„Die Illusion vom passiven Investment“

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Dieser Beitrag erschien bei WirtschaftsWoche Online:

Medien und Banken werben für die passive Geldanlage: Kostengünstige, börsengehandelte Indexfonds statt teurer Geldmanager, die obendrein noch schlechte Leistung erbringen. Intuitiv richtig, aber dennoch eine Illusion. 

In seinem neuesten Aktionärsbrief rät Starinvestor Warren Buffet erneut zur Geldanlage in Indexfonds. Normale Investoren seien nun mal nicht in der Lage, den Aktienmarkt zu schlagen und die teuren Manager aktiver Fonds ebenfalls nicht. Erst recht nicht nach Kosten. Wer sich also eine Aktie von Warren Buffets Beteiligungsgesellschaft Bershire Hathaway nicht leisten kann, der fährt mit dem Index am besten. Seiner Frau riet er, nach seinem Tod 90 Prozent des Erbes in Indexfonds von Vanguard zu stecken.

Passiv boomt

Warren Buffet steht mit seiner Auffassung keineswegs allein. Die Anlagen in sogenannten „passiven Fonds“ boomen. Weltweit wurden 2016 Schätzungen zur Folge in jeder Sekunde 12.000 US-Dollar in Indexfonds angelegt. In den USA haben aktiv gemanagte Aktienfonds seit 2007 im Volumen 1,2 Billionen US-Dollar verloren, während Indexfonds um 1,4 Billionen zulegten. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren weitere acht Billionen US-Dollar aus aktiv gemanagten Fonds in passive Anlagen umgeschichtet werden.

Die Argumente für passive Anlagen sind in der Tat überzeugend. Neben günstigeren Kosten zählt die enttäuschende Performance der aktiven Manager dazu. So haben nur 11,2 Prozent der aktiven US-Fonds in den vergangenen fünf Jahren den Index geschlagen. Das liegt daran, dass im Zuge der Geldflut der Notenbanken die Korrelationen an den Märkten deutlich zugenommen haben.

Andererseits zeigen Daten der Societe Generale, dass die 1650 Aktien im Welt-Index MSCI im Durchschnitt 26 Prozent unter ihrem historischen Höchststand notieren. Die Indexhöchststände in den USA werden nur von wenigen Aktien getragen. Deutlicher kann man nicht beweisen, dass es möglich wäre, den Markt zu schlagen, wenn man eine entsprechende Auswahl trifft. Das wagen jedoch die wenigsten aktiven Manager, aus Angst, falsch zu liegen. Je näher sie jedoch am Index bleiben, desto sicherer werden sie nach Abzug der Kosten underperformen.

Verstärkt wird der Trend zu „passiven Strategien“ durch computerbasierte Handelsprogramme, da sich vor allem börsennotierte Indexfonds sich für eine standardisierte Geldanlage eignen.

Passiv ist nicht passiv

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es eine „passive“ Geldanlage nicht gibt. Der Verzicht auf eine Auswahl der Werte, sei es selber, sei es durch die Beauftragung eines Investmentmanagers (indirekt über den Kauf eines Fonds, direkt über die Vergabe eines Verwaltungsmandats) ist eine sehr bewusste Entscheidung.

Es ist eine Entscheidung dafür, dem Markt hinterherzulaufen. Aktien kommen meist erst nach einer langjährigen guten Entwicklung in den Index. Erst nachdem der Wert steigt, steigt auch der Anteil am Index und die Indexfonds kaufen nach. Indexfonds verlassen sich dabei auf die Arbeit der aktiven Investoren, die durch Analysen versuchen, den wahren Wert von Unternehmen zu ergründen.

Täglich handelbar ist unsinnig

Oftmals werden Indexfonds mit börsengehandelten Fonds (den sogenannten Exchange Traded Funds, ETFs) gleichgesetzt. Dabei widerspricht die tägliche Handelbarkeit eigentlich der Grundphilosophie des Kaufens und Liegenlassens, welche neben den günstigen Kosten hinter den Indexfonds steht.

In der Praxis wird das vermeintliche passive Investment, welches eigentlich keines ist, endgültig zum aktiven Investment. Die Investoren versuchen den Markt zu „timen“ und liegen dabei – wie an dieser Stelle immer wieder betont – daneben. Der durchschnittliche Investor in börsengehandelte Indexfonds verdient deutlich weniger als der Index. Warum? Weil er nach einem Einbruch verkauft, um nach der Erholung wieder zuzukaufen. Wenn schon „passiv“, dann richtig!

Passiv verstärkt Herdenverhalten

Die Vermutung liegt nahe, dass gerade am US-Markt zurzeit die vermeintlich passiven Investoren die Hausse treiben. Ohne auf die Bewertung zu achten – immerhin liegt das Shiller-PE über den Werten von 1929 – wird Geld in die Märkte gepumpt. Die Sorglosigkeit der Investoren ist groß: Was soll passieren, man kann ja jederzeit wieder aus dem Markt aussteigen? Was geschieht, wenn zu viele gleichzeitig verkaufen, ohne einen Berater, der zur Ruhe rät, haben wir bei vergangenen Crashs beobachtet. Ein Markt, der von vermeintlich passiven Investoren dominiert wird, die aber mit einem Klick aussteigen können, ist ein stabiler Markt bis zum Zeitpunkt der Panik.

