„Der Irrsinn der Doppel-Null“

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal am 15. März bei bto und zuvor bei manager-magazin.de:

Dass die Politik der Europäischen Zentralbank schon lange nicht mehr der Realwirtschaft dient, sondern nur der Konkursverschleppung auf europäischer Ebene, habe ich an dieser Stelle schon mehrfach erläutert. Insofern hat die gestrige Entscheidung der EZB nur erneut gezeigt, auf welches Szenario wir zulaufen: direkte Staatsfinanzierung und Monetarisierung. Davor immer negativere Zinsen verbunden mit Kapitalverkehrsbeschränkungen und Bargeldverbot. Zeit, dass wir uns als Investoren, aber auch als Land darauf einstellen.

Doch beides tun wir nicht. Stattdessen betont die Bundesregierung weiter, dass die „Schwarze Null“ im Staatshaushalt nicht infrage steht. Dabei ist das Festhalten an der „Schwarzen Null“ genauso wie die „Euro-Rettungs-Politik“ und die Selbstberauschung am Titel des Exportweltmeisters ein weiteres Zeichen der massiven Wohlstandsvernichtung der deutschen Wirtschaftspolitik. Spätestens seit den gestrigen Beschlüssen der EZB ist klar, dass die Sparer die Dummen sind.

Natürlich ist Sparen eine Tugend. Es genügt jedoch nicht zu sparen, die Ersparnisse müssen auch vernünftig angelegt werden. Die deutschen Bürger sind gute Sparer und schlechter Anleger, wie die jüngsten Zahlen belegen. Zwar sparen wir mehr als unsere europäischen Nachbarn, dennoch sind wir deutlich ärmer als der Durchschnitt der Bürger in der Eurozone.

Dahinter stehen natürlich die Folgen von zwei verlorenen Weltkriegen aber mindestens ebenso die schlechte Anlage unserer Ersparnisse. Sparbuch, Staatsanleihen und Lebensversicherungen sind eine Garantie für maue Renditen. Unsere europäischen Nachbarn haben einen weitaus größeren Anteil ihrer Ersparnisse in Immobilien angelegt und auch das Finanzvermögen liegt in der Eurozone, bezogen auf das verfügbare Einkommen nur in der Slowakei, Slowenien und Griechenland unter dem hiesigen Niveau.

Es kommt also offensichtlich darauf an, wie man seine Ersparnisse anlegt. Zurzeit erinnert das deutsche Sparverhalten eher an das Eichhörnchen, welches zwar fleißig vorsorgt, aber vergisst, wo es die Ersparnisse versteckt hat.

Doch es ist nicht nur diese individuelle Fehlleistung der Bundesbürger, die dazu führt, dass Ersparnisse nichts bringen. Es ist die fehlgeleitete Wirtschaftspolitik, die zudem medial so gefeiert wird, dass wir uns an unseren Erfolgen berauschen, ohne zu realisieren, dass es keine sind.

Denn was für jeden Bürger gilt, gilt auch für die ganze Volkswirtschaft. Um das zu erklären, nehmen wir einmal an, es gäbe keinen Außenhandel. In diesem Fall besteht die Volkswirtschaft aus den privaten Haushalten, den Unternehmen und dem Staat. Jeder dieser Sektoren kann sparen oder Schulden machen bzw. Eigenkapital erhöhen.

Die Summe der Finanzierungssalden der drei Sektoren ist per Definition null. Sparen die privaten Haushalte, was normalerweise der Fall ist, haben die Unternehmen üblicherweise ein Defizit, weil sie investieren und dabei auf die Finanzierung durch die privaten Ersparnisse angewiesen sind. Das was die Unternehmen nicht brauchen, leiht sich dann der Staat.

Sparen die Haushalte mehr, als Unternehmen und Staat sich leihen wollen, kommt es zu einer Rezession und die Angleichung erfolgt über sinkende Einkommen und Ersparnis oder höhere Staatsdefizite. Es ist in einer geschlossenen Volkswirtschaft, also einer Welt ohne Außenhandel nicht möglich, „zu viel“ zu sparen. Es kommt zu einem Ausgleich.

Anders ist das in Theorie und Praxis, wenn man als weiteren Sektor das Ausland mit einführt. So kann es sein, dass ein Land Ersparnisse aus dem Ausland importiert oder eigene Ersparnisse exportiert. Die Summe der Finanzierungssalden der nun vier Sektoren private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland ist allerdings auch hier zwingend null.

Wichtig zu wissen, ist zudem, dass ein Nettokapitalimport aus dem Ausland zwangsläufig ein genauso großes Handelsdefizit bedeutet und umgekehrt ein Handelsüberschuss immer auch einen Nettokapitalexport in gleicher Höhe bedingt. (Für die Volkswirte unter den Lesern sei hier angemerkt, dass ich natürlich weiß, dass neben dem Im- und Export von Waren und Dienstleistungen auch Übertragungen von Geld ins Ausland und die Bilanz der Vermögens- und Erwerbseinkommen dazu gerechnet werden, letztere sind aber von geringer Bedeutung verglichen zum Außenhandel).

Schauen wir uns die Zahlen für Deutschland für das Jahr 2015 genauer an (Quelle: Statistisches Bundesamt):

  • Finanzierungssaldo private Haushalte: 4,8 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das bedeutet, alle Haushalte zusammen haben netto im Volumen von 4,8 Prozent des BIP gespart.
  • Finanzierungssaldo Unternehmen: 3,2 Prozent vom BIP. Also ebenfalls eine Nettoersparnis.
  • Finanzierungssaldo Staat: 0,6 Prozent vom BIP – die berühmte „Schwarze Null“.

