert aufweist, weil wir ihm einen zubilligen. Fällt unser Vertrauen in Geld, ist der Wert über Nacht bei null. Wie wenig ich von Buiters Einschätzung zu Gold halte, habe ich hier vor einigen Wochen mehr als klar gemacht.

Buiter gehört auch zu den glühenden Befürwortern eines Bargeldverbots, basierend auf einer messerscharfen Analyse: Die Welt ist überschuldet und nur durch eine Enteignung der Gläubiger kommen wir da – vielleicht – wieder raus. Zwar teile ich die Analyse, doch halte ich von Enteignung und Bargeldverbot herzlich wenig. Beides dürfte nur jene treffen, deren Vermögen zu klein ist, um es international zu diversifizieren.

Von dem damit in Umrissen skizzierten Ansichten Willem Buiters kam nun mit Blick auf die Weltkonjunktur letzte Woche eine deutliche Warnung: Der chinesische Schuldenboom und die Blasen bei Aktien und Immobilien ergeben für Buiter das klassische Rezept für Rezessionen. Laut Citi droht der Weltwirtschaft mit 55 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Rezession, die bis 2017 anhält. Dabei wirkt der Rückgang des chinesischen Wachstums auf rund vier Prozent über verschiedene Wege negativ auf die Weltwirtschaft. Die Importe des Landes sinken, was Rohstoff- und Autoexporteure gleichermaßen trifft. Brasilien, Südafrika und Russland stecken bereits in der Krise. Andere Schwellenländer werden ebenfalls getroffen und leiden gleichzeitig unter Kapitalflucht und Verknappung der globalen Liquidität wie an dieser Stelle letzte Woche diskutiert.

China wird zwar seine Währung (vorerst) nicht aktiv schwächen, aber bereits so exportiert das Land Deflation in die Welt, was wiederum auf eine schwache Eurozone und einen anfälligen Aufschwung in den USA trifft. Den Notenbanken bleibe da nur wenig Munition, so Buiter; besonders weil einige „Politiker sehr skeptisch mit Blick auf weitere geldpolitische Maßnahmen sind“. Damit dürfte er vor allem Deutschland meinen. Auch hier bleibt Buiter sich selbst treu. Schon lange fordert er Helikopter-Geld und direkte Staatsfinanzierung, um die Krise zu überwinden. Er fordert also die Lösung mit Inflationierung.

Die Argumentation von Buiter hat was. Aber auch die Optimisten haben gute Argumente auf ihrer Seite: Billiges Geld, günstiges Öl und ein schwacher Euro haben zu einer Belebung in der Eurozone geführt. Die aufgestaute Nachfrage nach sieben Jahren Krise tut ein Übriges. Die Zuwanderung führt in der Tat zu mehr Binnenkonsum. Die US-Wirtschaft steht besser da, und auch China hat noch genügend Munition.

Ich selber kann nicht sagen, auf welche Seite ich mich schlagen würde – siehe die kürzlich belegte Annahme, dass Volkswirte immer falsch liegen. Allerdings weiß ich, dass im besten Fall, also der Fortsetzung der Erholung, zusätzlich befeuert durch mehr Gelddrucken der Notenbanken, die Aktienmärkte vielleicht noch um zehn bis 15 Prozent zulegen können. Denn billig sind Aktien immer noch nicht. Im schlechtesten Fall liegt ein schmerzhafter Einbruch vor uns, der, durchaus ähnlich wie 2008, die Weltfinanzmärkte erschüttert. Die Risiken überwiegen eindeutig die Chancen. Zeit, das Risiko im Portfolio abzubauen. Und wer Angst hat, die große Jahresendrallye zu verpassen, kann ja „Out of the money“-Calls kaufen. Dann weiß er wenigstens, wie groß der Verlust ist, kommt sie nicht.

→ WiWo.de: „Konjunkturpropheten haben keine Ahnung“, 17. September 2015“

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