„Deutschland wirtschaftet wie die Eichhörnchen“

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Dieser Kommentar erschien bei manager-magazin.de:

„Deutschland ist wieder Exportweltmeister!“  fast schon jubelnd wurde in dieser Woche in den Medien davon berichtet, dass wir mit einem Überschuss von 310 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr wieder China überholen. Fantastische Nachrichten, so wird suggeriert. Nichts zeigt doch deutlicher, wie gut wir wirtschaftlich aufgestellt sind. Uns kann keiner. Unsere Industrien stehen gut da, sind hoch innovativ und ungemein wettbewerbsfähig. Die beste Basis also, um Wohltaten wie höhere Renten und bessere soziale Absicherung zu bezahlen. Migrations- und Eurokrise meistern wir so doch locker, wir können es uns doch leisten.

Leider ist diese Einschätzung falsch. In Wahrheit ergeht es uns wie den Eichhörnchen, die zwar fleißig Nüsse sammeln und verstecken, also sparen, aber diese im harten Winter dann aber nicht wiederfinden. Den Eichhörnchen mag es letztlich egal sein, ob sie alle Nüsse wiederfinden, Hauptsache, sie verhungern nicht. Uns darf es nicht egal sein, weil es erhebliche politische und soziale Verwerfungen mit sich bringen wird, wenn deutlich wird, dass wir unsere Nüsse nicht mehr wiederfinden.

Außenhandelsüberschuss bedeutet Kapitalexport

Ich habe an dieser Stelle schon mehrmals erklärt, wie der Zusammenhang zwischen Außenhandelsüberschuss und Ersparnisbildung ist. Dennoch empfiehlt es sich, dies nochmals klar zu machen. Wenn ein Land einen Außenhandelsüberschuss erzielt, bedeutet dies zwangsläufig einen Export von Ersparnissen ins Ausland, entweder in Form von Krediten oder aber in Form von Direktinvestitionen im Ausland.

Um das zu erklären, nehmen wir einmal an, es gäbe keinen Außenhandel. In diesem Fall besteht die Volkswirtschaft aus den privaten Haushalten, den Unternehmen und dem Staat. Jeder dieser Sektoren kann sparen oder Schulden machen beziehungsweise Eigenkapital erhöhen. Die Summe der Finanzierungssalden der drei Sektoren ist per Definition null. Sparen die privaten Haushalte, was normalerweise der Fall ist, haben die Unternehmen üblicherweise ein Defizit, weil sie investieren und dabei auf die Finanzierung durch die privaten Ersparnisse angewiesen sind.

Das was die Unternehmen nicht brauchen, leiht sich dann der Staat. Sparen die Haushalte mehr als Unternehmen und Staat sich leihen wollen, kommt es zu einer Rezession und die Angleichung erfolgt über sinkende Einkommen und Ersparnis oder höhere Staatsdefizite. Es ist in einer geschlossenen Volkswirtschaft, also einer Welt ohne Außenhandel nicht möglich „zu viel“ zu sparen. Es kommt zu einem Ausgleich.

Wie Deutschland seine Ersparnisse exportiert

Anders ist das, wenn man als weiteren Sektor das Ausland mit einführt. So kann es sein, dass ein Land Ersparnisse aus dem Ausland importiert oder eigene Ersparnisse exportiert. Die Summe der Finanzierungssalden der nun vier Sektoren, private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland ist allerdings auch hier zwingend null.

Wichtig zu wissen ist zudem, dass ein Nettokapitalimport aus dem Ausland zwangsläufig ein genauso großes Handelsdefizit bedeutet und umgekehrt ein Handelsüberschuss immer auch einen Nettokapitalexport in gleicher Höhe bedingt. (Für die Volkswirte unter den Lesern sei hier angemerkt, dass ich natürlich weiß, dass neben dem Im- und Export von Waren und Dienstleistungen auch Übertragungen von Geld ins Ausland und die Bilanz der Vermögens- und Erwerbseinkommen dazu gerechnet werden, Letztere sind aber von geringer Bedeutung verglichen zum Außenhandel).

Schauen wir uns die Zahlen für Deutschland für das Jahr 2015 genauer an (Quelle: Statistisches Bundesamt):

  • Finanzierungssaldo private Haushalte: 4,8 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das bedeutet alle Haushalte zusammen haben netto im Volumen von 4,8 Prozent des BIP gespart.
  • Finanzierungssaldo Unternehmen: 3,2 Prozent vom BIP. Also ebenfalls eine Netto-Ersparnis.
  • Finanzierungssaldo Staat: 0,6 Prozent vom BIP die berühmte „schwarze Null“.

