„2030 wünschen wir uns vielleicht, wir wären ausgetreten“

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Dieser Kommentar erschien bei WirtschaftsWoche online:

Großbritannien gilt als großer Brexit-Verlierer. Doch warum legt Brüssel dann so viel Wert auf Bestrafung? Zeit für den EUxit unseres Geldes.

Was für eine Achterbahnfahrt! Zuerst die Brexit Angst, dann die Erholungsrallye, als die Umfragen für ein Verbleiben sprachen, dann der Einbruch, als die Briten das taten, was die Mehrheit der Beobachter für undenkbar hielt. Und nun eine neue, immer öfter gehörte Deutung, dass der Brexit für die Briten ein wirtschaftliches Desaster sei, während der Rest von Europa und die Weltwirtschaft nur gering davon tangiert würden.

Brüssel scheint der EU selbst nicht zur trauen

Bekanntlich bin ich, was die wirtschaftlichen Auswirkungen für Großbritannien betrifft, nicht so sicher, dass der Austritt wirklich auf Dauer die befürchteten negativen Folgen hat. Abschätzen kann es ohnehin zum heutigen Zeitpunkt niemand, weil wir nicht wissen, wie genau die Ausgestaltung der neu zu verhandelnden Vertragsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU sein wird.

Die Tatsache, dass die zutiefst verletzten Brüsseler Machteliten auf eine harte Behandlung Englands drängen, vor allem, um andere Länder von einem ähnlichen Schritt abzuhalten, zeugt von einem geringen Vertrauen in das eigene Projekt.

Wer von seinem Nutzen und Mehrwert überzeugt ist, muss nicht zu solch billigen Methoden greifen. Wenn man die Töne aus Brüssel hört, liegt es nahe, an eine Wohngemeinschaft zu denken, deren Zusammenhalt dadurch gesichert wird, dass man vor der Tür scharfe Hunde platziert, die nicht am Zugang, sehr wohl aber am Verlassen hindern. Eine europäische Variante des von den Eagles 1976 besungenen „Hotel California“. Besser wäre es allemal, die EU attraktiver zu machen.

Ob die Zeit dafür noch reicht, ist fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass sich die zunehmende Unzufriedenheit in der EU nicht mehr so lange unterdrücken lässt, und sich auch in anderen Ländern Mehrheiten für einen Exit finden. Spannend wird es, wenn das erste Euroland seinen Austritt erklärt. Spätestens dann stehen die EU und der Euro zur Disposition. Aus diesem Grunde habe ich an dieser Stelle schon vor zwei Wochen geschrieben, dass die Eurozone keineswegs besser dastehen muss als Großbritannien, vor allem, wenn man einen fünf bis zehnjährigen Horizont ansetzt. Die Eurozone:

  • bleibt gefangen in einer Dauerstagnation bedingt durch zu viele faule Schulden, rückläufige Erwerbsbevölkerung, schwaches Produktivitätswachstum, Reformstau und eine Mentalität, die die Umverteilung von Wohlstand über die Schaffung von Wohlstand stellt.
  • ist unfähig die erforderliche politische Antwort auf diese Krise zu geben. Weder die deutsche Sparpolitik, noch die südländische Schuldenwirtschaft sind die richtige Lösung. Was wir brauchen, sind Schuldenrestrukturierungen, Reformen und eine Neuordnung der Eurozone. In keinem der drei Punkte ist auch nur ansatzweise ein Fortschritt zu sehen.
  • besteht nur noch Dank der Geldschwemme der EZB, die die Zinsen zusätzlich gedrückt hat und so die unweigerliche Pleite nur aufschiebt. Die gekaufte Zeit wird von den Politikern nicht genutzt, weshalb die EZB in einer Abwärtsspirale gefangen bleibt und immer mehr und immer billigeres Geld in das System pumpen wird.

Kommt es nun zu einer erneuten Rezession – vielleicht gar ausgelöst durch den Brexit – in der Eurozone, ist der politische Zusammenhalt noch mehr gefährdet. Das Wohlstandsversprechen, welches die EU gegeben hat, wird spätestens seit 2008 nicht mehr erfüllt. Davor haben der Binnenmarkt und vor allem der vom Euro ausgelöste Verschuldungsboom zu einer Wohlstandsillusion beigetragen. Sinkender Wohlstand, Unfähigkeit der Regierungen, die Grundursachen zu bekämpfen und die als „Flüchtlingskrise“ unzureichend beschriebene Migrationskrise machen das Haus EU mitsamt seinem Zahlungsmittel Euro immer unwohnlicher.

