Best of 2015: „Wer rechnen kann, investiert nicht“

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Nicht alle Leser gehen jeden Tag auf bto, was natürlich bedauerlich ist. Immerhin gibt es werktags zwei Beiträge zu aktuellen Themen aus der Wirtschaft. Deshalb zum Jahreswechsel eine kleine Auswahl der Highlights aus 2015. Bei der Sichtung habe ich festgestellt, wie zeitlos viele Beiträge sind. 

Dieser Beitrag erschien im April 2015 bei Börse Online:

Für Investitionen ist nicht entscheidend, was heute ist, sondern was morgen sein wird. Was heute beschlossen wird, ist in zwei bis drei Jahren realisiert und muss sich über zehn bis 20 Jahre rechnen. Und aus Sicht eines Unternehmens in Deutschland stellt sich die Lage so dar: Das Wachstum wird in Zukunft nicht in Europa stattfinden, sondern in Asien, Amerika und Afrika. Dort wächst die Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten deutlich weiter. In Deutschland droht dagegen ein erheblicher Fachkräftemangel, und der Binnenkonsum wird das tun, was er in schrumpfenden Gesellschaften nun mal tut: zurückgehen. Eine kurze Blüte und optimistische Frühjahrsgutachten können darüber nicht hinwegtäuschen.

Hinzu kommen hausgemachte Probleme. Die zunehmend verfallende Infrastruktur dürfte sich immer mehr als Standortnachteil bemerkbar machen. Der verfallende Bildungsstandard ist es bereits. Hinzu kommen die Risiken und Kosten der Energiewende, die zu hoher Unsicherheit führen. Selbst wenn es richtig sein sollte, dass die Versorgungssicherheit nicht gefährdet ist ‒ Deutschland wird damit zum Land mit der weltweit wohl teuersten Energie. Ein Hochlohnland ist es schon.

Auch ein Blick in andere Länder lässt keine neuen Impulse erkennen. In der gesamten Eurozone liegt die Sparquote bei 22,5 Prozent des Bruttosozialprodukts, die Investitionsquote hingegen auf einem Tief von 19,2 Prozent (IWF, 2014). Der Ersparnisüberschuss wird ins Ausland geschleust und auch dort wird er nicht immer produktiv verwendet. Das macht Investitionen nicht attraktiv.

Die beste Erklärung für diese Situation könnte die von Nikolai Kondratieff in den 20er-Jahren entwickelte Theorie der Langen Wellen der Konjunktur sein. Kondratieff hatte die Konjunkturentwicklung über Jahrhunderte analysiert und festgestellt, dass es neben den kurzfristigen Schwankungen einen längeren, etwa 50 bis 70 Jahre laufenden Zyklus gibt. Diesen unterteilte er in die vier Phasen: erster Aufschwung (Frühling), breiter Aufschwung (Sommer), erste Krise mit abnehmendem Wachstum (Herbst) und schwere Krise mit länger anhaltender Stagnationsphase (Winter) ‒ bevor es wieder zu einem erneuten Frühling kommt.

In der Tat spricht einiges dafür, dass wir uns in einem Kondratieff-Winter befinden. Die alten Industrien leiden unter geringem Wachstum und verwenden den Cashflow für Akquisitionen und Aktienrückkäufe statt für Investitionen. Die Verschuldung in der westlichen Welt ist auf Rekordniveau, die Nachfrage stagniert.

Die Lösung wäre, mit neuen Industrien und Innovationen einen neuen Wirtschaftsboom zu entfachen. Ansätze für diese zukunftsfähigen Branchen gibt es bereits; man denke nur an das erhebliche Potenzial von Biotech, dem „Internet der Dinge“ und alternativen Wegen der Energieerzeugung. Naturgemäß tun sich die alten Unternehmen und Branchen schwer mit dem Wandel. Sie haben Angst vor Fehlinvestitionen. Konsequent gedacht, müssten sie ja ihr bestehendes Geschäft und die darin getätigten Investitionen mit aller Kraft selbst angreifen.

Die neuen Industrien werden wieder zu Wachstum und auch zur Bereinigung der Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft führen. Bis sie einen breiten Multiplikatoreffekt auf die Wirtschaft haben, dauert es aber. Nur wenn wir das Alte kaputtgehen lassen, kann das Neue kommen und Nutzen spenden. Zunächst überwiegen jedoch die Faktoren, die das Alte am Leben erhalten: Niedrigste Zinsen und eine unzureichende Regulierung ermöglichen in vielen Branchen immer noch eine hohe Rentabilität. Also ist die Politik gefordert, den Wandel hin zum Neuen zu befördern ‒ mit einer höheren Besteuerung von Aktienrückkäufen, Dividenden und nicht investierten Mitteln, einer niedrigeren Besteuerung von Investitionen. Nur so lässt sich unser Wohlstand erhalten.

