Keine Sorge: Die Geldflut kommt sicher

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Die erste Reaktion auf den Entscheid der EZB, das Gaspedal nur ein bisschen weiter durchzudrücken, war Enttäuschung an den Finanzmärkten. Der DAX verliert, der Euro gewinnt.

Na und, kann man da aus dem Blickwinkel der Realwirtschaft nur sagen. Denn für die Realwirtschaft der Eurozone war der heutige Entscheid so wichtig wie der sprichwörtliche Sack Reis, der irgendwo in China umfällt. Geld ist schon heute unschlagbar billig zu haben, doch wollen es die einen nicht haben, weil sie die wirtschaftlichen Aussichten zu schlecht einschätzen, und können es die anderen nicht nehmen, weil sie schon zu viele Schulden haben. Denn die EZB kann nur sehr indirekt die Kreditvergabe in Europa beeinflussen. Ohne Banken, die Kredite geben wollen und können und ohne potenzielle Schuldner, die noch Verschuldungskapazität und – Bereitschaft haben, ist es nicht möglich, die Kreditvergabe und damit die Realwirtschaft anzukurbeln.

Ungelöste Probleme

Das liegt daran, dass die Probleme der Eurozone auch nach sechs Jahren Krise ungelöst sind. Da wären:

  • Banken, die immer noch auf einem großen Berg fauler Schulden sitzen, immer noch zu wenig Eigenkapital haben und unter geringer Profitabilität leiden.
  • Unternehmen, die gerade in den Krisenländern unter hohen Schulden leiden und angesichts der unsicheren Wirtschaftsaussichten nicht investieren wollen.
  • Private Haushalte, die begonnen haben, die Schulden abzubauen, dennoch in den Krisenländern immer noch weiter Schulden abbauen müssen, während sie mit rückläufigen Löhnen – Stichwort interne Abwertung – und Arbeitslosigkeit leiden.
  • Staaten, die zwar viel von Sparen reden, es aber nicht tun. Nirgendwo ist die Verschuldung relativ zum BIP rückläufig.
  • Die Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer hat sich nur geringfügig verbessert. Lohnstückkosten und Innovationsfähigkeit sind immer noch nicht auf einem international wettbewerbsfähigen Niveau. Selbst der vermeintliche Musterschüler Spanien profitiert eher von einer anziehenden Konsumkonjunktur und anhaltend hohen Staatsdefiziten als von einer wirklichen Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit.

Diese schwache Eurozone trifft auf eine Weltkonjunktur, die zumindest schwächelt. Ausgehend von China geht die wirtschaftliche Dynamik zurück. Die Rohstoffexporteure in Australien, Brasilien, Chile bis nach Südafrika bekommen das schon heftig zu spüren. Dies verstärkt, wie an dieser Stelle mehrfach diskutiert, den deflationären Druck in der Weltwirtschaft, was wiederum schlechte Nachrichten für die Schuldner sind. Deflation macht es noch unmöglicher, die Schulden zu bedienen.

Weltliquidität schrumpft

Dabei haben wir es zugleich mit einer Trendwende zu tun. Seit Anfang des Jahrhunderts haben die Notenbanken der Welt nach einer Studie der Deutschen Bank zehn Billionen US-Dollar in die Märkte gepumpt. Neben den Notenbanken des Westens, allen voran die US-Fed, waren es die Schwellen­­länder und die Öl exportierenden Länder, die ihre Überschüsse verlässlich an den Kapitalmärkten des Westens investiert haben.

Diese Geldströme könnten allmählich versiegen. China wird seine Wirtschaft stabilisieren, dazu aber Währungsreserven abbauen. Vom Gipfel, der im ersten Quartal 2014 bei Währungsreserven von vier Billionen Dollar lag, sind bislang bereits 300 Milliarden Dollar abgeschmolzen. Weitere 510 Milliarden Dollar, so schätzen die Analysten von Barclays, wird die People´s Bank of China bis Jahresende auf den Markt bringen. Ölexporteure wie Saudi Arabien knabbern ihre Ersparnisse an, um die laufenden Ausgaben zu finanzieren. Schwellenländer wie die Türkei leiden unter hohen Auslandsschulden und einer beginnenden Kapitalflucht und Rohstoffexporteure durchlaufen eine schwere Rezession.

