Schulden sind gut – Eigentumsökonomik I

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Dieser Blog beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Folgen zu hoher Verschuldung. Wie verschiedentlich dargelegt, sind die Schulden von Staaten, privaten Haushalten und Nichtfinanzunternehmen in der westlichen Welt von 1980 bis 2012 von 180 Prozent des BIP auf rund 340 Prozent des BIP gestiegen. Real, also bereinigt um die Inflation, haben die Unternehmen mehr als drei-, die Staaten mehr als vier- und die privaten Haushalte sogar mehr als sechsmal so viele Schulden wie 1980. Dies ist der Hauptgrund für die Misere, in der wir uns befinden. Vor allem, weil die Schulden immer noch weiter wachsen.

Nun könnte man denken, ich bin prinzipiell gegen Schulden. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil: Schulden sind gut für die wirtschaftliche Entwicklung. Erst die Existenz von Schulden ermöglicht anhaltendes Wachstum einer Volkswirtschaft, zunehmende Produktivität – also effizientere Nutzung von Ressourcen − und technischen Fortschritt. Der Grund dafür ist einfach: Schulden führen zu Druck. Der Schuldner muss hart arbeiten und sich etwas einfallen lassen, wenn er die Schulden wieder zurückzahlen möchte. Das klingt überraschend, und es lohnt sich, darauf detaillierter einzugehen.

Die Gründungsgeschichte Roms ist bekannt: Die Zwillinge Romulus und Remus gründen im Jahre 753 vor Christus Rom an einer Stelle, an der es bereits seit Jahrhunderten Siedlungen gegeben hat. Romulus ermordet Remus, nachdem sich dieser über die Abgrenzungsmauern lustig macht, die Romulus zwischen den einzelnen Grundstücken errichtet hat. Soweit die Legende. Was folgt, ist der beispiellose Aufstieg einer anfangs armen Gesellschaft zur unbestrittenen Weltmacht.

Mehr als 2000 Jahre später entwickelt sich England von einem rückständigen Agrarland zur Wiege der industriellen Revolution und zum Weltreich des 19. Jahrhunderts.

Nach Erkenntnis der Professoren Gunnar Heinsohn und Otto Steiger (auf deren Theorie der Eigentumsökonomik ich mich hier beziehe), steht das Privateigentum entscheidend hinter dieser Entwicklung. In Rom und England gab es eine erfolgreiche Revolution der Leibeigenen gegen die zuvor bestehende Feudalherrschaft. Während es in Rom zu einer gleichmäßigen Aufteilung von Grund und Boden auf die Revolutionäre kam, behielt der Adel in England die Ländereien, konnte jedoch nicht mehr auf Zwangsarbeiter zurückgreifen, sondern musste diese für ihre Arbeit bezahlen. Die Arbeiter bekamen praktisch das „Eigentum an sich selbst“ wieder zurück.

So kann man den Mord des Romulus an seinem Bruder Remus verstehen: Er hat allen gezeigt, dass nicht eine Stammeswirtschaft oder eine neue Feudalstruktur aus der Revolution hervorgeht, sondern eine Gesellschaft, in der jeder für sich alleine steht. Jeder hatte Eigentum an Grund und Boden, welches er nutzen und gegen andere verteidigen musste. Romulus machte dies durch den Mord für alle deutlich. Was die Revolutionäre freilich nicht ahnten, war, dass sie damit einen Mechanismus in Gang gesetzt hatten, der zu einer ungemeinen wirtschaftlichen Dynamik führt. Denn Eigentum führt zu Schulden, Zins und Geld – und zwar in dieser Reihenfolge. Und diese Zusammenhänge muss man verstehen, wenn man die heutige Krise verstehen will.

Die erfolgreichen Revolutionäre, die neuen Eigentümer, genossen nicht mehr die Sicherheit des Kollektivs mit gemeinsamer Lagerhaltung und gegenseitiger Hilfe. Sie waren auf sich alleine gestellt und gezwungen, individuelle Vorsorge für den Fall von Notlagen wie Missernten und Krankheit zu treffen, weshalb sie begannen, eigene Vorräte anzulegen.