Aktiv ist nicht aktiv

Da wünsche ich mir eine ernsthaft aktive Strategie, die verkauft, wenn es zu teuer wird und kauft, sobald die Panik am größten ist. Das Problem ist nur, dass wir alle uns das wünschen, zugleich aber mit unserer Geldanlage zu ungeduldig sind. Wir lassen unser Geld nicht bei Underperformern, wir wollen in jedem Jahr auf der Gewinnerseite sein. Konsequenterweise richten sich die „aktiven“ Manager danach aus und werden zu passiven, allerdings mit höheren Kosten. Nahe am Index denken sie an das eigene Überleben und können nach Kosten nur enttäuschen und sich selbst und ihrer Profession das Grab schaufeln.

Dabei hätten sie das Zeug, besser zu sein als der Markt. Eine neue Studie der Columbia Business School verglich die Qualität der Gewinnprognosen von Gruppen mit der von Einzelnen, die keine Information über die Vorhersagen der anderen hatten. Dabei gab es folgende Erkenntnis: Die Gruppe – in der jeder die Erwartungen der anderen kennt – liegt nicht nur näher zusammen, sondern ist sogar besser als die Analysten der Wall Street. Allerdings liegt die Gruppe immer über dem aktuellen Ergebnis. Sie hat also eine Tendenz zum Optimismus.

Die Schätzungen der Einzelnen zeigen – wenig verwunderlich – eine weitaus größere Spreizung. Im Durchschnitt lag die Gruppe der Einzelnen jedoch näher an der Realität. Und zwar statistisch signifikant. Schlussfolgerung für uns: Es ist möglich, den Markt zu schlagen. Man muss sich nur trauen.

In den kommenden Monaten dürften sich für wirklich aktive Manager erhebliche Chancen bieten. Wer sich nicht zutraut, diesen zu finden, der sollte aktiv passiv sein: mit einer stabilen Gewichtung auf die vier Anlageklassen Aktien, Immobilien, Gold und Cash. Und das gerne auch mit Indexfonds.

→  wiwo.de: „Die Illusion vom passiven Investment“, 23. März 2017

4 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Tja, aber wer will es den Privatanlegern verdenken? „I don’t worry about the return on my money but on the return of my money“ lautet bei vielen die Devise. Sie, Herr Dr. Stelter, trauen sich, den Markt zu schlagen. Die Nicht-Profis trauen sich halt nicht. Und wer gar fremdes Geld verwaltet, traut sich oft erst recht nicht. Warren Buffet macht sich keine Illusionen über die Anlagekenntnisse seiner Frau. Ich behaupte, alle die nicht mit eigenem Geld oder sehr langfristigem „smart Money“ beruflich oder semiprofessionell in dem Bereich aktiv sind, sind langfristig auch nicht besser als die Indices, die im gleichen Feld spielen. Das ändert sich wohl erst, wenn die Indexfonds so dominant sind, dass der Markt unsinnig verzerrt wird. Soweit sind wir m.E. bei den meisten Aktien noch nicht.

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    • Markus Gördes says:

      Das sehe ich auch so. Darüber hinaus könnten die zur Zeit hohen Shiller P/Es auch trotz steigender Aktienkurse fallen, z.B. wenn Gewinne (und Umsätze) bei einer drastischen Zunahme der Geldumlaufgeschwindigkeit schneller als die Aktienkurse wachsen. Deswegen erscheint mir der letzte Absatz des Artikels für den Kleinanleger am besten geeignet. Wie eine sinnvolle Aufteilung der Assetklassen aussieht, liesse sich noch trefflich diskutieren.

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      • mg says:

        So ist es. Eine alte Anlegerredensart besagt ja auch „Pack niemals alle Eier in einen Korb…“ – und wenn es mir erlaubt ist die jahrhundertealte Weisheit an dieser Stelle zu ergänzen: „… es sei denn, Du hast nur Eins.“

  2. Felix Kurt says:

    Die AUFTEILUNG AUF DIE ANLAGEKLASSEN (die „Asset Allocation“ auf Neu-Schwäbisch), z. B. wie im letzten Satz des Beitrags, ist auch für den privaten (Klein-)Anleger der WICHTIGSTE TREIBER für die Gesamtperformance und die Steuerung des Gesamtrisikos (Ertrag des Investments im Verhältnis zur Schwankung der Erträge). Hier werden die entscheidenden „Fehler“ gemacht, oder anders ausgerdrückt die Hauptursache für eine insgesamt bessere oder schlechtere Performance des Gesamtinvestments gelegt; ein paar Zehntel Über- oder Unterperformance in der jeweiligen Anlageklasse hin oder her, also egal ob aktiv oder passiv.

    Dies hängt wiederum mit der gleichermaßen schwierigen Frage zusammen, WIE MAN SUBJEKTIVE DIE RICHTIGE RISIKOEINSCHÄTZUNG FINDET. Die ist ex post dann meistens doch eine andere als ex ante. (Wenn’s gut gelaufen ist, war man zu wenig risikoreich und umgekehrt.)

    Wenn man es – mit oder ohne Hilfe – dann noch schafft innerhalb jeder Assetklasse durch aktives Management besser zu sein als z. B. ein Index, dann ist das schon die Königsklasse. Aber auch nur, wenn man es wiederum KONTINUIERLICH in der Mehrzahl der Perioden hinkriegt. Merke: Auch die besten aktiven Fonds hatten (fast) alle mal eine ordentliche Underperformance.

    Das Optimum, also alles in der jeweiligen Zyklusphase der Assetklassen für sich genommen noch richtig zu timen und den richtigen übergeordneten Mix hinzukriegen, ist eine ILLUSION. Man bräuchte viel mehr eine Art EHRLICHE ZUFRIEDENHEIT mit dem was anfangs erreichbar scheint und dann erreicht worden ist.

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