Die Deutsche Bank nennt die vor uns stehende Zeitenwende „Quantitative Tightening“. Das wären schlechte Nachrichten für die Schuldner der Welt und für die Finanzmärkte, die mit dem Schmiermittel des billigen Geldes eine Party gefeiert haben, wie seit 1999 nicht mehr. Nur im Jahr 2000 waren US-Aktien teurer als heute in den letzten 100 Jahren. Das sollte zu denken geben.

Munition für den nächsten Abschwung

Kein Wunder, dass die Finanzmärkte so darauf gesetzt haben, dass die EZB einspringt und den Geldhahn so richtig aufdreht. Kein Wunder auch, dass die Märkte so enttäuscht reagieren. Droht doch das Szenario des „Quantitative Tightenings“ damit immer wahrscheinlicher zu werden.

Keine Sorge! So kommt es sicherlich nicht. Vielmehr sieht es so aus, als ob die EZB der Fed helfen möchte, eine Zinserhöhung zu beschließen. Auf den ersten Blick wirkt auch das wie eine Verknappung der Liquidität, ich denke aber, es geht um was anderes. Die Fed wird nur deshalb in einen sich abzeichnenden Abschwung hinein die Zinsen erhöhen, damit sie sie wieder senken kann.

Bekanntlich war die Geld- und Fiskalpolitik am Ende eines mehrjährigen Wirtschaftsaufschwungs noch nie so expansiv wie heute. Kommt es zu einer neuen Rezession – und Anzeichen gibt es genug – ist das Munitionslager leer. Es bleiben dann nur noch die bis jetzt noch nicht breit akzeptierten Instrumente der Geldpolitik: die direkte Staatsfinanzierung und das Helikopter-Geld. Da diese der politischen Vorbereitung bedürfen – man denke nur an den Widerstand in Deutschland bei diesen Themen – brauchen die Notenbanken wieder etwas konventionelle Munition. Nur darum geht es bei dem anstehenden Mini-Entscheid zu den Zinsen in den USA. Kann man erst mal die Zinsen senken, gewinnt man Zeit, um die nötige Überzeugungsarbeit zu leisten. Ich bleibe übrigens bei meiner hier schon vor Jahren erhobenen Forderung, dann wenigstens uns Bürgern das Geld direkt zu geben und nicht Banken und Staaten.

 Ausrede für die Finanzmärkte

All das wissen die Akteure an den Finanzmärkten natürlich auch. So kam der heutige Entscheid als willkommener Anlass, an einigen Stellen Risiken herauszunehmen. Schon vorher war deutlich, dass die Märkte zu weit gelaufen waren. Die völlig überzogene Reaktion auf die kleine Prognosekorrektur bei Linde in dieser Woche war so ein Indikator. Schon letzte Woche gab es nur noch wenige Euro-Optimisten. Fast alle erwarteten rasch die Parität zum Dollar. Doch immer, wenn alle das Gleiche denken, kommt es nicht. So war die heutige Reaktion auch einfach technisch bedingt. Wird der Euro unter einen US-Dollar fallen? Natürlich, aber nicht auf direktem Wege.

Keine Panik also. Die Notenbanken bereiten sich auf die nächste Runde im Kampf gegen die unweigerlichen Folgen von Überschuldung, Überkapazitäten und Fehlinvestitionen vor. Lösen können sie diese Probleme zwar nicht, nur Zeit kaufen. Doch aus Sicht der Politik ist das die beste Lösung und die Finanzmärkte wird es freuen.

Dumm für uns alle nur, dass so die wirtschaftliche Eiszeit länger andauert und der Schaden der unumgänglichen Bereinigung umso größer wird.

manager magazin online: Was Fed und EZB wirklich vorhaben, 3. Dezember 2015

2 Antworten
  1. CHica says:

    Glaube eher, hier spielen geopolitische Motive die entscheidende Rolle. Starke, unabhängige Länder und damit potentielle Rivalen sind unerwünscht. Hier geht es darum durch finanziellen Druckaufbau insbesondere die BRICS aber auch andere aufstrebende Länder nachhaltig zu schwächen und möglichst auch noch politisch zu destabilisieren. Brasilien ist nach Argentinien bereits auf dem besten Weg wieder zum politischen Hinterhof der USA zu werden und viele rohstoffabhängige, teils in USD hochverschuldete Länder stehen auch kurz vor dem Kollaps. Die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen werden dem geopolitischen Dominanzstreben untergeordnet. Die Machtelite weiß, wirtschaflich ist die USA eh nicht mehr zu retten. Daher muß der Rest der Welt auch ins Chaos gestürzt werden.

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