→ BÖRSE ONLINE: „Wer rechnen kann, investiert nicht“, 28. April 2015

4 Antworten
  1. Herbert Wolkenspalter says:

    Guten Tag. Interessante Inhalte auf diesen Seiten hier.

    Nicht wirklich klar ist, warum man wachsen muss, um lediglich den Wohlstand zu halten. Einen logisch-immanenten Grund darf es dafür eigentlich nicht geben. Leistung verschwindet ebensowenig wie Energie. Vielmehr ist zu fragen, wo die Gegenleistung für die Leistung verschwindet – zumal in einem System, wo ständig mehr Geld „gedruckt“ wird, und in den meisten Marktsegmenten noch nicht einmal Inflation entsteht.

    Mag sein, das Geldsystem und/oder Wirtschaftsmentalität zu Mehrleistung auf selben Leistungsniveau zwingen. Dann läge es aber daran, diese unfairen, systemischen Voraussetzungen einer Revision zu unterziehen. Vielleicht sollten hier grundsätzlich einige Selbstverständlichkeiten überdacht werden, die nie infrage gestellt werden.

    Der Ruf nach Angebots-Innovation erscheint mir aus dieser Sicht etwas eigentümlich. Wären neue Ideen vorhanden, die eine Chance auf dem Markt hätten, würden sie selbstverständlich umgesetzt, zumal das Investitionsklima aufgrund der niedrigen Zinsen freundlich ist. Bedarf generiert Ideen – die einzig sinnvolle Reihenfolge für Innovation. Sind Ideen nicht vorhanden, ist auf Sättigung des Bedarfs zu schließen. Eine Tatsache, der man anders begegnen kann und sollte als den Ruf nach unkonkretisierter Innovation um ihrer selbst Willen, oder um das verkorkste Geldsystem und Wirtschaftsmentalität am Leben zu erhalten, die auf diese Weise auch nur Selbstzweck sind.

    Nichts ist leichter zu ertragen als die Sättigung, wenn man keine Idee hat, was fehlt.

    Fazit: Der Kondratieff-Winter braucht andere Lösungen als das Warten auf Innovationsideen. Mal völlig neu denken.

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    • Herbert Wolkenspalter says:

      Noch ein Nachtrag. Der Start eines neuen Kondratieff-Zyklus kommt nicht von allein oder nach einem zwangsläufig ablaufenden, periodischen Gesetz. Stets muss eine neue, grundlegende, bahnbrechende Idee vorhanden sein aus der heraus eine Entwicklung auf möglichst vielen Anwendungsfeldern stattfinden kann. Die elektronische Datenverarbeitung war so eine Grundlage.

      Ob und wann eine Idee dieses Kalibers kommen wird, ist völlig offen. Gäbe es dafür heute schon Anhaltspunkte, würde die Entwicklung morgen eingeleitet. Die allermeisten Ideen des Fortschritts befassen sich mit Perfektionierung, Vereinfachung/Erleichterung oder Ersatz von Vorhandenem, drehen damit ein vorhandenes Rad, haben aber nicht das Zeug zu einer „Revolution“ im Sinne eines völlig neuen, tragenden Anschubs.

      Nachdem die Naturwissenschaften mittlerweile weit in den Mikrokosmos eingedrungen sind und damit letztlich auch die Grenzen der Möglichkeiten von Physik, Chemie usw. systematisch umrissen sind, wäre eine weitere Überlegung, ob damit die Potentiale für bahnbrechende Anschübe nicht auch eines Tages zur Neige gehen. Auch das naturwissenschaftliche Wissen hat kein unendlich großes „Rohstoffreservoir“.

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  2. Jürgen Ostermann says:

    Eine glänzende Idee, das letzte Jahr Revue pasieren zu lassen anhand herausragender Beiträge aus Daniel Stelters Hand. Obgleich ich eigentlich täglich vorbeischaue, verpaßt man gelegentlich doch Artikel, die über den Tag hinaus reichen. Dazu gehört auch dieser Artikel.
    Zusatz: Welche weitreichende Konsequenzen die sich auch heute noch beschleunigende informationstechnische Revolution hat und haben wird, werden wir sehen, wenn wir gegen Ende des Jahrzehnts in den nächsten Kontratieff-Frühling eintreten. Er wird wie weiland die Halbleiter-Erfindung dann Innovationen mit erheblichen wirtschaftlichen Effekten hervorbringen und den Frühling und Sommer tragen. Ob Europa und Deutschland daran beteiligt sein werden, wage ich nicht zu beurteilen, die bisherigen vergleichenden Betrachtungen mit dem SiliconValley lassen mich zögern, einen für uns positiven Verlauf als selbstverständlich vorauszusetzen….. Und Herr Oettinger vermag mich auch nicht zu Begeisterungsstürmen zu verleiten.
    Jürgen Ostermann

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