Wäre Deutschland eine geschlossene Volkswirtschaft, befänden wir uns in einer schweren Krise. Es würde massiv Nachfrage, immerhin im Volumen von 8,6 Prozent des BIP, fehlen, weil wir alle sparen. Doch von Krise ist keine Spur! Das verdanken wir dem Ausland, wohin wir unsere überschüssigen Ersparnisse von 8,6 Prozent vom BIP exportiert haben.

Dies bedeutet aber zugleich, dass das Ausland im Volumen von 8,6 Prozent des deutschen BIP mehr Waren aus Deutschland gekauft als nach Deutschland exportiert hat. Der Titel des Exportweltmeisters gilt folglich für Waren und für Ersparnisse gleichermaßen.

Deutschland legt das Geld dumm an

Bis jetzt könnte man noch sagen, dass die Handelsüberschüsse ja nicht schlecht sind. Schließlich bauen wir Forderungen gegen das Ausland auf, die wir in den kommenden Jahrzehnten, wenn bei uns die Folgen der Alterung voll durchschlagen, entsprechend einlösen können, um die Kosten zu tragen. Dies würde allerdings voraussetzen, dass wir das Geld ähnlich wie Länder mit Staatsfonds wie Norwegen global diversifiziert und renditestark anlegen.

Dies tun wir aber nicht. Unsere Banken und Versicherungen haben in den vergangenen Jahrzehnten unsere Ersparnisse lieber in US-Subprime und griechische Staatsanleihen investiert. Alleine in der Finanzkrise, schätzt das DIW, haben wir 400 bis 600 Milliarden Euro verloren also fast den Überschuss von zwei Jahren! Die Summe der Handelsüberschüsse der letzten Jahre liegt deutlich über dem Zuwachs des Auslandsvermögens. Wie die Eichhörnchen sammeln wir fleißig und finden nicht alles wieder.

Diese Politik wird ungebremst fortgesetzt. Die in Vergessenheit geratenen Target2-Forderungen der Bundesbank im Zuge der Geldschwemme der EZB, die die immer noch andauernde und sich verstärkende Eurokrise verdeckt,  wachsen wieder an. Zurzeit liegen sie bei über 677 Milliarden Euro. Diese Milliarden sind eine Forderung gegen Krisenländer wie Griechenland und Italien, die mit dem „Hauptfinanzierungssatz“ der EZB also null verzinst werden.

Im besten Fall bekommen wir auf unsere Ersparnisse also keine Zinsen, im schlimmsten Fall verlieren wir zumindest einen Teil der Forderungen im Zuge der unumstößlich auf uns zukommenden Schuldenrestrukturierung im Euroraum egal ob offen durch Schuldenschnitte oder verdeckt durch Inflation. Wir hätten unsere Autos genauso gut verschenken können.

Doch die Aussage vom dummen Eichhörnchen gilt auch unabhängig von den Target2-Forderungen. In einer überschuldeten Welt ist es keine gute Idee, Gläubiger zu sein. Deshalb wäre es allemal besser, mehr im Inland auszugeben, als dem Ausland als Kredit zu gewähren.

Vor die Wahl gestellt, unser Geld dem deutschen oder dem spanischen/italienischen/portugiesischen Finanzminister zu leihen, sollten wir es lieber dem deutschen geben. Nach dem Motto: Wenn ich das Geld sowieso nicht wieder zurückbekomme, dann habe ich lieber in Deutschland eine gute Infrastruktur und ein modernes Breitbandnetz finanziert als in Italien.

Investitionen im Inland dringend nötig

Sparen soll ja dazu dienen, den Kapitalstock einer Volkswirtschaft und so den langfristigen Wohlstand zu erhöhen. Wie wir gesehen haben, ist dies zurzeit nicht der Fall. Der Überschuss im Handel ist also eher ein Grund zur Trauer als zur Freude. Besser wäre es, im Inland zu investieren:

  • Die Industrien, auf denen unsere Erfolge basieren, stammen allesamt aus der Kaiserzeit. Es ist dringend nötig, hier den weiteren technischen Wandel zu bewältigen. Stichwort: Brennstoffzelle statt Diesel.
  • Die öffentliche Infrastruktur zerfällt. Dazu braucht man gar keine Studien, ein offener Blick auf die Straßen der Umgebung genügt.
  • Das Bildungswesen ist weit davon entfernt, die Grundlagen für eine Hochtechnologie-Gesellschaft der Zukunft zu legen. Im neuesten Ranking der besten Universitäten der Welt belegt keine deutsche Universität einen Platz unter den Top 50. Die TU München schafft immerhin Platz 60. Von der Qualität der Schulen will ich an dieser Stelle als Berliner schon gar nicht mehr reden.
  • Wenn man schon eine ungesteuerte Zuwanderung zulässt, dann muss man auch das Geld in die Hand nehmen, das nötig ist, um den langfristigen Schaden so gering wie möglich zu halten.
  • Da Ersparnisbildung im Ausland mit Blick auf die demografische Entwicklung sicherlich nicht falsch ist, sollten wir unser Geld besser anlegen. Ideen für einen Staatsfonds gibt es bereits und die Bundesbank sollte dem Vorbild der Schweizer Notenbank folgen und Aktien kaufen. Langfristig auf jeden Fall die bessere Geldanlage!

