Exportüberschüsse: auch eine Verteilungsfrage in Deutschland

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Die Familienunternehmer melden sich heute im Handelsblatt zu Wort. Kernaussagen:

  • Die deutschen Exportüberschüsse sind kein Problem, sondern helfen im Gegenteil indirekt den anderen Ländern Europas.
  • Die von der neuen Regierung angestoßenen Reformen werden das Problem der Überschüsse nicht lösen. Und wenn, dann nur über eine Schwächung des Standorts durch mehr Arbeitslosigkeit und Abwanderung von Investitionen.

Die Argumente haben etwas. Sie belegen jedoch nur erneut, dass bei diesem Thema immer aus verschiedenen Blickwinkeln aneinander vorbei geredet wird. Die Antwort auf die Kritik kann nicht sein, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu schwächen. Die Antwort kann schon gar nicht sein, durch Mindestlöhne den Osten Deutschlands zu entvölkern. Und erst recht nicht, Rentengeschenke in Milliardenhöhe zu verteilen, die sich ein Staat mit effektiven Schulden von 400 Prozent plus vom BIP schlichtweg nicht leisten kann. Auf der anderen Seite bleibt das Problem: Was nutzen uns die schönen Überschüsse, wenn wir dafür wertlose Forderungen bekommen? Der Kommentar eines Lesers dieser Seiten mit dem Beispiel des Kneipenwirts passt genau.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, auf den ein anderer Leser hinweist:

„Ihren Beitrag zu „Schuldenexporteur Deutschland“, dem inhaltlich natürlich zuzustimmen ist, schließen Sie mit den Worten: „Wir exportieren Waren und importieren dafür Schulden. Ein denkbar schlechtes Geschäft.“

Ich gebe allerdings zu bedenken, dass das Geschäft nicht für alle ein denkbar schlechtes ist. Im Gegenteil: Zumindest eine gesellschaftliche Gruppe profitiert gleich mehrfach von der derzeitigen Situation, nämlich die unmittelbar oder mittelbar exportierenden Unternehmen:

  • DIESE erhalten für die exportierten Waren keine Schulden, sondern erhalten den Kaufpreis. Die – um mit Ihren Worten zu sprechen – mit dem Warenexport durch Exportüberschuss importierten Schuldenausfallrisiken, werden bei ihrer Bereinigung/Abschreibung hingegen überwiegend von den übrigen Wirtschaftsteilnehmern Deutschlands getragen, ohne dass diesen bislang hierfür eine Risikoprämie zugestanden würde. Dies gilt insbesondere für die Masse der Arbeitnehmer, die seit geraumer Zeit vielmehr mit negativen Reallöhnen am Exportwunder partizipieren, aber Vollhafter sein werden.
  • Die exportierenden Unternehmen profitieren ferner vom gegenüber einer stärkeren nationalen Währung (oder auch einem relativ stärkeren Nord-Euro oder ähnlichem) schwächeren Euro, der aus deutscher Sicht mithin Export-fördernde Wirkung hat. Die Lasten, die aus den Rettungsaktionen zum Erhalt des Euro zu tragen sind, sind hingegen abermals überwiegend von den übrigen Wirtschaftsteilnehmern zu tragen, die nicht nur durch den schwachen Euro im Konsum belastet werden  (exemplarisch plakativ: Urlaubs- und Spritkosten), sondern die auch die zur Rettung des Euro aufgewandten Beträge zum Beispiel über Steuern abzutragen haben.
  • (Auch) die exportierenden Unternehmen profitieren von dem mit dem Ziel der Euro-Rettung künstlich gesenkten Zins durch den daraus resultierenden niedrigen Finanzierungsaufwand. Dies geht zu Lasten der „Sparer“ im weitesten Sinne.

Fazit: Nicht WIR exportieren Waren, und nicht WIR importieren Schulden, sondern krass ausgedrückt: WIR sind die Sponsoren einiger weniger, die auf UNSERE Kosten Exportgewinne realisieren, wobei WIR die (verlorene) Exportfinanzierung stellen.
Wenn im Vorstehenden kein Denkfehler enthalten ist, wäre doch die naheliegende Lösung, zunächst an der Euro-Rettung (sowie dem von Ihnen zu Recht geforderten Schuldenschnitt) gezielt die zu beteiligen, die von der Situation profitieren und zwar gleich mehrfach (siehe oben).

Ich gebe zu: Meine Ausführungen müssen den Eindruck erwecken, ich sei wirtschaftsfeindlich oder/und „links“. Ich darf Ihnen versichern, das Gegenteil ist der Fall, aber eine Lösung der aktuellen Situation fordert Objektivität.“ Zitat Ende.