Die EU setzt auf die Verteilung von Wohlstand, nicht dessen Schaffung

Die Vorstellungen der Politik, durch eine „sozialere“ Gestaltung der EU den gefühlten Wohlstand und damit die Attraktivität der EU zu erhöhen, werden das Gegenteil bewirken: Es ist die Fortsetzung einer Politik, die Verteilung vor Schaffung von Wohlstand stellt. Gerade für uns Deutsche sind das keine guten Aussichten, weil unsere Handelsüberschüsse fälschlicherweise mit Reichtum gleichgesetzt werden, obwohl alle Studien zeigen, dass in den meisten EU-Ländern das Privatvermögen pro Kopf deutlich über hiesigem Niveau liegt.

Natürlich lassen sich auch mit Blick auf Großbritannien etliche wirtschaftliche Probleme feststellen: einseitige Abhängigkeit vom Finanzsektor, riesiges Handelsdefizit, schlechte Bildung der breiten Schichten ohne Zugang zu den herausragenden Privatschulen und eine Infrastruktur, die erheblichen Nachholbedarf hat.

Briten wollen gesteuerte Einwanderung

Auf der anderen Seite hat das Land einige Trümpfe im Ärmel. Es bleibt hoch attraktiv für qualifizierte Einwanderer. Was hier in der Diskussion immer wieder übersehen wird, ist, dass die Befürworter des Brexit keineswegs gegen jede Einwanderung sind. Im Gegenteil, es wurde ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild diskutiert. Verbunden mit dem Vorteil der Sprache bliebe das Land damit nicht nur für qualifizierte Zuwanderer attraktiv, es könnte sogar gerade gegenüber der EU noch attraktiver werden, weil die Lasten der Umverteilung geringer sind als bei uns.

Hier hilft auch die Tatsache, dass die Spitzenbildung in Großbritannien durchaus etwas zu bieten hat. Neben den berühmten Privatschulen sind dies vor allem die Universitäten. Im letzten Ranking der 100 besten Universitäten der Welt ist Großbritannien immerhin mit acht Universitäten vertreten. Die EU bringt es (ohne GB) auf 17, davon vier Deutsche.

Bezeichnend ist, dass von den 13 EU-Universitäten außerhalb Deutschlands und Großbritanniens neun in Ländern liegen, in denen es auch mit Blick auf die EU gärt, nämlich in Schweden, Finnland, Dänemark und Holland. In den Krisenländern der EU gibt es übrigens keine Universität in der Rangliste der 100 besten weltweit.

Eine gesteuerte Einwanderung, ein herausragendes Bildungssystem und die geringe Sprachbarriere könnten sich für Großbritannien in den kommenden Jahren außerhalb der EU zu einem Wettbewerbsvorteil entwickeln.

Mit Blick auf den Brexit hatte JP Morgan schon vor einigen Wochen festgestellt, dass die Wirtschaft Großbritanniens deutlich mehr mit Deutschland, Schweden, Irland und Holland gemein hat, als mit Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Während wir mit letzten weiterhin in einem Boot sitzen, noch dazu gefesselt in das Korsett einer eigenen Währung, kann Großbritannien sich auf die eigenen Stärken besinnen und perspektivisch weitere Länder anlocken. Was würde Holland, Schweden und Dänemark daran hindern, sich einer erfolgreichen Freihandelszone unter angelsächsischer Führung anzuschließen?

All dies klingt heute noch wie eine wilde Fantasterei. Doch zeigt die Geschichte, dass keine Entwicklung unumkehrbar ist.  Als Investor müssen wir anfangen, uns auf diese Szenarien einzustellen. Denn eines ist klar: Die Eurozone ist sicherlich kein sicherer Hafen für den Sturm, der sich da zusammenbraut.

WirtschaftsWoche online: „2030 wünschen wir uns vielleicht, wir wären ausgetreten“, 30. Juni 2016

5 Kommentare
  1. mg says:

    Glaub ich nicht…das Problem ist nicht die EU sondern der €uro. Bzw. die Haftungsrisiken die Deutschland im Rahmen der Eurokrise übernommen hat.

    Der Migrationskrise wird man sich annehmen müssen. Mit dem Problem hat Deutschland et al die Südstaaten zu lange allein gelassen. Auch die Grünen werden nicht protestieren, wenn mit deutschem Geld Zäune und Stacheldrähte hochgezogen und benachbarte Despoten zwecks Abwehr engagiert werden. Vor den Flüchtlingen, die es doch nach Europa schaffen, ist auch Great Britain nicht sicher. Jene finden ihren Weg auch ins gelobte Königreich.

    Ich bin mir nicht einmal sicher, ob der Brexit kommt. Das Ergebnis war knapp, das Parlament muss dem Referendum nicht folgen, Nigel Farage und Co ziehen sich schon zurück, weil sie die Verantwortung nicht übernehmen wollen.

