„Einflussreich und trotzdem ahnungslos – Volkswirte führen auf falsche Fährte“

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Sie dominieren die Medien und haben Einfluss auf politische Entscheidungen. Man denke nur an die derzeit kursierenden Berechnungen zu den ökonomischen Folgen der Flüchtlingskrise. Nichts anderes als stochern im Nebel mit (über)optimistischen Annahmen.

Wichtig zu wissen: Volkswirte haben keine Ahnung. Dies ist – etwas überspitzt – das Ergebnis einer Studie der Niederlassung der US-Notenbank Fed in San Francisco. Darin weisen Kevin Lansing und Benjamin Pyle nach, dass weder Volkswirte von öffentlichen Institutionen noch die privater Banken Wachstum, Inflation und Arbeitslosigkeit korrekt vorhersagen (Persistent Overoptimism about Economic Growth). Damit ist natürlich auch ihr Versagen im Vorhersagen von Rezessionen vorprogrammiert.

Dies sollten wir im Hinterkopf haben, wenn wir derzeit in Deutschland und in der Welt vor allem optimistische Stimmen hören. Chefvolkswirte von Banken und Versicherungen, die Wirtschaftsforschungsinstitute, … – beinahe alle sagen uns, dass die Welt vor solidem Wachstum steht, die USA eine starke Erholung vorweisen und wir in Deutschland ohnehin vor dem Boom des Jahrhunderts stehen. Dies alles dank ungebremster Exporte, steigender Binnennachfrage und den Kosten der Migration. Ja, richtig gelesen: Die Ausgaben für Flüchtlinge alleine sollen uns im nächsten Jahr rund 0,3 Prozent mehr BIP bringen. Für mich nur ein weiterer Beleg dafür, wie fragwürdig unsere Wohlstandsmessung heute ist. Die Anschaffung von Zelten, der Umbau von Wohnraum sowie die Verpflegung der Menschen stellen letztlich Konsum dar. An anderer Stelle fehlt dieses Geld, und es wäre besser investiert in  eine erfolgreiche Integration. Doch danach sieht es leider nicht aus.

Dies aber nur als Exkurs in die Untiefen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung selbst; zurück zu den Prognosefähigkeiten der Zunft. Natürlich kann man einwenden, dass die Volkswirte mit Absicht zu optimistisch sind, um keine Rezession herbeizureden. Damit wären die Aussagen aber generell nicht zu gebrauchen. Wahrscheinlicher ist, dass sie vor allem die Adressaten im Blick haben. Mit guten Nachrichten lassen sich mehr Aktien und Wertpapiere verkaufen. Vor allem wenn noch auf einem hohen Bestand sitzt, den man nur zu gerne in die Depots der Kunden verlagern möchte.

Umso beeindruckender sind dann die Ausnahmen. So der Chefvolkswirt der Citi, Willem Buiter. Dieser provoziert schon seit langem mit seinen Aussagen. Der Euro wäre nach seiner Prognose schon längst Geschichte, und für Gold diagnostizierte er im Frühjahr die „größte Blase aller Zeiten“, die nun immerhin schon 6000 Jahre anhielte. Den intrinsischen Wert von Gold bezifferte er auf null – auf demselben Niveau von Papiergeld, welches bekanntlich nur einen Wert aufweist, weil wir ihm einen zubilligen. Fällt unser Vertrauen in Geld, ist der Wert über Nacht bei null. Buiter gehört auch zu den glühenden Befürwortern eines Bargeldverbots, basierend auf einer messerscharfen Analyse: Die Welt ist überschuldet, und nur durch eine Enteignung der Gläubiger kommen wir da – vielleicht – wieder raus. Zwar teile ich die Analyse, doch halte ich von Enteignung und Bargeldverbot herzlich wenig. Beides dürfte nur jene treffen, deren Vermögen zu klein ist, um es international zu diversifizieren.

Mit Blick auf die Weltkonjunktur kam von Buiter zuletzt eine deutliche Warnung: Der chinesische Schuldenboom und die Blasen bei Aktien und Immobilien sind für Buiter das klassische Rezept für Rezessionen. Laut Citi droht der Weltwirtschaft mit 55 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Rezession, die bis 2017 anhält. Dabei wirkt der Rückgang des chinesischen Wachstums auf rund 4 Prozent über verschiedene Wege negativ auf die Weltwirtschaft. Die Importe des Landes sinken, was Rohstoff- und Autoexporteure gleichermaßen trifft. Brasilien, Südafrika und Russland stecken bereits in der Krise. Andere Schwellenländer werden ebenfalls getroffen und leiden gleichzeitig unter Kapitalflucht und Verknappung der globalen Liquidität.
China wird zwar seine Währung (vorerst) nicht aktiv schwächen, aber bereits so exportiert das Land Deflation in die Welt, was wiederum auf eine schwache Eurozone und einen anfälligen Aufschwung in den USA trifft. Den Notenbanken bleibe da nur wenig Munition, so Buiter, besonders weil einige „Politiker sehr skeptisch mit Blick auf weitere geldpolitische Maßnahmen sind“.