Nicht alle Eigentümer wirtschaften gleichermaßen erfolgreich. Einige schaffen es mit Fleiß und Talent, gute Erträge aus ihrem Grund und Boden zu ziehen, oder sie kommen auf die Idee, das Land anders zu nutzen. So wie Landherren in England, die auf Schafzucht umstellten. Diese war mit weniger Arbeitskraft zu bewerkstelligen, die ja nunmehr bezahlt werden musste. Die Schafzucht legte die Grundlage für die Textilindustrie, einem neuen und sehr profitablen Wirtschaftszweig.

Andere hingegen stellen sich weniger geschickt an oder haben schlichtweg Pech.

Geriet ein Privateigentümer in Not, so konnte er sich von einem anderen Saatgut und Lebensmittel leihen. Der Kreditgeber hatte das Risiko, dass sein Schuldner den Kredit nicht zurückzahlt. Um dieses Risiko abzudecken, musste der Schuldner einen Teil seines Grundstücks verpfänden. Hier zeigt sich die wesentliche Eigenschaft von Eigentum: Man kann es frei verkaufen, aber auch belasten und verpfänden.

In der Tat zeigen alte Kreditvereinbarungen aus Mesopotamien – wo schon lange vor Rom ähnliche Verhältnisse geherrscht haben –, dass das Pfand der Fläche entsprach, die für die Erzeugung der entliehenen Menge von Saatgut und Lebensmitteln erforderlich war.

Voraussetzung für einen Kredit ist das Vorhandensein von Eigentum. Auch heute ist es nur im Bereich der Überziehungskredite möglich, ohne Verpfändung von Eigentum einen Kredit zu bekommen. Allerdings haftet der Schuldner mit allem, was er hat und seinem zukünftigen Einkommen für einen solchen Kredit. In allen anderen Fällen verlangt der Kreditgeber, üblicherweise eine Bank, Sicherheit in Form von einem Anrecht, das Eigentum des Kreditnehmers in Besitz zu nehmen. Eine Hypothek ist im Grundbuch vermerkt, und auch bei Unternehmenskrediten sind solche Sicherheiten üblich, indem beispielsweise Maschinen, Anlagen und Forderungen verpfändet werden.

Kreditgeber, die einen Teil ihres Eigentums als Kredit herausgeben, haben ein großes Interesse, ihr Eigentum zurückzubekommen. Um die Rückzahlung zu gewährleisten, benötigen die Gläubiger deshalb eine Sicherheit in Form des Pfandes. Umgekehrt ist es im Interesse der Schuldner, ihr verpfändetes Eigentum zu behalten. Sie wollen die Schulden ordnungsgemäß bedienen, um ihr Eigentum nicht zu verlieren. Man gibt normalerweise nur dann einen Kredit, wenn man das Pfand – beispielsweise eine Immobilie – für entsprechend werthaltig hält, und man leiht sich nur dann Geld, wenn man davon ausgeht, den Kredit tilgen zu können. Das ist wichtig zu verstehen, wenn wir uns dem Thema der Überschuldung der westlichen Welt nähern.

Damit haben wir die zwei ersten Komponenten unsere Wirtschaftssystems erklärt: Eigentum und Schulden. Im Teil 2 am kommenden Mittwoch beschäftigen wir uns mit dem Zins.

19 Antworten
  1. Ronny Stumpe says:

    Ich nehme Bezug auf diesen Satz: „Allerdings haftet der Schuldner mit allem, was er hat und seinem zukünftigen Einkommen für einen solchen Kredit.“

    Das ist hier in D nicht mehr so. Es gibt inzwischen einen relativ hohen pfändungsfreien Betrag und überdies die Restschuldbefreiung des Schuldners per Richterspruch. Das klassische Schuldverhältnis dürfte daher empfindlich gestört werden, denn es ist nicht nur eine vernachlässigbare Randgruppe, die hier ihre Schulden nicht mehr bedient.

