„Jetzt starten die Helikopter … Dann doch besser 10.000 Euro für jeden, sofort!“

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Dieser Beitrag erschien bei wallstreet:online:

EZB-Chef Mario Draghi hat sein Versprechen wieder erneuert, die Politik der niedrigen Zinsen und des Aufkaufens von Anleihen so lange fortzusetzen, bis die Inflation sich in die gewünschte Richtung entwickle. Vielleicht gelingt es Politik und Notenbanken ja, das Unvermeidliche nochmals zu verschieben. Verhindern können sie es schon lange nicht mehr. Angesichts der bisherigen Ergebnisse sollten vielmehr Zweifel aufkommen: Ist nicht vielleicht die Medizin die falsche? Aber wie für jeden mit einem Hammer, alles ein Nagel ist, ist für die Geldpolitiker alles eine Frage von noch mehr Geld.

Wir befinden uns in einer Art „Endspiel“: Der Kampf jedes gegen jeden hat begonnen, und die Helikopter kommen zum Einsatz. Doch zuerst der Reihe nach: Die Schulden der Welt wachsen seit Jahrzehnten viel schneller als die Wirtschaftsleistung. Die Dimensionen sind gewaltig, wie die Unternehmensberatung McKinsey im Frühjahr 2015 vorrechnete. Demnach sind die Schulden von Staaten (9,3 Prozent p. a.), privaten Haushalten (2,8 Prozent p. a.) und Nicht-Finanzunternehmen (5,9 Prozent p. a.) seit 2007 weltweit weiterhin drastisch und immer noch schneller als die Wirtschaft gewachsen. Dabei haben Unternehmen ungefähr im selben Maße neue Schulden wie im Zeitraum von 2000 bis 2007 gemacht, private Haushalte deutlich weniger (vor der Krise waren es 8,5 Prozent pro Jahr) und die Regierungen deutlich mehr (bis 2007 „nur“ 5,8 Prozent pro Jahr). Letztere haben damit die geringere Neuverschuldung der privaten Haushalte und die damit wegfallende Zusatznachfrage durch eigene Schulden kompensiert. Das geht auf Dauer nicht gut.

Das Gleiche gilt übrigens für die Länder der Eurozone. In keinem Land liegt die Gesamtverschuldung unter dem Niveau von 2008. Bei einigen Ländern hat sich die Struktur der Verschuldung geändert, so zum Beispiel in Spanien, wo geringeren Schulden der privaten Haushalte deutlich höhere Schulden des Staates entgegenstehen. Wir haben also – allen beschönigenden Aussagen der Politik zum Trotz – weiter gemacht wie zuvor. Von Sparen kann keine Rede sein.

Neue Schulden hatten eine immer geringere Wirkung auf das Wachstum. Bewirkte ein US-Dollar neue Schulden in den 1960er-Jahren noch rund 80 Cent mehr BIP, so sank der Wert auf 30 Cent in den 1990er-Jahren und auf rund zehn Cent seit dem Jahr 2000.

China hat die Entwicklung von uns in viel kürzerer Zeit nachvollzogen. Alleine in den letzten sieben Jahren hat sich dort die Verschuldung auf 28 Billionen US-Dollar versiebenfacht. Mindestens 6,8 Billionen dürften dabei in den Sand gesetzt worden sein, für leere Städte und nicht benötigte Kapazitäten. Auch hier ist der Grenznutzen neuer Schulden drastisch gefallen.

Hier liegt die entscheidende Ursache für den zunehmenden deflationären Druck und das immer geringere Wachstum der hoch verschuldeten Länder und der Weltwirtschaft insgesamt. Der größte Teil der neuen Schulden dient nur noch dazu, die Zinsen auf den alten Schulden zu bedienen, aber nicht mehr um Nachfrage zu generieren. Die vorhandenen Überkapazitäten führen zu fallenden Preisen, weil Schuldner Liquidität um jeden Preis beschaffen und Vollkosten dabei keine Rolle spielen.

