„Das Dilemma des Strategen“

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Diese Kolumne heißt mit Absicht Stelter Strategisch. Es geht mir nicht um einen kurzfristigen Gewinn, sondern um den langfristigen kaufkraftbereinigten Vermögenserhalt – plus x. Natürlich sollte x möglichst groß und auf jeden Fall positiv sein. Doch selbst das ist nicht leicht. Zum einen, weil wir uns nach einem mit immer mehr Schulden und tieferen Zinsen befeuerten Aufstieg nach mehr als 30 Jahren am Gipfel befinden und realistisch nur noch mit geringen Renditen in den kommenden Jahren rechnen können. Zum anderen, weil auch der Stratege – beeinflusst vom ständigen Auf und Ab an den Märkten und der Flut an Artikeln wie diesem – Gefahr läuft, die Strategie zu vergessen und in operative Hektik zu verfallen. Vornehmer „Taktik“ genannt.

Wie der sagenhafte Odysseus muss der Investor sich die Ohren zuhalten und die Arme festbinden, um nicht von den Klängen der Sirenen in das Unglück gerissen zu werden. Die jüngst im Alter von 109 Jahren verstorbene Wallstreet-Legende Irving Kahn brachte es so auf den Punkt: „Ich würde Privatanlegern raten, nicht auf die Meinungen, die sie im Radio, Fernsehen oder dem Internet finden, zu hören. Diese sind nicht hilfreich. Die Leute sagen ‚billig kaufen, teuer verkaufen‘, aber das kann man nicht machen, wenn man der Herde folgt. Man muss die Disziplin und das Temperament haben, den momentanen Strömungen zu widerstehen. Menschen haben, was die Kapitalmärkte betrifft, die falschen Instinkte. Wenn man dies erkennt, kann man dem Drängen widerstehen in der Rallye zu kaufen und im Abschwung zu verkaufen.“

Nur selten liegen Investoren richtig, wenn sie versuchen den Markt zu timen. In der Tat zeigen Studien, dass die Mehrheit zu spät auf den fahrenden Zug aufspringt und nach einem Absturz kurz vor der Wende verkauft. Besser ist es da allemal, immer dabei zu sein. Letztlich sind es nur wenige Tage, die den Ertrag bringen. Da genügt es schon für ein schlechtes Gesamtergebnis, wenn man nur ein paar davon verpasst.

Mit Blick auf die hohen Bewertungen, die immer noch rekordtiefen Zinsen und die ungelösten Schuldenprobleme der Welt halte ich an meiner Strategie fest: ein diversifiziertes Portfolio von Aktien, Anleihen, Liquidität, Gold und Immobilien mit einer guten regionalen Streuung dürfte das Beste sein, um auf Sicht durch die drei Grundszenarien der weiteren Entwicklung zu kommen. Diese sind, zur Erinnerung: das „Weiter-so“ geringen Wachstums, steigender Schulden und geringer Inflation – das Szenario „Japan“. Der Konjunktureinbruch mit Zahlungseinstellungen und Euroaustritten – das Szenario „Deflation“. Und schließlich – auch das sollten wir nicht ausschließen – ein Gelingen der Politik des billigen Geldes – das Szenario „überschießende Inflation“.

Vermutlich werden wir eine Kombination dieser Szenarien erleben.

Entscheidend ist in der Strategie der breiten Streuung das Element der Qualität. Die Qualität der Aktien, der Schuldner, der Immobilien und der Bank, bei der man Liquidität hält. Stimmt die Qualität, wird man Vermögen erhalten, ist aber dennoch nicht vor zwischenzeitlichen Kursverlusten geschützt. Und damit kommen wir zur Taktik. Nachdem die Märkte seit dem Sommer deutlich korrigiert haben, stehen wir vor einem Dilemma. Die Sirenen rufen. Zum einen die Skeptiker wie Robert Shiller, der an dieser Stelle vor einem Crash gewarnt hat und die Dauerskeptiker von der Sociéte Générale, nach deren Modell wir zu 100 Prozent in einem neuen Bärenmarkt stecken. Auf der anderen Seite das Team von JP Morgan, welches alle Ampeln auf Grün gestellt hat und einen deutlichen Anstieg prophezeit.

Der Stratege könnte jetzt sagen, ich ändere gar nichts an meiner Allokation. Diese ist richtig und wie sollte ich besser als andere wissen, was passiert. Werden die Finanzmärkte doch so stark wie nie von (geld)politischen Entscheidungen und global vagabundierender Liquidität getrieben. Dennoch fällt es auch dem Strategen schwer, zwischenzeitlich Verluste hinzunehmen und sich Gewinne entgehen zu lassen. Verwaltet man nur sein eigenes Geld, geht das vielleicht noch. Sobald man für Dritte agiert, drohen Kritik und Geldabfluss.