    Bleibt die europäische Banken- und Finanzkrise.

    Lieber Herr Stelter, wenn es deflationär kracht, dann richtig. Wenn Inflation kommt, dann bleiben auch die angrenzenden Währungsräume wie CHF und GBP nicht verschont. Eine schwache Währung macht Importe teurer. Alle Länder, die Rohstoffe mit ihrem Knowhow und ihrer Ingenieurkunst „veredeln“, profitieren von einer starken und stabilen Währung. Wie sie selber schreiben, ist eine starke Währung Konsequenz einer leistungsfähigen Exportwirtschaft und es ist und bleibt kontraproduktiv i.e. wohlstandsmindernd seine Qualitätsprodukte billig auf den Weltmärkten zu verschleudern.

    Herzliche Grüsse aus Zürich

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Ich glaube weder das eine, noch das andere. Die Haftungsrisiken waren so oder so vorhanden. Die Eurokrise ist eine Folge der Leistungsbilanzkrise und die Leistungsbilanzkrise ist insbesondere eine Folge der asymmetrischen Kreditexpansion auf Basis uneinheitlicher Bonitätsstandards zwischen dem Norden und dem Süden (im Norden zu wenig, im Süden zu viel). Ohne ESM und Co. wären die Verluste unmittelbar realisiert worden. Jetzt gibt es hohe TARGET-Salden, die das Spiegelbild der LB-Defizite sind und somit darüber Auskunft geben, wohin das ganze Zentralbankgeld geflossen ist, das wegen der hohen Ausfallrisiken nicht mehr über den Interbankenmarkt gen Süden kreditiert wird. In marxscher Diktion handelt es sich bei den TARGET-Salden überwiegend um fiktives Kapital. Ein moderner saldenmechanischer Erklärungsansatz für dieses fiktive Kapital findet sich Bernard Schmitt: http://www.quantum-macroeconomics.info/

      Manch einer erkennt mit reichlicher Verzögerung die Bedeutung des Kreditzyklus in einem fremdkapitalistischen/bankkapitalistischen Kreditgeldsystem (Wachstum M1/M2/M3): http://www.weitwinkelsubjektiv.com/2016/07/01/wie-der-kredit-eine-rezession-aufschieben-aber-niemals-aufhalten-kann/. Aber besser spät als nie; was wohl für viele Mainstream-Ökonomen leider immer noch gilt, die an die Loanable-Funds Theorie glauben.

      Im Nachhinein ist man immer schlauer (mich eingeschlossen). Es wäre besser gewesen, wir hätten den Euro nicht eingeführt. Allerdings nicht nur wegen Griechenland, Italien und Co., sondern insbesondere auch wegen Deutschland. Aber: Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Eine Auflösung/Neuordnung des Euro ist nur die Second-Best-Lösung und hinsichtlich GB bin ich eher auf der Seite von BBB: http://www.brookings.edu/blogs/ben-bernanke/posts/2016/06/28-brexit.

      Sollte Schäuble allerdings bei seiner bigotten Huldigung der schwarzen Null bleiben, dann ist der €xit die ultima ratio, um zu verhindern, dass aus der schwarzen Null ein schwarzes Loch wird, dessen Gravitationskräfte bereits an den politischen Rändern ihr destruktives Potenzial entfalten.

      Die alte Weisheit von Churchill über die Amerikaner dringt wohl leider nicht mehr rechtzeitig zu unserem schwäbischen Hausmann vor. Denn der kann weder Hochdeutsch noch Englisch: https://www.youtube.com/watch?v=UVWXbw43oP4. Kognitive Dissonanz und/oder Altersstarrsinn wirken wie Brandbeschleuniger und verstärken die Gravitationskräfte am schwarzen Loch. Und somit könnte Daniel Stelter letztlich doch noch recht behalten.

      Herzliche Grüße aus Dresden nach Zürich, wo populistischen Trittbrettfahrern ein Paradeplatz geboten wird: http://insideparadeplatz.ch/2016/06/29/brexit-der-anfang-vom-ende-der-eu-und-des-euros/

      Antworten
      • Michael Stöcker says:

        Weder noch.

        Das eine: „2030 wünschen wir uns vielleicht, wir wären ausgetreten“
        Das andere: „…das Problem ist nicht die EU sondern der €uro.“

        Ihrem Deflations-/Inflationsszenario kann ich weitgehend folgen. Entspricht auch meinen Wissensstand aus einem Seminar bei Prof. Emil Maria Claassen in den 80er Jahren zum Thema „Internationale Finanzmärkte und Weltinflation“ (so auch der Titel eines Buches von Claassen aus den 70er Jahren).

        LG Michael Stöcker

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