Der Leser hat Recht. Natürlich gibt es auch einen breiteren Nutzen der Exporterfolge: höhere Beschäftigung (wenn auch zu geringeren Löhnen auf die ich im Kommentar für das Handelsblatt vor einigen Monaten auch hingewiesen habe) und mehr Steuereinnahmen. Aber im Kern sind Nutzen und Schaden nicht gleich verteilt. Folgendes ist zu tun:

  1. Wir müssen versuchen, einen möglichst großen Teil unserer Forderungen zu retten. Verblüffender Weise werden wir mehr retten, wenn wir freiwillig auf einen Teil verzichten. Beispiel: Schuldentilgungsfonds. Setzen wir auf volle Rückzahlung, werden wir am Ende mehr verlieren.
  2. Wir müssen aufhören unsere Exporterlöse so schlecht anzulegen. Da ist die Idee eines „Sovereign Wealth Funds“, den Thomas Mayer vor einiger Zeit in der F.A.Z. vorgestellt hat, gar nicht so schlecht.
  3. Wir müssen möglichst schnell mehr im Inland ausgeben. Aber nicht für Konsum sondern für Investitionen, um die Grundlage für unsere Renten zu legen. Der Staat muss die Infrastruktur sanieren, aber auch die Unternehmen müssen dringend mehr investieren.
  4. Und dann geht es um die Finanzierung von 3. Da haben die Unternehmen die Wahl: selber investieren oder Steuern zahlen. Auch das wurde vor Monaten in dem Handelsblattbeitrag angesprochen.

Wie der Leser bin ich nun wahrlich nicht wirtschaftsfeindlich. Aber der Mangel an Investitionen darf nicht dazu führen, dass die „anderen Wirtschaftssubjekte“ – im Klartext der normale Steuerzahler – die Verluste des Schuldenimports einfahren.

Handelsblatt: Stärkung der Binnennachfrage: Familienunternehmer attackieren SPD, 6. März 2014

7 Antworten
  1. Jan says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    wieder einmal ein sehraussagekräftiger Artikel. Dir Frage die sich mir stellt ist nur, wie sollen denn die Unternehmen investieren, wenn SIe keine entsprechende Nachfrage gegenüber haben (Stichwort: „übersättigte Märkt“)? Die Preise müssen sinken und werden auch sinken oder sinken bereits, aller geschönten Statistiken zum Trotz. Wir sind allesamt viel zu saturiert und Innovation (i.S. von großen technologischen Fortschritten a la Eisenbahn = Investitionen)? Wo soll die denn herkommen, es ist doch bereits alles optimiert (Prozesse der Unternehmen) und ausgereizt. Ich denke die Aufgabe wird sein, die Menschen daran zu gewöhnen, weniger zu arbeiten und zusätzlich neue Arbeitsplätze zu schaffen bei fallenden Preisen kein Problem, denn dann steigt die Nachfrage ja, zumindest gemäß BWL-Dogmen. Ich denke wir haben sehr große Herausforderungen vor uns, wenn selbst gut ausgebildete Menschen keinen Arbeitsplatz oder nur noch befristete Arbeitsverträge angeboten bekommen; dies im Übrigen ist wohl auch äusserst investitionsfeindlich, denn wer Angst hat seinen Arbeitsplatz zu verlieren, wird wohl kaum großartig investieren. Viele Stellschrauben, an denen gedreht werden müsste, auch an den Unternehmenssteuern, die viel zu niedrig sind. Daraus könnten dann wieder Wahlgeschenke finanziert werden. Wenn man es ganz genau betrachtet, kann man eigentlich nur noch von Wahnsinn sprechen, der sich in den oberen Etagen breit macht und niemand in Sicht, der es zu ändern versucht, jeder nur nach seiner Nutzenmaximierung (egal worin sie besteht).
    Ach so eine Bitte noch: Könnten Sie einmal erklären, warum die FED und auch die EZB versuchen, diese ABENOMICS-Mentalität, die seit 20 Jahren nichts erreicht hat zu kopieren? Versprechen die sich als Ergebnis, dass es bei Ihnen schon wirken wird? Vielleicht sollten sie eher zugeben, dass die Geldpolitik, wie sich die Lehrbücher das so vorstellen in der realen Welt nicht mehr funktioniert! Dazu fällt mir noch ein schönes Zitat von Albert Einstein ein: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten“

    Beste Grüße

    Jan

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Vielen Dank für Ihre Nachricht. Sicherlich haben Sie recht, dass Unternehmen aus gutem Grunde mit Investitionen zurückhaltend sind. Umso mehr müssten wir dann von staatlicher Seite – wobei ich den Staat für einen denkbar schlechten Unternehmer halte – Infrastruktur und Innovation fördern. Ein Modell wo wir alle „weniger“ haben, ist durchaus charmant, hat aber auch einige Probleme: Wer definiert, wie viel „genug“ ist? (Da denke ich, wir sollten den Menschen nicht entmündigen.) Und: Ohne Wachstum bricht unser ganzes (Schulden)-Ponzi-Gebäude zusammen. Deshalb denke ich nach wie vor, die Reihenfolge muss sein: Schuldenproblem anpacken, dann Wirtschaftssystem reformieren, was dann Richtung private Geldschöpfung, stärkere Bankenregulierung, weniger Kredit für Konsum, mehr für Investition etc. gehen sollte. Ein breites Feld!