Die Notenbanken, die erhebliche Mitschuld an der Krise tragen, weil sie immer wieder das Geld noch billiger gemacht haben, sobald eine kleine Rezession oder fallende Aktienmärkte drohten, haben in den letzten Jahren mit aller Kraft gegen diese deflationäre Welle angekämpft. Die Notenbankbilanzen haben sich vervielfacht, ohne jedoch die Realwirtschaft nachhaltig zu beleben. Noch nie standen wir nach rund sieben Jahren Aufschwung so schlecht da wie heute. Das Zinsniveau ist schon bei null, die Staatsfinanzen keineswegs ausgeglichen – wenn man von Deutschland absieht, wobei auch dies keine Sparleistung ist, sondern nur die Folge der tiefen Zinsen.

Damit geben die Notenbanken vor, die Lehren aus der großen Depression der 1930er-Jahre und der verlorenen Jahrzehnte in Japan seit 1990 gelernt zu haben. Ben Bernanke hielt dazu, noch bevor er Präsident der Fed wurde, eine viel beachtete Rede, in der er beschwor, Deflation um jeden Preis zu bekämpfen und betonte, dass das der Notenbank auf jeden Fall gelingen würde. Koste es was es wolle, müssen demnach fallende Preise und vor allem auch fallende Vermögenspreise verhindert werden. Fallen nämlich die Preise von Aktien und Immobilien, kommt unser ganzes Schuldengebäude zum Einsturz, weil den Schulden nicht mehr ausreichend wertvolle Sicherheiten gegenüberstehen.

Irving Fisher hat in den 1930er-Jahren in seiner Debt Deflation Theory of Great Depressions den Teufelskreislauf schön beschrieben:

  • Die Liquidation von Schulden führt zu Notverkäufen, man muss seine Schulden tilgen und verkauft dafür Vermögensgegenstände.
  • Dies führt zu einem Rückgang der Geldmenge, weil Bankdarlehen getilgt werden. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes verlangsamt sich. Es wird weniger gekauft und verkauft.
  • Der von den Notverkäufen verursachte Rückgang der Geldmenge und der Umlaufgeschwindigkeit drückt das Preisniveau beziehungsweise führt zu einer Aufwertung des Geldes. Wenn niemand mehr etwas kaufen will, sinken die Preise. Das nennt man Deflation.
  • Das Angebot passt sich der Nachfrage an.
  • Geht man davon aus, dass der Rückgang des Preisniveaus nicht von Reflation (also einer künstlich herbeigeführten Inflation) oder anderen Entwicklungen aufgefangen wird, sinkt zwangsläufig das Reinvermögen der Unternehmen noch stärker, und die Insolvenzen häufen sich.
  • Die Gewinne sinken, was in einer „kapitalistischen“, also auf private Gewinne angelegten Gesellschaft Sorge vor potenziellen Verlusten auslöst, worauf mit Drosselung der Produktion, Reduktion des Warenangebots und Entlassungen reagiert wird.
  • Verluste, Insolvenzen und Arbeitslosigkeit führen zu Pessimismus und Vertrauensverlust, die ihrerseits in Hamsterkäufen und im Horten von Waren münden und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes noch stärker bremsen.

Die genannten Veränderungen stürzen den Kapitalmarkt in schwerwiegende Turbulenzen. Insbesondere fallen die nominalen oder Geldkurse, während die realen oder effektiven Zinssätze steigen. Es entsteht ein Teufelskreis.

Fisher nannte die Kombination von Überschuldung und Deflation eine Katastrophe. „Die beiden Krankheiten reagieren aufeinander“, sagte er. Überschuldung führe zu Deflation, und „umgekehrt reagiert eine von Schulden ausgelöste Deflation auf die Verschuldung. Jeder Dollar, der als Kredit aufgenommen und noch nicht zurückgezahlt wurde, wiegt schwerer, und wenn die Ausgangsverschuldung groß genug ist, kann die Rückzahlung oder Liquidation der Schulden nicht mit dem Preisverfall Schritt halten, den sie auslöst. In der Folge verpufft die Wirkung der Schuldenrückzahlung. Sie verringert die Summe der geschuldeten Dollars, aber der dadurch ausgelöste Wertverfall ist schneller“.

