Die Schulden des Einen sind die Forderungen des Anderen

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Schulden sind gut. Sofern sie zu produktiven Zwecken verwendet werden: zur Investition in neue Anlagen, zur Finanzierung von Forschung und Innovation. Konsum auf Kredit ist auch in Ordnung, solange der Schuldner die Absicht hat, die Schulden wieder zurückzuzahlen,  vereinfacht gesagt: wenn Schulden zu einer Mehranstrengung führen und damit das Einkommen und gesamtwirtschaftlich das BIP steigern. Dann wachsen Schulden und BIP mit der gleichen Rate. Das habe ich in der Serie zur Eigentumsökonomik ausführlich erklärt.
Problematisch wird es dann, wenn Schuldner nicht das erforderliche Mehrprodukt erzeugen, zum Beispiel weil sie auf eine weitere Wertsteigerung der Immobilie hoffen, die sie auf Kredit gekauft haben. Dann spricht man gemeinhin von Ponzi-Finanzierung.

Interessant dazu einige Fakten aus einem Beitrag in der FT, den ich im letzten November schon einmal vorgestellt habe. Er ist aber immer noch hochaktuell:

  • In England haben sich die Hypotheken und Kredite an Immobilien- und Finanzunternehmen seit 1990 von 33 Prozent des BIP auf nun 98 Prozent des BIP verdreifacht.
  • Die Ausleihungen an die produktiven Sektoren – also die Nicht-Finanzunternehmen – blieben stabil bei 25 Prozent des BIP.
  • Englische Banken verleihen damit viermal so viel an unproduktive Sektoren wie an produktive Sektoren der Wirtschaft.
  • Nicht anders sieht es unter anderem in den USA, Australien, Kanada, Holland und Schweden aus.
  • Die erhöhte Verschuldung führt also nicht zu einer Mehrleistung, sondern erhöht die Krisenanfälligkeit der Wirtschaft.
  • Studien zeigen zudem, dass Länder mit einem großen Finanzsektor weniger Investitionen und Innovationen in der Realwirtschaft haben.
  • Der Finanzsektor wird nicht weiter so wachsen können, da er zunehmend vor dem Problem steht, beleihungsfähige Assets zu finden. Es fehlt schlichtweg an Collateral.
  • Entweder wird dennoch weiter Kredit gewährt mit den unweigerlichen Wirkungen für die Stabilität des Finanzsystems, oder aber es kommt zu einem Ende, welches bei einem derart hohen Anteil an Ponzi-Finanzierung sehr leicht zu einer deflationären Entwicklung führen kann.
  • Eine geordnete Rückführung des Schuldenberges wird das Wachstum der Wirtschaft auf Jahre hinaus belasten
  • Besser wäre es, die Schulden zu senken und den Finanzsektor zu verkleinern. Beides geht nur zusammen, denn die Größe des Finanzsektors ist nichts anderes als das Spiegelbild zur Größe unseres Schuldenberges
  • Wir haben die Wahl, wie wir die Schulden senken: in einem lange dauernden schmerzhaften Prozess oder durch die Mobilisierung der vorhandenen Sparguthaben.

Der Autor – Professor an der Universität von Groningen – erinnert uns an wichtige Zusammenhänge:

  • Guthaben = Schulden
  • Schulden gut, solange produktiv
  • unproduktive Schulden = Problem
  • Abbau immer auf beiden Seiten zugleich: weniger Schulden = weniger Guthaben
  • Wir haben die Wahl: langsam und quälend oder rasch und geordnet
  • Und wir können die Instrumente wählen. Hier Anreize zu mehr Investition und geordnetem Vermögensübergang zwischen Generationen. Dort über Steuern.

Es ist nur eine Frage der Zeit. Am Ende des Anpassungsprozesses steht in jedem Fall beides: weniger Schulden und ein kleinerer Finanzsektor. Und mehr Stabilität. Es geht uns wie demjenigen, der in einem Fass die Niagara-Fälle herunterstürzt. Oben und (hoffentlich auch) unten ist es okay. Der Weg dazwischen ist unangenehm.

1 Antwort
  1. thewisemansfear says:

    Vergessen Sie nicht diejenigen, die bereits ihre Schäflein ins vermeintlich Trockene gebracht haben. Also die, die sich Assets, egal ob Immobilien, Edelmetall, Aktien, etc. zugelegt haben.
    Diese Assets sind ja sozusagen der wahre Reichtum, es könnte sonst eine größere Gerechtigkeitsdebatte losgetreten werden, sollten nur Geldvermögen zur Schuldentilgung herangezogen werden. Beim Aufräumen dieser Misere dürfen sich alle beteiligen.

    Antworten

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