Aber auch die Optimisten unter den Volkswirten haben gut klingende Argumente auf ihrer Seite: Billiges Geld, günstiges Öl und ein schwacher Euro haben zu einer Belebung in der Eurozone geführt. Die aufgestaute Nachfrage nach sieben Jahren Krise tut ein Übriges. Die Zuwanderung führt in der Tat zu mehr Binnenkonsum. Die US-Wirtschaft steht besser da und auch China hat noch genügend Munition.

Selbst, wenn dieses Mal die Mehrheit Recht bekommen sollte, ist eines zu bedenken: Selbst wenn sich die Erholung fortsetzen sollte, zusätzlich befeuert durch mehr Gelddrucken der Notenbanken, können die Aktienmärkte noch 10 bis 15 Prozent zulegen. Denn billig sind Aktien immer noch nicht.

Vor allem ein Argument, das durch die Volkswagenkrise neues Gewicht bekommen hat, zieht mich auf die Seite der Pessimisten: Das Ungleichgewicht im globalen Handel. Zu sehr hat die deutsche Volkswirtschaft in den letzten Jahrzehnten auf den Export gesetzt. Damit ist sie nicht nur von wenigen Schlüsselindustrien abhängig, sondern im besonderen Maße vom Gesundheitszustand der Weltwirtschaft. Letztere ist spätestens seit der Krise 2009 massiv angeschlagen, wenngleich wir bis dato davon wenig gespürt haben; dem chinesischen Kreditboom sei Dank. Nun, da dieser lautstark in sich zusammenbricht, droht uns ein Schock, zusätzlich verstärkt durch mehr oder weniger offene Handelshemmnisse. Der Skandal liefert da gefährliche weitere Munition. Es gehört wenig Fantasie dazu, die kürzlich vorgelegten optimistischen Konjunkturprognosen in den Müll zu werfen. Eine Rezession 2016 ist in der Mischung aus globalen Ungleichgewichten, ungelösten Schuldenproblemen, zunehmenden Spannungen zwischen Regionen und Ländern und der hausgemachten Torpedierung der Schlüsselindustrie wahrscheinlicher als eine Fortsetzung des Aufschwungs. Im schlechtesten Fall liegt ein schmerzhafter Einbruch vor uns, der durchaus ähnlich wie 2008 die Weltfinanzmärkte erschüttert. Die Risiken überwiegen eindeutig die Chancen.

wallstreet online: „Einflussreich und trotzdem ahnungslos – Volkswirte führen auf falsche Fährte“, 7. Oktober 2015

5 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Jetzt gibt es einen ersten Hoffungsschimmer aus dem monetären Olymp. Cechetti und Schoenholtz schreiben als letzten Satz ihrer Japananalyse:

    „The irony is that an entrenched deflation also can undermine the independence of a central bank, because it may not be feasible to restore price stability without support from the fiscal authority.” http://www.moneyandbanking.com/commentary/2015/11/9/learning-from-japan-its-hard-to-end-a-deflation

    LG Michael Stöcker

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  2. Michael Stöcker says:

    Es ist höchste Zeit für ein neues geldpolitisches Instrument, um die monetäre Unabhängigkeit der Zentralbanken wieder herzustellen, wenn sich die Politik wegen fehlerhafter Theorien sowie der hingebungsvollen Anbetung der schwarzen Null verweigert.

    Der Monetarismus ist tot, lang lebe der Monetarismus: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/

    LG Michael Stöcker

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  3. Gottfried Oesterle says:

    Habe bei einer Veranstaltung der Deutschen Bundesbank in Frankfurt den
    Chefvolkswirt gefragt, ob die Deutsche Bundesbank ein Verzeichniss hat,
    wo alle unterschriebenen Buergschaften, die potentiell zu Zahlungen fuehren,
    aufgelistet sind. Und zwar fuer den Bund, Laender, Gemeinden und Sonderinstitute
    des Staates. Die deutsche Bundesbank hat kein solches Verzeichnis.
    Das muss man sich vorstellen keine Institution weiss mehr Bescheid ueber solche
    gravierenden Dokimente in diesem Staat.
    Bananenrepublik! Ich rechne mit allem!

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