Alles, was die Notenbanken seit 2007 getan haben, diente dazu, den Schuldendeflationsprozess zu stoppen. Unangenehme Nebenwirkung: Die Schulden wuchsen noch schneller. Man kann nämlich nicht einfach aufhören, neue Schulden zu machen, alleine schon wegen der fälligen Zinsen auf der bereits ausstehenden Schuld. Tiefe Zinsen haben zudem weitere Kreditaufnahme vor allem in den Schwellenländern befeuert. Das ist so, als wenn man bei einem baufälligen Haus Zement in das Fundament spritzt und zeitgleich oben weitere Stockwerke draufsetzt.

Spätestens, wenn alle potenziellen Schuldner keine Verschuldungskapazität mehr haben, ist Schluss. Dann bricht der Schuldenturm und mit ihm die Vermögensillusion in sich zusammen. Deshalb ruht die Hoffnung der Welt auf China. Noch kann das Land die Zinsen deutlich senken und damit das Kreditwachstum nochmals ankurbeln. Das dürfte genügen, um der Weltwirtschaft noch ein paar Jahre zu kaufen. In der Tat spricht einiges dafür, dass die chinesische Führung in diese Richtung geht. Dann wären die Börsenturbulenzen des Sommers 2015 nur ein weiterer Warnschuss, dem ein weiterer Boom folgt.

Zugleich beginnt der Kampf jeder gegen jeden. Jede Wirtschaftsregion wird versuchen, durch eine möglichst schwache Währung einen relativen Vorteil zu erlangen. Per Definition – und auch das gut in den 1930er-Jahren zu beobachten – ein Nullsummenspiel, was letztlich nur die Krise verschärfen wird.

Am Ende werden die Notenbanken der Welt zur letzten Maßnahme greifen: dem Helikoptergeld. Der direkten Finanzierung von Staatsausgaben durch die Notenbanken, um auf diese Weise die Wirtschaft zu stimulieren und zugleich Inflation zu erzeugen. Wie früher schon geschrieben, wäre es besser, dann das Geld doch gleich uns Bürgern zu überweisen. 10.000 Euro für jeden!

Zur Freude gibt das keinen Anlass. Schulden in Billionenhöhe können nicht mehr bedient werden. Diese Schulden müssen aus der Welt, entweder durch Pleiten und Konkurse oder durch massive Inflation. Mit den Schulden verschwinden allerdings auch die Vermögen in entsprechender Größenordnung. Die Marktturbulenzen der letzten Wochen geben da nur einen kleinen Vorgeschmack.

wallstreet:online: „Jetzt starten die Helikopter … Dann doch besser 10.000 Euro für jeden, sofort!“, 4. September 2015

7 Antworten
  1. G. Krause says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,
    in der Tat denke auch ich, daß die EZB diese Unmengen an Geld besser an die EU-Bürger leiten sollte, um die gewünschten Effekte zu erzielen.
    Deshalb hier mein Vorschlag:
    Einführung eines bedingungslosen EU-Bürgergeldes in Höhe von 1000 EUR monatlich. Das wären bei ca. 500 Mio. Bürgern beim ersten Zahltag schlappe 500 MRD. Jeder EU-Bürger bekommt eine EZB-Geldkarte, die 1 mal im Monat bis 1000 EUR aufgefüllt werden kann. Sind noch Restbeträge auf der Karte, wird entsprechen weniger aufgefüllt. Die monatlichen Folgezahlungen wären dementsprechend geringer, was eigentlich ja keine Rolle spielt, da die EZB ihre Bilanz bis ins Unendliche aufblähen könnte.
    Die Effekte sind offensichtlich.
    Der Binnenkonsum wird optimal angeregt und belebt die Wirtschaft. Die herbeigesehnte Inflation kommt in Gang. Die Arbeitsplätze können neu verteilt werden und mindern die Arbeitslosigkeit. Der europäische Gedanke bekommt eine ganz neue Dimension. Dabei würden die EU-Bürger (zufrieden und versorgt) einer Zentralisierung der europäischen Institutionen, sprich vereinigtes Europa, wohl kaum mehr im Wege stehen. Wer schlägt schon die Hand, die einen füttert.
    Und nebenbei könnte die Bargeldabschaffung gezielter vorangetrieben werden.
    Anscheinend würden beide Seiten profitieren ;-)
    Könnten Sie meinen Vorschlag eventuell weiterleiten?
    Beste Grüße, G. Krause