Leider verweigert sich die Bundesregierung diesen Überlegungen. Das Festhalten an der „schwarzen Null“ zwingt die Ersparnisse ins Ausland und ermöglicht erst so den Handelsüberschuss. Eine sich selbst nähernde Wohlstandsillusion, aus der wir mit einem ziemlich schmerzhaften Knall erwachen werden, sobald die Forderungen ausfallen. Wenn Sie also das nächste Mal die Jubelmeldungen zu unseren Handelsüberschüssen hören, denken Sie an das Eichhörnchen. Ein putziges Tierchen, aber nicht sonderlich intelligent.

→ manager-magazin.de: „Deutschland wirtschaftet wie die Eichhörnchen“, 7. September 2016

18 Antworten
  1. Hans-Peter Stumpf says:

    Stimme dem Artikel vollumfänglich und uneingeschränkt zu.
    Allerdings sollte man das Argument Generationengerechtigkeit nicht unbeachtet beiseite schieben. Natürlich wären alle Investitionen wie oben beschrieben sinnvoll, diese wären m.E. jedoch auch schon derzeit bei richtiger Gewichtung der Staatsausgaben möglich ohne neue Schulden (Stichworte steigende Sozialausgaben und derzeit steigende Flüchtlingskosten). Dadurch wären trotz absolut sinnvoller Investitionen die nächsten Generationen (die immer weniger zahlenmäßig werden) nicht noch mehr belastet.

    Antworten
  2. Dr. Bubble says:

    „Sparen die privaten Haushalte, was normalerweise der Fall ist, haben die Unternehmen üblicherweise ein Defizit, weil sie investieren **und dabei auf die Finanzierung durch die privaten Ersparnisse angewiesen sind.** “

    => Die Unternehmen sind doch nicht auf die privaten Ersparnisse angewiesen (oder nur teilweise), da sie ja auf die Kreditvergabe (= Zahlungsmittelschöpfung) der Banken zurückgreifen können. Im Allgemeinen dürften die Unternehmen sogar weniger investieren, wenn die Haushalte mehr (geld-)sparen, da ja dann der Konsum und somit die Absatzerwartungen zurückgehen.

    „dass ein Nettokapitalimport aus dem Ausland zwangsläufig ein genauso großes Handelsdefizit bedeutet und umgekehrt ein Handelsüberschuss immer auch einen Nettokapitalexport in gleicher Höhe bedingt.“

    => Die (unglücklicherweise) „Nettokapitalexport“ genannte Position ist schlicht der gespiegelte Saldo der Leistungsbilanz. Mit dem eigentlichen „Kapitalexport“ (Investionen, Kredite etc.) hat das erstmal nichts zu tun, denn auch bei der Finanzierung von Handelsdefiziten spielen Bankkredite eine Schlüsselrolle. Vgl. die Dissertation von Bedia Sahin, „Zur Kausalität in der Zahlungsbilanz“. (http://www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa/documents/15724/Dissertaition-SAHIN.pdf)

    „Diese (Target2-)Milliarden sind eine Forderung gegen Krisenländer wie Griechenland und Italien, die mit dem „Hauptfinanzierungssatz“ der EZB – also null – verzinst werden.“

    => Der Target2-Saldo dokumentiert ja erst mal nur, dass von den Krisenländern mehr Geld nach Deutschland floss als umgekehrt, insbesondere wegen der Kapitalflucht und dem blockierten Interbankenmarkt, und zwar selbst bei ausgeglichener Handelsbilanz. Wenn die Reserven in den Krisenländern dafür nicht mehr ausreichen, müssen gegen entsprechende „Sicherheiten“ zusätzliche verliehen werden, und daraus kann Deutschland ein Problem entstehen, falls die Krisenländer (oder Deutschland!) den Euro verlassen. http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/oekonomie/nachrichten/geldpolitik-zahlungsunfaehigkeit-waere-die-folge/

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  3. NoFiatMoney says:

    Da fragte jemand, ob @ Michael Stöcker nicht womöglich “ ein bisschen gar aggregiert“ dächte.

    Interessante Idee. Nach meinem Eindruck postulierte der bislang nur. Überzeugendes von ihm las ich weder hier noch auf seiner Zinsfehlerseite.
    Aber wer inkonsistente Märchen für Erwachsene mag, hat sicherlich seinen Gefallen daran.

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