Also habe ich mir meine Positionen nochmals gründlich angeschaut und überprüft, wie man taktisch agieren könnte, ohne dabei die große Linie zu verlieren. Die Banker würden es ein „taktisches Overlay“ nennen. Beim Anleihenanteil unseres Portfolios ist es im Moment nicht unbedingt falsch, etwas mehr in längere Laufzeiten zu gehen. Das gilt vor allem für das Szenario, dass wir es doch wieder mit einer Rezession zu tun bekommen. Gute Unternehmensadressen zahlen in US-Dollar durchaus wieder vier Prozent. Im Falle einer Deflation nicht schlecht.

Die Qualitätsaktien, die ich halte, werden in jedem Szenario überleben, sind aber auch nach der Korrektur der letzten Wochen nicht mehr billig. 2015 ist eben nicht 2009. Verkaufen will ich sie dennoch nicht. Aber die hohe Volatilität der Märkte bietet die Möglichkeit eines Zusatzertrages. Also habe ich für einen Teil der Positionen Calls geschrieben. Das bringt zurzeit rund fünf Prozent des Kurswerts, die ich als Prämie für das Stillhalten vereinnahme. Fallen die Aktien weiter, habe ich so wenigstens einen kleinen Zusatzertrag und ich denke ohnehin langfristig. Sollte der Markt wirklich steigen, und die Calls ausgeübt werden, verliere ich zwar diese Aktien und habe nicht den vollen Kursgewinn mitgenommen, kann aber bei der nächsten Korrektur wieder einsteigen. Und sowieso mache ich das nur für maximal 50 Prozent meiner Aktienposition.

Taktische Chancen ergeben sich auch im Währungsbereich. Der Euro ist recht stark zurzeit. Eine gute Gelegenheit, um den Anteil an Währungen besserer Qualität zu erhöhen. Schließlich lautet unsere Strategie, angesichts der strukturellen Probleme der Währungsunion auch Währungen zu diversifizieren.

Gleiches gilt für Gold und Goldminen. Die Strategie der Portfolio-Rebalancierung erfordert es geradezu hier aufzustocken. Nachdem die Minen um bis zu 90Prozent gefallen sind, dürften sie einen erheblichen Hebel bieten, sollte der Goldpreis doch nach oben ausbrechen. Wenn man die Nachrichten sieht, bekommt man dieser Tage mehr Argumente für Gold als dagegen geboten.

So versuche ich die Unsicherheit aufzufangen, ohne an der eingeschlagenen Strategie zu rütteln. Denn eines ist sicher. Vermögenserhalt hat Priorität.

→  WirtschaftsWoche Online: „Das Dilemma des Strategen“, 1. Oktober 2015

4 Antworten
  1. tuppence says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    ich glaube, dass Sie sich „um den langfristigen kaufkraftbereinigten Vermögenserhalt“ nicht kümmern müssen. Die Befreiung unserer Währung von seiner Kaufkraft ist bereits in vollem Gange und wird in Frankfurt und Brüssel fach- und sachgerecht vorangetrieben ;-)

    Viele Grüße, tuppence

    Antworten
  2. Dieter H. says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    vielleicht könnte eine zusätzliche Option für gestreute Geldanlage der Durchgriff auf den Mittelstand sein. Dieser ist derzeit im Wesentlichen auf Bankenfinanzierung angewiesen und wird unter einer künftigen Kreditklemme am meisten leiden. Andererseits wissen Anleger nicht wohin mit ihrem Geld. Sehen wir vom Scheitern der Mittelstandsanleihen ab, wären kreditähnliche Finanzprodukte dort sehr sicher angelegt. Zudem würden diese das Überleben dieser Firmen im Krisenfalle sichern bzw. eine positive Entwicklung fördern. Zudem haftet der Unternehmer persönlich für den Kredit. Und dort findet das Geld dann seine eigentliche Bestimmung: in kreativen, überschaubaren Bereichen eingesetzt zu werden.

    Viele Grüße
    Dieter Harnecker

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Sehr geehrter Herr Harnecker,

      Danke für Ihre Nachricht. Ich denke, direkte Investitionen und Finanzierung von nicht-börsennotierten Firmen ist mit das beste Investment, das man tätigen kann. Gerade auch vor dem Risiko von Vermögensabgaben. Hier wird die Politik immer zurückhaltend agieren. Darlehen sind dazu auch ein Weg, vor allem, weil man im Krisenfall Kredite in Eigenkapital wandeln kann.

      LG

      DSt

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      • Dieter H. says:

        Sehr geehrter Herr Stelter,
        Sie sprechen mir aus der Seele. Bin selbst mittelständischer Unternehmer und beobachte mit großer Sorge die Entwicklung. Da wir niemals Systemrelevant werden, würden wir am meisten unter einer Kreditklemme zu leiden haben. Und als eine Art Hoffnung sehe ich da Fintechs, die uns direkt das Geld der Märkte zugänglich machen. Dies würde, wie Sie schreiben, durchaus als Eigenkapital dienen können. Als auch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Solide Geldanlage für Anleger und Beseitigung der Kreditklemme im Mittelstand. Dies würde ein Krisenszenario deutlich abmildern. Sowohl für Anleger, als auch für die Unternehmer und deren Mitarbeiter.

        LG
        DH

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