Piketty – Vermögen – Schulden – Schuldenschnitt

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„Capital“ von Thomas Piketty genießt zu recht große Aufmerksamkeit in den Medien und wird aus guten Gründen gelobt. Schon vor der Osterpause hatte ich entsprechende Artikel verlinkt.

Die Aufarbeitung historischer Daten von Piketty ist einmalig, und schon in meinem Buch „Die Billionen Schuldenbombe“ habe ich auf Analysen von ihm verwiesen, die die Entwicklung der Vermögenswerte einer Volkswirtschaft relativ zum BIP aufzeigen. Ergebnis: Die Vermögenswerte liegen langfristig zwischen dem Vier- und Sechsfachem des BIP. Ein einleuchtendes Ergebnis, haben doch alle Vermögenswerte letztlich nur einen Wert aufgrund ihrer Ertragskraft. Eine Volkswirtschaft hat somit auch nur einen Wert, der dem abgezinsten Wert aller künftigen Erträge entspricht.

In seinem Buch geht Piketty weiter. Er zeigt nicht nur die Entwicklung der Vermögenswerte sondern auch die Verteilung derselben innerhalb der Bevölkerung. Dabei wird deutlich, dass es in der Geschichte in Wellen zu zunehmender Vermögenskonzentration gekommen ist, die nur durch Naturkatastrophen, Kriege und Währungsreformen wieder nivelliert wurde. Angesichts der in weiten Teilen der Welt heute gegebenen hohen Vermögenskonzentration keine erfreuliche Aussicht.

DIE WELT fasst zusammen: „Pikettys Formel ist einfach: Weil in der Regel die Kapitalerträge höher sind als das Wachstum der Volkswirtschaft, ist Ungleichheit keine versehentliche Begleiterscheinung des Kapitalismus, sondern eine zwangsläufige Konsequenz.” Richtig. Und wenn man in die Geschichte blickt, so stellt man fest, dass es sich nicht um eine Erscheinung des heutigen Kapitalismus handelt, sondern in allen Formen des eigentumbasierten Systems vorgekommen ist. Schon in Mesopotamien gab es das Phänomen der zunehmenden Vermögenskonzentration und einen einfachen, bereits in der Bibel beschriebenen Ansatz: das Jubeljahr. Hier empfehle ich nochmals die Lektüre meiner Serie zur Eigentumsökonomik.

Hiermit soll nicht die Enteignung der Sparer und Vermögenden propagiert werden. Es wird nur zu leicht vergessen, dass den Vermögen auch entsprechende Schulden gegenüberstehen. Die Deutschen haben zum Beispiel 5,2 Billionen Euro an Geldvermögen. Das ist jedoch nicht unter dem Kopfkissen, sondern zum großen Teil bewusst oder unbewusst verliehen. Und wie schon oft angesprochen, sind wir keine cleveren Kreditgeber, denn unsere Schuldner sind nicht immer in der Lage ihren Verpflichtungen nachzukommen – siehe Eurokrise.

In der Tat lassen sich historische Umbrüche sehr gut mit wirtschaftlichen Problemen und Verschuldung in Zusammenhang bringen. In Frankreich war vor der Revolution der Staat faktisch pleite (ein Drittel des Haushalts diente den Zinszahlungen auf  die staatlichen Schulden). Auch der Niedergang Roms ist durchaus mit Vermögensverteilung und Verschuldung, Entwertung des Geldes und übrigens auch einer fallenden Geburtenrate verbunden. Passend dazu greift der FOKUS
das Thema aus einem anderen Blickwinkel auf: dem Niedergang von Hochkulturen. Kernaussage: „Wenn eine Gesellschaft die vorhandenen natürlichen Ressourcen übermäßig plündere und zugleich in eine reiche Elite und arme Massen gespalten sei, führe das unweigerlich zum Kollaps. Denn die Leute an den Hebeln der Macht wären als letzte von den Folgen der Krise betroffen und würden es deshalb versäumen, rechtzeitig umzusteuern.” Einen solchen Zustand haben wir sicherlich noch nicht erreicht. Es kann aber auch sein, dass die Toleranzschwelle für Verteilungskonflikte in heutigen Zeiten tiefer liegt als vor Jahrhunderten.

Bereits vor einigen Wochen habe ich auf eine neue Studie des IWF verwiesen, in der aufgezeigt wird, dass Länder mit einer gleichmäßigeren Vermögensverteilung höhere Wachstumsraten aufweisen als Länder mit einer eher ungleichen Vermögensverteilung. Zwar bin ich skeptisch, was diese Analysen betrifft. So werden die skandinavischen Länder als Beispiel für eine gleichmäßigere Vermögensverteilung und höhere Wachstumsraten gewählt. Der Grund für dieses höhere Wachstum kann jedoch an der ansonsten guten Politik dieser Länder liegen: herausragende Bildung, ausgezeichnete Sprachkenntnisse, guter Industriemix. Umgekehrt gibt es zahlreiche Beispiele für die Flucht von Erfolgreichen und Vermögenden aus diesen Ländern. Der Eigentümer von Ikea wohnt in der Schweiz, ebenso die Erfinder von Tetrapak. Sogar der Bestsellerautor Jonas Jonasson („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) lebt lieber im klimatisch und steuerlich schönen Tessin. Dann wäre die Korrelation von Vermögensverteilung und Wachstum nur ein weiteres Beispiel für die Mahnung aus dem Statistikunterricht: Eine Korrelation ist noch lange keine Kausalität.

Trotz dieser Bedenken werden die Thesen auch von höchst prominenter Stelle aufgegriffen. Martin Wolf kommt in der FT zu dem Schluss, dass es angesichts der Studien von Piketty und des IWF vernünftig sei, das Thema der Vermögensverteilung von politischer Seite anzugehen. Letztlich ließe sich nur so die Dynamik der freien Wirtschaft mit der breiten politischen Akzeptanz verbinden – und höhere Wachstumsraten erzielen. Den Weg dazu hat der IWF ebenfalls in einer Studie aufgezeigt: einmalige Vermögensabgaben. Ähnlich sehen das auch die Professoren Reinhart und Rogoff in einem Beitrag für den IWF, und die Bundesbank weist in  eine vergleichbare Richtung – zunächst für die Krisenländer Europas. Passend dazu auch die Warnungen vor einer „säkularen Stagnation“, also einer langen Phase geringen Wachstums in den Industrieländern bedingt durch einen „Ersparnisüberhang“, der bei genauerer Betrachtung nichts anderes widerspiegelt als eine zunehmende Vermögenskonzentration bei gleichzeitig bestehender Überschuldung von Staaten und Privaten.

Damit scheint klar, wohin die Reise geht. Angesichts der ungelösten Überschuldungsproblematik – der anderen Seite der hohen Vermögen – wird über den geeigneten Weg nachgedacht, beides abzubauen: die Schulden und die Vermögen. Bis es soweit ist, kann es aber noch durchaus eine Weile dauern. Zunächst wird die heutige Politik des Spiels auf Zeit fortgesetzt werden. Je deutlicher jedoch wird, dass die Schuldendynamik angesichts geringer Wachstumsraten nicht in den Griff zu bekommen ist, desto wahrscheinlicher werden Maßnahmen, die Verschuldung und Vermögen im Zusammenhang sehen.

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