Banken schaden nicht nur durch Unfälle – sondern strukturell

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Ich  habe mich schon immer gefragt, ob es wirklich im Interesse der langfristigen Entwicklung einer Volkswirtschaft ist, wenn die Klügsten eines jeden Jahrgangs bei Banken (und Beratungsfirmen) anheuern, um dort schnell Karriere zu machen und deutlich mehr zu verdienen, als in den anderen Sektoren einer Volkswirtschaft. Interessanterweise sind in der Vergangenheit Banker nur in zwei Phasen deutlich mehr bezahlt worden als Angestellte in anderen Branchen: nämlich von 1925 bis zirka 1938 und dann wieder seit ungefähr 1995; noch andauernd. Die Studie dazu ist hier verlinkt.
Im äußerst sehenswerten Film „Margin Call“ gibt es eine Schlüsselszene: Der soeben gefeuerte Risikomanager räsoniert über sein Leben und stellt fest, das einzige Mal, wo er wirklich einen Beitrag zur Verbesserung der Welt geleistet habe, sei der Bau einer Brücke gewesen, die für Tausende von Pendlern die Fahrstrecke um 40 Meilen reduziert. Seine Arbeit bei der Bank hingegen sei nicht nutzbringend für die Gesellschaft gewesen.
Das deutet darauf hin: Der Schaden durch ein übergroßes Finanzsystem liegt nicht nur in den Kosten der Allgemeinheit für Krisenbekämpfung wie seit 2008, welche letztlich einer Privatisierung von Gewinnen und einer Sozialisierung von Verlusten entspricht, sondern auch darin, dass die besten Talente eben nicht der Erhöhung des Wachstumspotentials der Volkswirtschaft dienen, sondern der optimalen Spekulation an den Finanzmärkten.
Nun könnte man dies als politisch einseitige Sicht abtun – wobei ich bei bto sicherlich keine „linken Thesen“ propagiere – gäbe es da nicht eine fundierte Studie der Notenbank der Notenbanken, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. In ihrer Studie „Why does financial sector growth crowd out real economic growth“ kommen Stephen Cecchetti (der Chefvolkswirt der BIZ) und Enisse Kharroubi zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Produktivität des Realsektors SINKT, wenn der Finanzsektor eines Landes einen zu hohen Anteil einnimmt. Gleich Abbildung 1 zeigt die Korrelation: hohes Wachstum Finanzsektor – zum Beispiel wegen eines Kreditbooms, der ja erfahrungsgemäß in nicht-produktive Bereiche einer Volkswirtschaft geht (Bau!) – geringere Produktivitätszuwächse. Ursachen sind demnach:

  • ein Bevorzugen nicht produktiver Investitionsbereiche
  • ein Abwandern hochqualifizierter Arbeitskräfte in den Finanzsektor

Gerade Letzteres führt dazu, dass forschungsintensive Branchen in einem Land mit schnell wachsendem Finanzsektor langsamer wachsen als forschungsschwache Sektoren in Ländern mit langsam wachsenden Finanzsektor. Klartext: nicht nur relativ schwächer innerhalb des Landes sondern schlechter, als die schlechteren Sektoren anderer Länder!

Wenn es also eines Argumentes für eine Beschränkung des Finanzsektors bedurft hätte, hier ist es: Gerade alternde Gesellschaften müssen alles daran setzen, die Gesamtproduktivität ihrer Volkswirtschaften zu steigern. Dazu müssen die klügsten Köpfe beitragen. Dies tun sie am besten in Forschung und Produktion und nicht durch das Jonglieren an den Finanzmärkten.

Die gute Nachricht: Es wird zu einer Reduktion der Einkommensprämie im Finanzsektor kommen. Noch ist der Prozess viel zu langsam, aber mit jeder weiteren Krisenepisode wird der Druck auf die Banken und damit die Profitabilität des Sektors zunehmen. Ich  meine: Nicht nur der öffentliche Sektor muss effizienter werden und Arbeitskräfte für den produktiven Bereich der Volkswirtschaft frei setzen. Das gilt auch für die Banken.

BIS: Why does financial sector growth crowd out real economic growth, September 2013

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