„Die neue Welt – eine Bedrohung für den Euro“

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal im November 2015. Immer noch aktuell. Leider.

In dieser Kolumne geht es nicht um das, was man sich wünscht, sondern um das, worauf man sich einstellen sollte. Denn nur wer einen nüchternen Blick auf die Welt hat, kann persönlich und finanziell durch die bevorstehenden Jahre navigieren. Die Anschläge von Paris, menschenverachtend und brutal, wirken dabei wie Brandbeschleuniger schon länger währender Prozesse. In einer unheilvollen Mixtur treffen verschiedene Entwicklungen aufeinander und verstärken sich gegenseitig:

  • der vom Papst als „Dritter Weltkrieg“ beschriebene Konflikt mit dem radikalen Islam, der seit Jahren an Intensität zunimmt und dessen friedliche Überwindung immer mehr als eine Utopie erscheint;
  • ein Ansturm von Flüchtlingen vor Krieg und Unterdrückung und auf der Suche nach einem besseren Leben in Europa;
  • eine vom Publizisten Mathias Döpfner beklemmend deutlich gemachte anhaltende Nachgiebigkeit der westlichen Kultur gegenüber dem Intoleranten – eine Nachgiebigkeit, die von der anderen Seite als Schwäche und Einladung angesehen wird, noch intoleranter zu werden.
  • eine Europäische Union, die zunehmend offenbart, dass sie keine Wertegemeinschaft, sondern ein Wohlfahrtsbündnis ist, welches nur dann funktioniert, wenn immer mehr Geld zu verteilen ist; (Fällt der Treibstoff großzügiger Mittel weg, wird es für die nationalen Politiker immer schwerer, den Bevölkerungen den Nutzen von Brüssel zu verkaufen.)
  • europäische Regierungen, die sich an Abmachungen nicht halten, Recht brechen und sich zugleich öffentlich außerstande erklären, zum rechtsstaatlichen Zustand zurückzukehren;
  • Staaten und Private, die seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse gelebt haben und niemals in der Lage sein werden, ihre Verpflichtungen, seien es offizielle Schulden oder verdeckte Versprechen wie Renten und Pensionen, zu bezahlen;
  • Regierungschefs, die auf Zeit gespielt haben, ohne die Zeit für etwas zu nutzen und die durch die Eurokrise offensichtlich gewordenen Probleme anzugehen.

Dies alles – und die Aufzählung ist keineswegs vollständig – trifft nun zusammen und verstärkt einander.

Der Krieg wird, wie jeder Krieg, teuer. Damit erhöhen sich die Schuldenlasten der Staaten, die ohnehin uneinbringlich sind. Eine Entwertung der Schulden über unpopuläre Schuldenschnitte wird damit noch unwahrscheinlicher. Naheliegender ist, den Weg zu gehen, den Staaten noch immer gegangen sind, um Kriege zu finanzieren: die Nutzung der Notenpresse, heute mit Helikopter-Geld umschrieben. Die Helikopter wären so oder so aufgestiegen, um den Schuldnern zur Hilfe zu kommen. Jetzt dürften sie schneller starten und mehr Ladung mitnehmen. Angenehmer Nebeneffekt: Die Wirtschaft in Europa dürfte sich endlich deutlicher beleben, eine Scheinblüte zwar, aber eine willkommene. Wenn sie schon aufsteigen, kann man auf diesem Wege auch die Flüchtlingsausgaben besser bewältigen, wie in einem Gastbeitrag in der SZ in der letzten Woche angeregt.

Auf der anderen Seite steht eine zunehmende Dis-Integration. Schon vor den Anschlägen von Paris zeichnete sich angesichts der im Ausland nur mit Kopfschütteln quittierten deutschen Flüchtlingspolitik ein Austritt Großbritanniens aus der EU ab – ob sich unsere Regierung dieser Konsequenzen bewusst war? Einer EU ohne Großbritannien fehlt aber eine Stimme der (ökonomischen) Vernunft und der wirtschaftlichen Freiheit. Die Rest-EU wäre noch mehr von staatsgläubigen Umverteilern dominiert. Immer mehr dürfte damit die EU zu einer „DDR light“ mutieren, in der Umverteilung und Besitzstandswahrung vor dem Schaffen neuen Wohlstands stehen.

Doch nicht nur Großbritannien wird sich von der EU entfernen. Macht die Union die Drohungen wahr, Kooperation in der Flüchtlingsfrage mit finanziellen Sanktionen zu erpressen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Regierungen ihre Länder wieder aus dem nicht mehr als Wohlfahrt fördernd empfundenen Bund führen. Doch selbst wenn es nicht so weit kommt, sind Grenzziehungen innerhalb der EU schon jetzt so gut wie sicher. Schengen ist tot, noch traut es sich keiner zu verkünden. Damit fällt jedoch eines der sichtbarsten Symbole der europäischen Einigung. Das macht es leichter, auch in anderen Dingen einen restriktiven, nationalistischen Kurs zu gehen.