Wäre Deutschland eine geschlossene Volkswirtschaft, befänden wir uns in einer schweren Krise. Es würde massiv Nachfrage, immerhin im Volumen von 8,6 Prozent des BIP fehlen, weil wir alle sparen. Doch von Krise ist keine Spur! Das verdanken wir dem Ausland, wohin wir unsere überschüssigen Ersparnisse von 8,6 Prozent vom BIP exportiert haben. Dies bedeutet aber zugleich, dass das Ausland im Volumen von 8,6 Prozent des deutschen BIP mehr Waren aus Deutschland kaufte als nach Deutschland exportierte. Der Titel des Exportweltmeisters gilt folglich für Waren und für Ersparnisse gleichermaßen.

Da wir seit Jahren Handelsüberschüsse aufweisen, exportieren wir auch seit Jahren Kapital in erheblichem Maße ins Ausland. Theoretisch bauen wir damit Vermögen auf, welches wir zu einem späteren Zeitpunkt, zum Beispiel, wenn die Folgen des demografischen Wandels eintreten, verkaufen können, um dann unseren Lebensstandard zu erhalten. Wir hätten dann ein Handelsdefizit und würden mehr importieren als exportieren.

Das Problem ist jedoch, dass wir das Geld im Ausland nicht unbedingt gut investieren. Die Summe der Außenhandelsüberschüsse der letzten Jahre ist nämlich höher als der Zuwachs an Auslandsvermögen. Alleine in der Subprime-Krise von 2008 haben wir nach Berechnungen des DIW rund 400 Milliarden Euro verloren, was den Handelsüberschüssen von mehreren Jahren entspricht.

Heute stecken unsere Ersparnisse überwiegend in Forderungen an Staaten und Private in anderen Ländern. Zum Teil werden die Forderungen über die Bundesbank gehalten, in Form der mittlerweile allgemein bekannten Target-Salden im Volumen von derzeit 605 Milliarden Euro. Überwiegend sind es jedoch Forderungen die Banken und Versicherungen halten.

Damit sind wir beim Problem: In einer Welt, die sich immer mehr dem Zustand der Überschuldung nähert, ist es keine gute Idee, Gläubiger zu sein. Wie ich an dieser Stelle mehrfach diskutiert habe, geht es in der Wirtschaftspolitik und vor allem der Geldpolitik nur noch darum, eine Entwertung der Schulden und damit der Forderungen zu erzielen. Nur dazu dienen Bargeldverbot, Negativzins und perspektivisch Helikopter-Geld. Kommen diese Maßnahmen nicht oder zu spät, stehen Schuldenschnitte und Pleiten auf der Agenda. Egal wie es kommt, die Ersparnisse werden darunter leiden.

Natürlich wäre es vernünftig, wenn wir unsere Auslandsvermögen besser anlegen würden, wie das Länder mit Staatsfonds wie Singapur und Norwegen tun. Auch die Bundesbank könnte wie die Schweizer Kollegen in Aktien investieren, statt an zweifelhaften Staatspapieren mit mauen Renditen festzuhalten. Realistisch ist ein solcher Strategiewandel jedoch nicht.

Allemal besser wäre es, das Geld in Deutschland auszugeben. Zu allererst sollten die Unternehmen mehr investieren. Doch angesichts der schon vorhandenen Kapazitäten und der erheblichen Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung und die Zukunft der Eurozone, halten sie sich verständlicherweise zurück und konzentrieren sich darauf, ihr Haus wetterfest zu machen für den nächsten Sturm.

Deshalb sollte der Staat mehr Schulden machen. Bedarf dafür besteht offensichtlich! Die verfallene Infrastruktur und die maroden Schulen sind für jeden von uns offensichtlich.

Moment mal, höre ich die Kritiker da rufen. Warnen nicht gerade Sie, Herr Stelter, vor den ungedeckten Verbindlichkeiten des deutschen Staates, die bei einem mehrfachen des BIP liegen, wie selbst das Finanzministerium vorrechnet?

Ja, das tue ich. Nur wenn unser Sparen dazu führt, dass wir dem Ausland Kredit gewähren, welcher dann nicht bedient wird, dann ist es mir lieber, das Geld für eine deutsche Autobahn auszugeben als eine spanische. Es ist allemal besser, mit guter Infrastruktur Pleite zu machen, als mit schlechter.

Da die Reise ohnehin in Richtung der groß angelegten Monetarisierung von Staatsschulden über die Notenbankbilanzen, verbunden mit der direkten Finanzierung von Konjunkturprogrammen geht, ist derjenige der Dumme, der weiter auf die alten Tugenden setzt und nicht mitspielt. Lasst uns deshalb lieber das Geld im Inland investieren, als an das Ausland zu verschenken. Schluss mit dem Irrsinn der Schwarzen Null. Zumindest solange, bis wir einen echten Staatsfonds haben, der intelligent global investiert.

→ manager magazin.de: „Der Irrsinn der Doppel-Null“, 11. März 2016

3 Kommentare
  1. Christian Müller says:

    Dass die privaten Haushalte sparen, ist ja verständlich, schliesslich legen Sie Geld zurück für die Zeit, in der sie nichts mehr erarbeiten können. Dass Unternehmen sparen, ist allerdings ein Systemfehler. Wofür sollen sie sparen? Offenbar haben sie einfach keine Anreiz mehr zum Investieren. Dem wäre nachzugehen.

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