„Aktien im Angebot oder der Griff ins fallende Messer?“

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Selbst wenn die Märkte nach dem turbulenten Jahresauftakt nun den Boden zu finden scheinen – für sogenannte Charttechniker ist die Sache klar. Eine Korrektur von zwanzig Prozent und mehr bedeutet Baisse, und damit sollte es, abgesehen von kleineren Erholungen, weiter bergab gehen. Eine solche Prognose würde eigentlich auch zu dieser Kolumne passen, warne ich doch schon lange vor mauen Renditen angesichts der hohen Preisniveaus an den internationalen Finanzmärkten.

Doch so einfach ist es nicht. Zum einen ist da die Empirie, die die Kollegen der FINANCIAL TIMES am vergangenen Samstag vorgelegt haben. Sie haben anhand historischer Daten festgestellt, dass jene, die an dem Tag, an dem die Märkte gegenüber der Spitze zwanzig Prozent verloren hatten, Aktien gekauft hatten, damit nicht so schlecht gefahren sind. Neunmal hat der S&P 500 seit 1950 mehr als zwanzig Prozent eingebüßt, und nur zweimal haben die Käufer in den darauffolgenden zwölf Monaten richtig Geld verloren. Dies war 1973 und 2008 der Fall. Nach 2001 kam es nur zu einem leichten Verlust von einem Prozent. Und im Schnitt war der Ertrag der nächsten zwölf Monate immerhin zehn Prozent.

Es sind aber nicht solche Zahlenspiele, auf die man sich verlassen sollte, sondern auf die nächste Geldspritze der Notenbanken. Und dafür spricht in der Tat einiges.

Dennoch bietet eine genauere Analyse der genannten Chartverläufe noch interessante Hinweise. In zwei Phasen ging es nach der 20 Prozent Korrektur noch weiter bergab: 1973 und 2008. 1973 lagen die Bewertungen, gemessen am Shiller-PE bereits unter dem langfristigen Durchschnitt, der allerdings durch die Jahre 1995 bis 2015 nach oben verzerrt ist. Nimmt man diese – auf lange Sicht als außergewöhnlich zu betrachtende – Periode aus, waren Aktien auch damals schon teuer. 2008 waren sie wie auch im Jahr 2000 sehr teuer. Konzentriert man sich nun auf diese Kennzahl, zeigt sich, dass in acht von den neun Fällen, in denen nach 20 Prozent Verlust deutliche Gewinne zu erzielen waren, die Aktien schon vor dem Einbruch relativ günstig bewertet waren. Umgekehrt: Nur einmal gelang ein schneller Wiederanstieg der Kurse, obwohl die Aktien zuvor schon relativ teuer waren. Das war der Fall im Jahr 1970. Womit ich zu dem Schluss komme, dass für die Frage, ob man heute in Aktien investieren oder die Finger davonlassen sollte, letztlich doch die Bewertung eine entscheidende Rolle spielt.

Und da ist zunächst festzuhalten, dass US-Aktien nach wie vor recht teuer sind. Das kann auf lange Sicht – und diese kann, wie letzte Woche diskutiert, sehr lange sein – eher maue Renditen bedeuten. Europäische Aktien sind zwar deutlich günstiger. Doch auch dies ist keine Garantie dafür, dass sie sich besser entwickeln – schon gar nicht, wenn die Wall Street weiter fällt ( was nicht ausgeschlossen ist), und die EU weiterhin ihre Probleme nicht in den Griff bekommt (was sogar wahrscheinlich ist).

Auf der anderen Seite hat sich seit Jahresbeginn eigentlich nicht so vieles verändert. Die Zinsen bleiben auf Rekordtief, allen gegenteiligen Beteuerungen der Fed zum Trotz. Der sinkende Ölpreis befördert die Konsumlaune in den Industrieländern, China hat die üblichen Probleme eines Schwellenlandes beim Umbau der eigenen Wirtschaft, und der dortige Aktienmarkt hat eigentlich keine Bedeutung, weil er weder für die Finanzierung der Unternehmen noch als Vermögensklasse der Investoren wirklich relevant ist. Und sollte es dennoch zu Problemen kommen, verfügt die Regierung über genug Macht und Mittel diese zu bereinigen.