    Antworten
  2. MFK says:

    Buiter hat letzten Monat auch wieder ähnliches propagiert. Ich frage mich, wie die Einführung von „Helikoptergeld“ technisch ablaufen soll. Die EZB unterhält keinerlei Rechtsbeziehungen zu einzelnen Bürgern. Wo erfolgt die Gegenbuchung? In den nationalen Haushalten? Ich denke daher, dieser Vorschlag ist unrealistisch.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Die technische Umsetzung ist relativ einfach und hatte ich vor knapp 2 Jahren hier skizziert: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/13/zehn-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/. Zu den Details siehe insbesondere Punkt II. sowie die Antwort auf den Kommentar von veblen vom Herdentrieb.

      Das zentralbankfinanzierte Bürgergeld wird über drei Buchungsebenen an die Bürger ausgezahlt. Auf der ersten Ebene werden die nationalen Gesamtsummen (nach meinem Vorschlag 80 EUR pro Bürger pro Monat; zusätzlich eine Einmalzahlung von 2.000 EUR, da die EZB bereits zwei Jahre in ‚Verzug‘ ist) von der EZB auf ein Konto bei den nationalen Notenbanken gebucht; und zwar als ewige Forderung auf der Aktivseite und auf der Passivseite als Erinnerungsposten daran, dass dieses Geld auch tatsächlich den Bürgern zugeflossen ist („Bürgergeld in Umlauf“ als Pendant zum aktuellen Banknotenumlauf). Sodann werden die Beträge auf der zweiten Ebene von den nationalen Notenbanken an die nationalen Finanzämter überwiesen. Hier sind die Beträge nur temporär in den Bilanzen der Finanzämter (dritte Ebene), da das Bürgergeld auf das jeweilige Referenzkonto überweisen wird, das die Bürger auch jetzt schon für ihre Steuerzahlung/Steuergutschrift verwenden. Rückständige Steuerschulden werden unmittelbar verrechnet und das Bürgergeld unter Berücksichtigung des wahrscheinlichen Grenzsteuersatzes (z. B. Durchschnitt der letzten 3 Jahre) dem Konto des Steuerzahlers gutgeschrieben. Die Buchungen sind simpel. Wir müssen lediglich die Kontenpläne um einige wenige Konten erweitern; ein Vorgang der ebenfalls trivial ist und jede simple Finanzbuchhaltungssoftware eines Handwerksbetriebs beherrscht. Sollte also auch bei der Software der ZBen kein Hexenwerk sein.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
  3. Philipp H. says:

    Warum eigentlich so zaghaft? Geben wir doch jedem Bürger 1.000.000. Auf die paar Nullen kommt es doch nicht an! Dann ist jeder reich und alle Probleme sind gelöst. Alles wird gut.

    Antworten
  4. Philipp H. says:

    Mein scherzhafter Beitrag bezog war nicht spezifisch als Kritik an alterativen Geldsystemen (Citoyage,, Vollgeld,…) gedacht. Denke im Gegenteil, dass diese sicher dem aktuellen Vorgehen mit blindem Kauf von Wertpapieren und Nullzinsen vorzuziehen wären.

    Mir bleibt aber das Gefühl, dass unsere Krise tiefer geht und vielleicht nicht (nur) mit Geld bzw. dem Verteilen von Geld lösbar ist. Wären wirklich alle glücklich, wenn wir nur eine Inflationsrate von 2% hätten?

    Die Idee mit der Million ist ja nichts weiter als eine Überspitzung von Argumenten ins offensichtlich sinnlose. Irgendwo muss es ja eine sinnvolle Grenze für „Geld aus dem Nichts“ geben?

    Antworten

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