Womit das Schicksal des Euro besiegelt wäre. Gestartet als ökonomisches Heilversprechen ist er mittlerweile zur ökonomischen Zwangsjacke mutiert. Fehlt das Bindeglied einer funktionierenden Union, wachsen die nationalistischen Strömungen und verharrt die Wirtschaft nachhaltig in der Stagnation mit hoher Arbeitslosigkeit, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein Eurokritiker an die Macht kommt und umsetzt, was er verspricht.

Keine ruhigen Zeiten für Europa also. Für die Kapitalanleger werden meine hier gemachten Empfehlungen umso relevanter:

→ Anleger: raus aus Europa“ 

→ Was wäre, wenn der Euro platzt“ 

→ Vermögensanlage in Zeiten des Helikoptergeldes“

Vielleicht raufen sich unsere Regierungen ja doch noch zusammen und es kommt nicht zum Schlimmsten. Doch darauf wetten würde ich nicht. Jetzt kann man noch vorsorgen.

→  WiWo.de: „Die neue Welt – eine Bedrohung für den Euro“, 19. November 2015

5 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    Es ist m. A. n. ziemlich klar, wie sich die Dinge entwickeln werden in Europa.

    Die europäische Integration EU/Eurozone wurde von den Bürgern Europas nicht gewollt – wo durften oder mussten sie auch darüber abstimmen –, sondern sie ist mit Wohlstandsversprechen über ihre Köpfe hinweg vereinbart worden (medialer Höhepunkt: Wedeln mit den neue Euro-Scheinen). Fehlender Widerstand ist als Zustimmung und Bestätigung richtiger Politik interpretiert worden.

    Die Versprechen sind angesichts nicht umkehrbarer Megatrends wie Globalisierung, Demografie, IT/TK nicht nachhaltig einzulösen.

    Unterm Strich wurden sie daher von Anfang an mit Verschuldungsaufbau – hier mehr, dort weniger – kaschiert.

    Damit ist es nun weitgehend vorbei.

    Es kommt daher die Stunde der Wahrheit, beschwert mit Flüchtlingskosten, den Kosten für mehr Sicherheit (im Inland und im Ausland) sowie die Eindämmung weltweiter Armutsmigration:

    Rien ne va plus – der politische Offenbarungseid.

    Er ruft politische Reaktionen hervor, die bestenfalls zu einer plebiszitären Rückabwicklung führen – beispielhaft dafür der Brexit –, vermutlich jedoch auch zu gesellschaftlich destabilisierender Aufruhr mit unkontrollierbarer Eigendynamik.

    Das ist nicht nur eine Vorstellung oder ein Konstrukt.

    Diese Auffassung wird gestützt durch konkrete Entwicklungen, ablesbar an einer sich ändernden Parteienlandschaft.

    Soweit ich sehe, besteht darüber weitgehend Konsens unter denen, die über die Realität nachdenken statt auf die andern diffamierend draufzuschlagen.

    Das Beängstigende:

    Der Entwicklung unterliegt eine „Rationalität“, gegen die nichts auszurichten ist. Ich sehe jedenfalls keine Persönlichkeit, keine Partei, keine „Bewegung“, die dazu in der Lage und bereit ist. Die sogenannte Zivilgesellschaft ist das Problem, nicht die Lösung. Es geht nur noch darum, das erkennbare Desaster abzuwenden, z. B. Trump. Wenn Clinton an die Macht kommt, wird sich nichts Grundsätzliches ändern.

    Aufklärung und Diskurs etc. scheinen mir so sinnlos zu sein, wie mit der Schippe eine Lawine aufhalten zu wollen.

    Wir haben es mit so etwas wie einem von Menschen gemachten Naturereignis zu tun.

    Es betrifft weit mehr als den Euro.

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    • Johannes says:

      „Es betrifft weit mehr als den Euro.“

      In der Tat und dies ist für mich umso beängstigender weil das, was Sie etwas davor geschrieben haben, was inzwischen auch meine Erfahrung geworden ist (nach intensiven Versuchen mit Hilfe der Mittel „Aufklärung und Diskurs“ Veränderungen in Gang zu setzen):

      „Aufklärung und Diskurs etc. scheinen mir so sinnlos zu sein, wie mit der Schippe eine Lawine aufhalten zu wollen.“

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  2. SMS says:

    Chapeau, Herr Tischer! Sie bringen es auf den Punkt. In der Tat habe ich auch den Eindruck, dass man gegen eine Wand redet, wenn man versucht andere aufzuklären. Bleibt einem nur persönliche ökonomische Konsequenzen zu ziehen, etwa die von Herrn Stelter vielfach angeregten Maßnahmen…

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  3. Bruno B. says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,
    Anleger raus aus Europa, dazu eine Frage:
    viele ausländische Aktien kann man in Euro oder an ausl. Börsen in der Fremdwährung erwerben.
    Sehen Sie Vorteile in der Fremdwährung falls der Euro kritisch wird?
    Danke und freundliche Grüße

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Nein. Aktien sind immer Besitz an den Unternehmen. Sie müssen nur sicherstellen, Ihr Eigentum daran nachweisen zu können. In einigen Ländern, z.B. Schweiz handelt es sich um Namensaktien, da können Sie sich gar in das Buch der Gesellschaft eintragen lassen. LG DSt

      Antworten

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