      Danke für Ihr Interesse an meiner Seite.

      DSt

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  2. thewisemansfear says:

    Die Familienunternehmer, auf die Sie sich beziehen, blenden die wechselseitigen Abhängigkeiten beim „Wirtschaften“ einfach aus. Dass Überschüsse auf der einen Seite auch Defizite anderswo bedeuten, steht nicht sonderlich hoch im Kurs. Da kommt die BWL-Denke durch: alles zu meinem Vorteil ist auch für die Gesamtheit von Vorteil. Was natürlich völliger Humbug ist.

    Das Wirtschaftssystem krankt daran, dass Wettbewerb eben kaum mehr über Innovationen oder Prozesse stattfindet, sondern nur noch als Verdrängungswettbewerb über den Preis. Das ist in gesättigten Märkten einfach so. Dann heißt es schlucken oder geschluckt werden, am Ende dieser Entwicklung gibt es dann nur noch wenige Große. Und das Wichtigste: keinen (echten) Wettbewerb mehr!
    Vollkommen widersinnig, aber es gibt sogar Management-Lektüre darüber. Titel „Mergers Endgame“.
    Hier als Beispiel die Entwicklung einiger aktueller „Größen“: http://techcrunch.com/2014/02/25/the-age-of-acquisitions/

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  3. Uli49 says:

    Das Beispiel, das Sie zitieren, vom Wirt, der seine Gäste anschreiben läßt, kann man noch weiterspinnen:
    Der Wirt hat auch Angestellte. Um die bezahlen zu können, geht er zur Bank und will sein Anschreibebuch beleihen.
    Der Bank sind seine Forderungen an die Gäste jedoch zu unsicher, deshalb verlangt die Bank, daß die Angestellten sicherheitshalber für das Anschreibebuch bürgen. Der Wirt macht Druck und droht mit dem Verlust des Arbeitsplatzes.
    Also bürgen die Angestellten. Der Laden floriert, niemand findet es verwerflich, daß der Wirt sich ein dickes Luxusauto gönnt, schließlich schafft er ja Arbeitsplätze.
    Als dann die Schulden explodieren und die Kneipe zumachen muß, hat der Wirt dafür gesorgt, daß sein Privat- und Geschäftsvermögen sauber getrennt sind. Er kann sein Luxusauto behlaten, nur seine Angestellten werden für den Rest ihres Lebens in Schuldknechtschaft leben. Nur ein Schuldenschnitt kann jetzt noch den Sturm auf die Bastille (heute die Banken) verhindern.
    Viele Grüße und weiterhin erfolgreiches bloggen
    Uli

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Danke. Kann man so weiterspinnen – muss man aber nicht. Letztlich hat der echte Wirt auch Schuldendruck, hat also seine Einrichtung auf Kredit gekauft. Da wird er erstmal versuchen, den Kredit abzubauen, bevor es zu einem großen Auto kommt.

      LG

      DSt

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  4. Michael Krause says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    passend zu Ihrem Beitrag hat die BuBa am 5.April den Auslandsvermögensstatus der Deutschen Volkswirtschaft veröffentlicht. Ich denke, es ist lohnend, sich diesen einmal näher zu betrachten:

    Danach beträgt der Vermögensstatus der öffentlichen Haushalte zum Ende des 4. Quartal 2013 -966,793 Mrd. Euro, der privaten Haushalte und nichtfinanziellen Unternehmen +1332,632 Mrd. Euro, der Monetary Financial Institutions +293,209 Mrd. Euro und der Deutschen Bundesbank aus Sonstigen Anlagen +520,733 Mrd. Euro, (darunter auch der von Ihnen angezogene positive Target2 Saldo) und aus den Währungsreserven (Q4 2013: +143,753 Mrd. Euro).

    Fazit: Das deutsche Auslandsvermögen wird im Wesentlichen von den privaten Haushalten und Unternehmen gehalten. Diesen vorzuschreiben, wie sie dieses anzulegen haben, dürfte kaum möglich sein.

    Soweit sie die positiven Target 2 Salden als ausfallgefährdet problematisieren, so ist mE eine Prognose, zu wessen Lasten ein Wertberichtigungsbedarf gehen wird, verfrüht. Hierzu gibt es unterschiedliche Denkmodelle. Ich verweise hier nur beispielhaft auf de Grauwe (LSE).

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Sehr geehrter Herr Krause,

      vielen Dank für diesen Hinweis. Richtig: Wir können und sollten nicht vorschreiben, wie angelegt wird. Wir sollten aber hoffen – und darauf hinwirken – dass es möglichst gut angelegt wird. Target II ist zu früh. Stimmt. Es unterstreicht für mich nur, wie komplex die ganze Angelegenheit ist. In Summe drohen wir viel Vermögen zu verlieren, was gerade angesichts der demographischen Entwicklung nicht gut ist.

      Herzlichen Dank für Ihr Interesse und den Beitrag zur Diskussion.

      DSt

      Antworten

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