Dem gegenüber stehen allerdings die ebenfalls schon lange bekannten Probleme: Die Kapitalflucht aus China und den anderen Schwellenländern und der Druck auf die Ölexporteure, Vermögenswerte zu verkaufen, wirken wie ein gigantischer Margin Call für die Finanzmärkte. China hat nur eine begrenzte Finanzkraft, um eine Abwertung des Renminbi zu verhindern. Sie wird spätestens in drei Jahren aufgebraucht sein, womit sich der deflationäre Druck weltweit verschärft. Wie das halt ist am Ende eines Schulden-Super-Zyklus, was ich als kommende Eiszeit sehe.

Im verzweifelten Versuch, die schmerzhaften Folgen dieses Schuldenbooms aufzuschieben, haben die Notenbanken so viel Geld in die Finanzmärkte gepumpt, dass man überall viel Risiko für wenig Rendite bekommt. Natürlich ist es besser, den DAX bei einem Stand von 9.500 Punkten zu kaufen als bei 11.000. Doch das allein kann als Kaufargument nicht genügen. Natürlich hat man mit Cash einen sicheren Verlust – doch dieser ist bekannt. Nicht bekannt ist, ob es wirklich nicht noch weiter nach unten geht. Ich gebe zu bedenken, dass es in einem Umfeld von mageren Renditen, zwölf Jahre dauert, um einen Verlust von 30 Prozent wieder wettzumachen – und das unter der Annahme einer Nachsteuerrendite von drei Prozent im Jahr.

Zur Erinnerung: 2001 war nur dank der massiven Intervention der Fed für den Investor ein verlustfreier Einstiegszeitpunkt. Wer heute kauft, setzt wieder auf die Notenbanken und ihre erneute Fähigkeit, das System eine Runde weiter zu bekommen und darauf, dass das Vertrauen der Finanzmärkte in die Notenbanken Bestand hat. Ersteres halte auch ich für sehr wahrscheinlich, Zweites aber für zunehmend zweifelhaft. Das muss einem nur klar sein. Es sei denn, das vorherrschende Motiv für Aktien ist die Angst vor zu hohen Cashbeständen auf dem Bankkonto. Auch ein ehrenwertes Motiv, ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis es zu den ersten Bail-ins, also der Beteiligung bei Bankensanierungen, kommt.

Letzte Woche habe ich selbst, wie auch in meiner Kolumne erwähnt, taktisch auf eine Korrektur gesetzt. Ansonsten halte ich an meiner simplen Strategie der Diversifikation fest. Wenn Sie noch untergewichtet sind mit Aktien, nutzen Sie die Schwäche zum gezielten Zukauf von Qualität. Ansonsten: Kurs halten! Das Messer kann noch weiter fallen, egal was die Anlageberater erzählen.

→ WiWo.de: „Aktien im Angebot oder der Griff ins fallende Messer?“, 28. Januar 2016

2 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Wenn die Menschheit doch noch eines Tages von der Loanable-Funds-Theorie erlöst werden sollte, wird sie erkennen, dass Zinsen in gesättigten Märkten mit nur noch homöopathischen Wachstumsraten noch zwei Funktion haben: Deckung der Kosten der Bank sowie des Ausfallrisikos. Für die Sparer bleiben da genau 0,00 %. Ich habe den Namen meines Blogs nicht zufällig ‚Zinsfehler‘ genannt. Ich teile zwar insbesondere nicht Antonio Foglias Schlussfolgerungen, aber seine Analyse zum Zinsniveau sowie der Assetpreisentwicklung passt nicht nur zur mathematischen Logik: http://www.project-syndicate.org/commentary/piketty-wrong-on-income-inequality-by-antonio-foglia-2016-01/german

    LG Michael Stöcker

    Antworten
    • Alexander Gliese says:

      Danke, Herr Stöcker, für den Link. Antonio Foglia beschreibt die Probleme der Reichtumsunterschiede in ihrer Dynamik recht verständlich. Die eigentliche „Sprengkraft“ liegt allerdings auch nach meinem Eindruck global betrachtet weniger in der unterschiedlichen Vermögensverteilung – wenngleich diese natürlich auch ein Problem darstellt –, sondern mehr die Schuldendynamik, die das Wirtschaftswachstum bremst und die Stabilität des Finanzsystems insgesamt gefährdet; das sehe ich genauso wie Herr Stelter.

      Antworten

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