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  2. Kirchhoff says:

    Schulden sind gut … für den, der sie nicht hat! Aber auch das währt nicht ewig!

    „anhaltendes Wachstum einer Volkswirtschaft, zunehmende Produktivität – also effizientere Nutzung von Ressourcen − und technischen Fortschritt“ nützen nur einem von dreien. Die großen Verlieren sind die Massen und der Planet.

    Man kann soviel erklären wie man will, wir kommen aus dem Dilemma nicht heraus.
    Es ist alles schon gesagt – nur noch nicht von jedem!

    Guten Tag

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  3. Stefan Wehmeier says:

    Wer … das Zinsgeld verteidigen will, das den Urzins erpresst und damit alle Probleme erst erzeugt, mit denen man sich als „Wirtschaftsexperte“ dann beschäftigen kann, kommt auf den irrsinnigen Gedanken vom „Schuldenmachen“, um Kreditnehmer psychologisch zu verunglimpfen. In der Realität können Schulden niemals „gemacht“ werden, weder vom Staat noch von Banken oder Unternehmern. Denn jede Kreditaufnahme setzt voraus, dass zuvor ein anderer eine Ersparnis gebildet hat und bereit ist, diese zu verleihen. Erst dann entsteht ein Vermögen/Schulden-Paar – und erst dann ist das Gleichgewicht wiederhergestellt! Ein Ungleichgewicht in der Volkswirtschaft entsteht also nicht durch das „Schuldenmachen“, das es als isolierten Vorgang gar nicht gibt, sondern dadurch, dass eine Geldersparnis gebildet und nicht verliehen wird. Dieses Ungleichgewicht ist die Möglichkeit zur Geldhortung, die den Warenaustausch blockiert, bis jemand bereit ist, den Urzins zu bezahlen. Damit wird der Urzins des herkömmlichen Geldes zur „Vorbedingung der Warenerzeugung überhaupt“:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/10/geld.html

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Da bin ich nicht ganz bei Ihnen. Zunächst kann man in unserem System auch „Schulden“ schaffen, ohne vorangegangene Ersparnis. Letzteres bzw. das Vermögen erwächst dann erst aus der Verwendung der Schulden für Konsum und Investition.
      In der Welt der Eigentumsökonomik war es anders. Es wurde erst gespart und dann verliehen in Notzeiten. Der Zins ist da ohne Zweifel eine faire Entschädigung für Risiko und Vezicht auf Verfügungsgewalt über Eigentum. Es führt zu Druck beim Schuldner, der unangenehm aber gut ist. Ab dem Moment, dass nicht mehr Naturalien gespart werden, sondern Geld gespart wird, ist das Nicht-Verleihen in der Tat problematisch. Da wären wir dann bei der säkularen Stagnation. Problem ist dann, dass die Schuldner nicht mehr können oder sollen, und die Gläubiger der Illusion unterliegen, ihre Ersparnisse seien werthaltig. Ich bleibe ein Freund des Schuldendrucks und sehe die heutigen Probleme darin, dass zu lange zu viele Schuldner (mit Förderung der Gläubiger und der Politik) Schulden gemacht haben, ohne ernsthaft eine Mehrleistung zur Tilgung zu erbringen.

      Aber wir müssen nicht einer Meinung sein – davon lebt die Diskussion auf diesen Seiten.

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      • Stefan Wehmeier says:

        „…auch “Schulden” schaffen, ohne vorangegangene Ersparnis.“

        Dann müsste die Summe der Kredite größer sein als die Summe der Geldvermögen. Das ist jedoch nie der Fall. Es gilt stets:

        Geldvermögen = Kredite + M1 – (über Fristentransformation verliehener Anteil von M1)

        „Der Zins ist da ohne Zweifel eine faire Entschädigung für Risiko und Verzicht auf Verfügungsgewalt über Eigentum.“

        Es geht nicht um die Risikoprämie (Kreditausfall-Versicherung), sondern um die Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins), die allein aus der parasitären – der wesentlichen Tauschfunktion widersprechenden – Wertaufbewahrungsfunktion des herkömmlichen Geldes (Zinsgeld) resultiert, welches gänzlich unreflektiert dem Edelmetallgeld der Antike nachgeäfft wurde:

        http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

  4. Klaus Meyer says:

    Stefan Wehmeier sagt am 20. Juli 2014 um 00:34:

    „In der Realität können Schulden niemals “gemacht” werden, weder vom Staat noch von Banken oder Unternehmern. Denn jede Kreditaufnahme setzt voraus, dass zuvor ein anderer eine Ersparnis gebildet hat und bereit ist, diese zu verleihen.“

    Was für gewaltige Mengen an Opium muss man rauchen, um so einen Unfug von sich zu geben?

    Es ist doch gerade der tagtäglich abermillionenfach laufendende Kern des Kapitalismus, dass Kredite gegen besicherbares Eigentum gemacht werden – und damit Guthaben auf Geld, bzw. Geld, geschaffen werden.

    Gruß

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  5. Burkhardt Brinkmann says:

    Die Geldschöpfung hat einen Preis. Beim Warengeld (Gold) den Warenpreis (der freilich wesentlich durch die Geldfunktion der Ware bedingt ist), beim Kreditgeld den Zins.
    Goldgeld wäre wegen der Knappheit des Edelmetalls zumindest heute viel zu teuer. (Es war aber wohl ohnehin auch in der Vergangenheit niemals das alleinige Zahlungsmittel; daneben gab es schon immer auch kreditgeschöpftes Geld und unterwertig ausgeprägte Münzen, also eine Form von Willkürgeld.)

    Bleibt die kreditäre Geldschöpfung. Die hat gegenüber dem Willkürgeld den Vorteil, dass sie volkswirtschaftlich besichert ist:
    Mit dem Kredit bekommen Schuldner einen vorschussweisen Zugriff auf das Marktangebot.
    Indem sie die Schulden zurückzahlen müssen, sind sie Kreditnehmer gezwungen, auch ihrerseits (später) etwas am Markt anzubieten. Somit haben sie, was sie vorher dem „gemeinschaftlichen Topf“ entnommen haben, wieder zurückgelegt (bzw. etwas mehr, weil sie ja auch die Zinsen erwirtschaften mussten).

    Insofern sind Schulden, oder genauer: ist die Tilgungspflicht, nicht einfach nur „gut“ als „Produktionspeitsche“: Sie ist vielmehr ein im Kreditgeld eingebauter VOLKSWIRTSCHAFTLICHER Besicherungsmechanismus (der dem Willkürgeld fehlt, welches daher notwendig inflationär ist). (Daneben gibt es natürlich die bankwirtschaftliche, oder betriebswirtschaftliche, Besicherung durch Kreditsicherheiten.)

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  6. Erich Marquart says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,
    in einem Ihrer Graphiken zeigen Sie die Staatsverschuldung verschiedener EU Ländern. Ich nehme an, dass es sich dabei um die expliziten Schulden handelt. Blieben die impliziten Staatsschulden (Pensionsbelastung) unberücksichtigt und wenn ja aus welchem Grund? Addiert man die implizierten und die expliziten Schulden hätte Deutschland eine höhere Staatsverschuldung als Italien. Die impliziten Staatsschulden in Italien sollen angeblich nur bei 25% des BIP liegen, während in Deutschland bei über 100% des BIP. Können Sie dies bestätigen?

    Mit den besten Grüßen
    Erich Marquart

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Herr Marquart,

      richtig! Es sind nur die offiziellen Schulden. Die faktischen liegen deutlich höher, auch über jenen Italiens. Allerdings sind Ihre Werte ‒ leider! ‒ viel zu tief. In Deutschland dürfte die Staatsschuld bei ordentlicher Buchführung bei rund 400 Prozent des BIP liegen, in F, UK, USA, J sogar noch deutlich darüber. Dazu habe ich auch was auf meiner Seite, müsste unter „verdeckte Verbindlichkeiten“ stehen.

      Danke für Ihr Interesse,

      DSt

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